Der Redakteur | 23.11.2021 Vierte Welle in Thüringen: Warum tun wir uns mit Corona so schwer?

Infektionszahlen auf Rekordhöhe: Erneut steht uns ein harter Corona-Winter mit vielen Einschränkungen bevor. Doch warum tun wir uns so schwer mit der Pandemie? Und vor allem mit dem Impfen?

Vierte Welle voraus - Symbolbild zum Thema 4. Corona-Welle.
Die Zahl der aktiv Infizierten steigt gegenwärtig täglich. Ab Mittwoch gelten in Thüringen schärfere Corona-Regeln. Bildrechte: imago images/IlluPics

Wir haben in der Pandemie gelernt, dass Medizin und Mathematik zusammengehören. Zahlen spielen eine große Rolle - und große Zahlen sind unser Problem. Diese hätten wir nicht, wenn wir alle geimpft wären. Vielleicht hätten wir sie noch in den Statistiken beim RKI als positiv Getestete, aber eben nicht in den Krankenhäusern als Patienten.

Nun muss ganz sicher spätestens nach der Pandemie die Grundsatzdiskussion geführt werden über das Kaputtsparen unseres Gesundheitssystems, die Bezahlung von Pflegekräften und die Frage, ob wirtschaftliche Interessen von Krankenhausgesellschaften eine Rolle spielen dürfen.

Aber das hilft uns jetzt in der Pandemie nicht mehr. Das hat auch etwas mit dem exponentiellen Verlauf zu tun, der im Moment Fahrt aufnimmt und die politischen Entscheidungsträger aus den Sesseln treibt. Experten wie Prof. Pletz, das RKI oder die allseits bekannten Virologen, warnen schon seit dem Sommer vor dieser vierten Welle.

Die Exponentialfunktion passt nicht in unser Lebensumfeld, unser Leben ist linear.

Interview Prof. Mathias Pletz, Uniklinikum Jena

Prof. Dr. Mathias Pletz, Leiter Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene Uni-Klinik Jena
Mathias Pletz warnte schon im Sommer. Bildrechte: UKJ/Anna Schroll

Anstieg der Zahlen lässt sich berechnen

Epidemiologen, Virologen und andere Wissenschaftler sehen aber frühzeitig, wenn die Kurven sich anschicken, steil zu gehen. Und sie sehen auch, wo wir in einigen Tagen oder Wochen landen, wenn die Grundbedingungen die gleichen sind, sprich: die Zahl der Kontakte und die Infektiosität des Virus. Wenn die Ansteckungsgefahr durch einen Ungeimpften um das Zwanzigfache höher ist, dann ist das Ergebnis der Rechnung eben, dass uns die kleinere Gruppe der Ungeimpften die größten Sorgen bereitet. Mathematisch und auch medizinisch.

Wenn Sie gucken, welche Patienten liegen in den Krankenhäusern, dann sind das junge Ungeimpfte und das sind Ältere, teilweise mit Begleiterkrankungen, deren Impfung schon länger zurückliegt und die noch keinen Booster erhalten haben.

Interview Prof. Mathias Pletz, Uniklinikum Jena

Diese beiden Patiententypen sind es überwiegend, die schwer erkranken können. Deren in der Summe hohen Zahlen belasten unser System. Und selbst in der theoretischen Annahme, wir hätten mehr Kapazitäten auf den Intensivstationen: Wenn jetzt schon ein Drittel der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt ist, zeigt das zunächst nur, dass wir ein Problem mit einer konkreten Krankheit haben.

Mann 34 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 23.11.2021 17:10Uhr 34:25 min

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Mehr Betten (bedeutet mehr Fachpersonal) wären natürlich zunächst hilfreich, nur wenn die Pandemie unbegrenzt und auch exponentiell weiterläuft, wäre der nächste Punkt der Überlastung noch schneller erreicht. Das heißt: Wir müssen die Welle brechen, das ist die einzige Möglichkeit. Zumal man auch bedenken muss, dass das Landen im Intensivbett kein erstrebenswertes Ziel ist. Annähernd die Hälfte der Corona-Patienten überlebt das nicht und die Überlebenden haben zu einem großen Teil lange Reha-Phasen vor sich, um wieder einigermaßen ins Leben zurückzufinden.

Warum kann es nur die Impfung sein?

Vorbehalte gegen die Impfung sind so alt wie die Impfungen selbst. Davon zeugen Plakate aus der Zeit der ersten Pockenimpfungen. Und das ist 200 Jahre her. Weil der Erfinder mit Kuhpocken impfte, glaubten die Menschen zur Kuh zu werden. Die Pocken rafften damals einen großen Teil der Infizierten dahin, die Überlebenden hatten Schäden ein Leben lang. Die Pockenimpfung ist eine Erfolgsgeschichte - und zwar eine von vielen.

Immer dann, wenn das Risiko einer Ansteckung und einer darauf folgenden schweren Erkrankung deutlich höher ist als das Risiko irgendwelcher Nebenwirkungen, sollten Impfungen ernsthaft in Betracht gezogen werden. Das ist jedenfalls die medizinische Sicht der Dinge. Niemand bestreitet, dass es schwere Komplikationen geben kann und dass es letztlich auch Todesfälle gibt. Nur bestreiten die Experten vehement die Häufigkeit, wie sie im Netz gern dargestellt wird.

Diese schweren Impfkomplikationen liegen wirklich bei eins zu einer Million bis eins zu zehn Millionen und damit wirklich in einem sehr geringen Bereich.

Prof. Mathias Pletz, Immunologe Uniklinikum Jena

Auch ist bei Menschen, die eine bestimmte Disposition haben, die eine schwere Impfkomplikation auslöst, die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass das Virus genau das gleiche tut. Diese Erfahrungen hat die Wissenschaft auch bei anderen Impfstoffen gemacht. Als Beispiel nennt Prof. Pletz Influenza-Impfung und Multiple Sklerose. Die Betroffenen haben Angst, dass die Impfung einen Schub auslösen könnte.

Man hat das in vielen Studien untersucht und es kam für Multiple Sklerose das gleiche raus wie für verschiedene Rheumaerkrankungen. Die natürliche Infektion hat immer ein höheres Risiko einen Schub auszulösen als die Impfung. Das gilt auch für Organtransplantierte.

Prof. Mathias Pletz, Immunologe Uniklinikum Jena

Deshalb gibt es auch so gut wie keine dauerhafte Kontraindikation, sprich: keine Krankheit, die gegen die Impfung spricht. Und schon gar nicht mit dem Wissen, dass die Verbreitung der Deltavariante fast Windpockenqualität erreicht hat. Das Gleiche gilt auch für die Angst vor einer Entzündung am Herzen.

Ein Facharzt und mehrere Intensivpfleger versorgen einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation der Leipziger Uniklinik in Bauchlage
Auf den Intensivstationen liegen überwiegend ungeimpfte Patienten. Bildrechte: dpa

Immunsystem durch Impfung auf Deltavariante vorbereiten

Natürlich wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit nach einer mRNA-Impfung leicht erhöht ist, eine Myokarditis zu entwickeln, bei Moderna ist dieses Risiko noch etwas höher als bei Biontech. Deshalb wird bei uns in der auffälligen Gruppe der unter 30-Jährigen nur noch Biontech verimpft. Aber das Risiko ist nach wir vor verschwindend gering und wird vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut penibel überwacht.

Das Immunsystem ist hochindividuell. Man kann das Risiko haben, dass man eine Myokarditis entwickelt. Aber die Wahrscheinlichkeit unter einer natürlichen Infektion ist noch um ein Vielfaches höher als so etwas nach einer Impfung zu entwickeln.

Prof. Mathias Pletz, Immunologe Uniklinikum Jena

Im Klartext: Da wir der hochansteckenden Deltavariante nicht entkommen können, sollten wir unser Immunsystem durch eine Impfung vorbereiten. Und das auch dann, wenn Hilfs- und Konservierungsstoffe in den Ampullen sind, gegen die Allergien bekannt sind. Diese sind gut beherrschbar, vor allen Dingen, wenn die Impfärzte darüber informiert sind und wissen, dass zum Beispiel schon einmal ein Allergieschock vorgekommen ist. Prof. Pletz empfiehlt solchen Patienten, sich unter Aufsicht in einer Klinik impfen zu lassen.   

Da gibt es zum Beispiel die Hautkliniken, die eine solche Allergietestung und auch eine Impfung unter Überwachung anbieten.

Interview Prof. Mathias Pletz, Uniklinikum Jena

Herdenimmunität nur mit hoher Impfquote

Wie wichtig es ist auch für uns als Gesellschaft ist, dass sich möglichst viele impfen und boostern lassen, das zeigt auch die Diskussion um die natürliche Herdenimmunität. Mittlerweile sind sich die Experten ziemlich sicher, dass ein kompletter Impfschutz mit späterer Virusbekanntschaft wohl den allerbesten Schutz bieten werden.

Nur können wir es uns mit 30 Prozent Ungeimpften noch nicht erlauben, diesen Schritt zu gehen. Wenn dann wirklich nahezu alle geimpft oder genesen wären, dann spricht nichts mehr dagegen, dieses Risiko einzugehen. Das Überlastungsargument fiele dann komplett weg. Dass dann die nackten Positiv-Zahlen erneut steigen, das kann uns dann egal sein, weil die Belegungszahlen niedrig bleiben werden.

Denn das Virus wird aus unserem Leben nicht verschwinden. Vielleicht müssen wir es immer mal wieder durch Nachimpfen in Schach halten, aber das machen wir bei anderen Erkrankungen schon seit Jahrzehnten und zwar völlig entspannt. Apropos: Wie sieht es eigentlich bei Ihnen mit Tetanus aus? Sind die zehn Jahre schon wieder rum?

Mehr zum Impfen und zu Kontrollen

Quelle: MDR(ifl)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 23. November 2021 | 15:10 Uhr

4 Kommentare

Gefr77 Gestern

....dann den Staat verklagen kann."
Sie haben vollkommen Recht. Diese Deppen setzen sich und andere auch noch wegen Geld,der Klagemöglichkeit den Gefahren aus.
Unglaublich, was da alles für Ausreden, Falschbehauptungen usw kommen.
Wenn's auch noch Beamte sind, Impfpflicht und fertig, wie bei der Bundeswehr.

knarf2 Gestern

Martin:Ihr Fazit stimmt schon,nur gegen eine Wand zu rennen bedeutet selbst Schmerzen zu haben während der Wand es nix ausmacht,da ohne Gefühl.Von Verstand brauchen wir erst gar nicht zu reden!

Schimmerkind vor 2 Tagen

Super geschrieben, aber leider kämpfe auch ich mit ungeimpften Kollegen und diskutiere mehrfach täglich. Inzwischen ist es eine regelrechte Trotzreaktion sich nicht impfen zu lassen. Nur bei einer Impfpflicht, da man dann den Staat verklagen kann. Und im Zweifelsfall kommt ein gelber Schein. Und die geimpften Kollegen arbeiten doppelt so viel. So krank ist unsere Gesellschaft geworden.

Falls jemand von Kündigung sprechen will, muss ich leider enttäuschen. Die Kollegen sind Beamte und ich Angestellte. Ich bekäme Krankengeld und im Zweifelsfall die Kündigung. Die Beamten bekommen immer ihr volles Geld und haben nichts zu befürchten.

Da ich geimpft bin sitze ich mit einer Kollegin zusammen. Schichtdienst wurde abgelehnt. Merke: es sind wieder die selben die Deppen.