Der Redakteur | 22.11.2021 Was wird mit 3G im Nahverkehr?

Maria aus Gera fragt: "Ich darf mich aus medizinischen Gründen erst ab Mitte Dezember impfen lassen, muss mich also testen lassen, bevor ich mit der Straßenbahn fahren darf. Doch zum Testzentrum komme ich nur mit der Straßenbahn. Und so geht es auch vielen Pendlern. Da die Tests nur 24 Stunden gelten, haben sie mindestens jeden Montag ein großes Problem. Wie stellt man sich das in der Praxis vor?" Redakteur Thomas Becker ist den Fragen nachgegangen.

Frau mit Mundschutzmaske sitzt in Zug
"Ihren 3G-Nachweis, bitte" - zusätzliche Corona-Anforderung im Öffentlichen Nahverkehr Bildrechte: IMAGO / Michael Weber

Wenn es das Ziel war, den Druck auf Ungeimpfte zu erhöhen, dann wurde es erreicht. Die Fahrt mit dem Nahverkehr wird ohne Impfnachweis mit 3G nicht bequemer. In der öffentlichen Diskussion geht es in diesen Tagen vor allen Dingen um die praktische Umsetzung der 3G-Regelung. Die Fahrt zum Testzentrum ist da aber bei weitem nicht die einzige Frage, die noch ungeklärt ist. Die Kontrollfrage ist es genauso.

Zugbegleiter der Deutschen Bahn tragen Gesichtsmasken am Bahnsteig kurz vor der Abfahrt eines ICE Zugs
Die 3G-Anordnung ist da - aber wer soll die Einhaltung kontrollieren? Bildrechte: imago images / Jochen Eckel

Mit seiner Ankündigung in der ARD, die Zugbegleiter würden nicht kontrollieren, war GDL-Chef Claus Weselsky schneller als ein ICE. Die Bahn selbst will ihre Pläne erst "zeitnah" bekannt geben, hieß es.

Eine solche Wahl haben die Gastronomen übrigens nicht. In den ersten Bundesländern haben die Kontrollen der 2G-Regel bereits begonnen, mit empfindlichen Strafen für den Gast und noch empfindlicheren für den Gastgeber. Dieses Modell auf die Deutsche Bahn übertragen, hieße, dass die Bahn für jeden erwischten Fahrgast mehrere tausend Euro zahlen muss. Auf die Idee ist allerdings noch keiner gekommen. Aber die Pandemie ist ja noch nicht vorbei.

3G-Kontrollen: Was muss das Busunternehmen leisten?

Auch der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sieht in den Kontrollen eine hoheitliche Aufgabe, deshalb sind die Unternehmen derzeit mit Ordnungsämtern und Polizei in Gesprächen. Der VMT Mittelthüringen als größter Verkehrsverbund in Thüringen hat am Dienstag um 14 Uhr eine Sitzung anberaumt, um sich anschließend zu positionieren.

Debatte im Thüringer Landtag 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 18.11.2021 19:00Uhr 02:03 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Kaum mehr als Stichproben möglich

Wer auch immer am Ende die Kontrollen durchführen wird, es werden letztlich wohl nur Stichproben sein können. Aber die Erfahrung in der Pandemie hat uns schon gelehrt, dass alleine schon die Ankündigung einer Maßnahme oder eines Lockdowns das Verhalten fast schlagartig verändert hat.

Ob ein Fahrgastschwund allerdings hilft, die Pandemie einzudämmen, daran gibt es Zweifel. Prof. Christian Drosten, hauptberuflich Virologe und nebenberuflich Buhmann der Corona-Leugner, sagte in einer Expertenanhörung im Bundestag vor einer Woche, die 3G-Regel könne in stabilen Sozialgruppen wie am Arbeitsplatz etwas ausrichten, "zum Beispiel mit Tests alle zwei Tage".

In den öffentlichen Verkehrsmitteln würde die Testung als Zugangsvoraussetzung jedoch die Infektion von Ungeimpften nicht verhindern. Das sieht auch Professor Mathias Pletz so. Er sieht die maskenfreien Zonen am Arbeitsplatz und zu Hause als Pandemietreiber.

Dass im Nahverkehr viel Ansteckung passiert, wenn die Leute mit Maske selbst dicht gedrängt in der U-Bahn stehen und sich nicht unterhalten, halte ich für weniger wahrscheinlich.

Prof. Mathias Pletz, Immunologe, Uniklinikum Jena

Bus und Bahn kein Ort für Ansteckung

Nun steht die Thüringer Bus- oder Straßenbahnfahrt wahrlich nicht im Verdacht, ein kommunikativer Ausflug zu sein. Außerdem wird zumindest im städtischen Verkehr alle drei Minuten kräftig durchgelüftet. Für die Pandemiebekämpfung – und darum sollte es ja gehen – würde es ohnehin nur hilfreich sein, wenn alle Busse am Impfzentrum halten würden.

Denn die hektischen Bewegungen, die derzeit in den politischen Entscheidungsgremien vollzogen werden, haben einen Grund: Die Leute dort haben verstanden, dass sich unser sonst lineares Leben gerade anschickt, einen exponentiellen Verlauf zu nehmen. Das ist die Geschichte mit dem Seerosenteich, so Professor Mathias Pletz. Wenn sich jeden Tag die durch die Seerosen bedeckte Fläche verdoppelt und nach 37 Tagen der halbe Teich bedeckt ist, wann ist er dann komplett mit Seerosen bedeckt? Nach 38 Tagen.

Übersetzt in die Pandemie bedeutet das: Angesichts nach wie vor 30 Prozent Ungeimpfter können die Epidemiologen ausrechnen, wann das jetzt halb volle Glas überläuft. Und ja, es sind die Ungeimpften, die zum Problem werden, auch wenn sie es nicht mehr hören können oder noch nie wollten. Das ständige Wiederholen, dass es ja auch Impfdurchbrüche gäbe und überhaupt das Impfen gefährlich sei und ohnehin gar keinen Sinn mache, das können die Mediziner schon lange nicht mehr hören.

Digitaler Impfpass auf einem Smartphone-Display mit Impfbuch und Spritze
Der digitale Impfpass auf dem Handy - so hat man als Fahrgast immer alles dabei. Bildrechte: IMAGO / Bihlmayerfotografie

Booster-Impfung frischt Impfschutz auf

Belastend für unser Gesundheitssystem, weil sie in der Klinik und auf der Intensivstation landen, sind jüngere Ungeimpfte und ältere Geimpfte mit Vorerkrankungen, bei denen die Impfung (Wirksamkeit 95 Prozent!) nicht richtig oder nicht mehr wirkt. Das "Nicht mehr" hätten wir durch zeitigeres Boostern verhindern können, so Pletz.

Dass Auffrischungsimpfungen nötig werden könnten - Stichwort Grippe - darauf verweisen die Experten seit Monaten. Dass ihre Prognosen jetzt eintreffen, ist kein Beweis für die Unwirksamkeit der Impfung, sondern eher für die Sorglosigkeit medizinischer Laien.

Das sehen wir zum Beispiel auch bei unseren Mitarbeitern am Klinikum, die sehr engmaschig überwacht werden. Aber all diese sogenannten Durchbruchsinfektionen haben bislang – zumindest bei denen, die noch im arbeitsfähigen Alter sind – nicht zu Krankenhauseinweisungen geführt.

Prof. Mathias Pletz, Immunologe, Uniklinikum Jena

Ein Intensivpfleger betreuen einen Covid-19-Patienten
Mediziner: Die Intensivstation zu vermeiden ist mit Impfung erheblich wahrscheinlicher. Bildrechte: imago images/ULMER Pressebildagentur

Covid-19 wesentlich gefährlicher als Impfung

Und die Argumentation vieler, die sehr überzeugt auf eine Allergie oder Vorerkrankung als Impfhinderungsgrund verweisen und die am Ende noch erleichtert sind, dass ihnen ihr Arzt von einer Impfung abrät, denen sei gesagt, dass die Delta-Variante vom Verbreitungsvermögen fast Windpockenqualität erreicht hat.

Corona wird uns alle wohl – das vermutet nicht nur Prof. Pletz – in den nächsten Monaten erreichen. Und auch bei den allermeisten Vorerkrankungen ist eine Impfung ein Vorteil, darauf werden wir an dieser Stelle in den kommenden Tagen noch ausführlicher eingehen. Und wenn die entsprechende Disposition besteht, z.B. bezüglich einer Herzmuskelerkrankung oder ähnlichem – das Virus wird die gleiche Wirkung haben, nur mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit und mit einem schweren Krankheitsrisiko noch obendrauf. So gesehen mag der erhöhte Druck auf die Ungeimpften jetzt vielleicht unfassbar nervig sein, aber er könnte ihr Leben retten.

Mehr zum Impfen und zu Kontrollen

Quelle: MDR THÜRINGEN (csr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. November 2021 | 15:10 Uhr

0 Kommentare