Der Redakteur | 27.02.2020 Welche Einschränkungen des täglichen Lebens gelten bei einer Epidemie?

Nach der Stellungnahme von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Mitwoch - "Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland" - beantwortet unser Redakteur die Fragen: Was bedeutet "Epidemie" eigentlich konkret? Welche Maßnahmen und Einschränkungen des täglichen Lebens sind vorgesehen, wer koordiniert das und wie ist Thüringen darauf vorbereitet?

Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit
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Es sind nur 69 Seiten, die das Wesentliche regeln sollen im Falle einer Pandemie. Unser "Thüringer Influenza-Pandemieplan" bezieht sich übrigens auf Influenzaviren. Da Corona nun einen ähnlichen Verbreitungsweg hat, gelten die allermeisten Ansätze auch für diesen Fall. Trotzdem ist es sinnvoll über Anpassungen nachzudenken. Vieles klingt banal, vom Händewaschen bis zum Impfen ist vieles noch einmal detailliert notiert und heute um 11:00 Uhr haben sich auch alle noch einmal koordiniert, also die Vertreter der Ministerien, Gesundheitsämter, Ärzte, Kliniken, Apotheken, des Landesamtes für Lebensmittelsicherheit usw.

Zusammentreffen der behördlichen Vertreter

Es ist seit Januar schon die fünfte Zusammenkunft auf oberster Ebene und auch wenn wir aktuell keinen Minister haben, sind die Ministerien arbeitsfähig, einschließlich der weisungsbefugten Staatssekretäre. Mit dabei war auch Frank Schenker, Sprecher des Thüringer Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie. Er sieht die Behörden in Thüringen gut vorbereitet auf den möglichen Ernstfall macht aktuell vor allen Dingen das, was im Moment geboten ist: Aufzuklären. Die Ansteckung kommt ja nicht aus dem Nichts, sondern es ist ein ähnlicher Weg wie bei Husten, Schnupfen und Heiserkeit. Von "Hatschi" bis Türklinke.

Uns ist es wichtig zu informieren. Wie sollte man sich zum Beispiel verhalten, wenn man Symptome aufweist und man vorher in einem Risikogebiet war, dass man denn eben zuerst beim Hausarzt anruft und sich nicht ins volle Wartezimmer setzt.

Frank Schenker Sprecher Thüringer Ministerium für Gesundheit

Im Influenza-Pandemiefall kann die Beachtung folgender allgemeiner Hygieneregeln, die besonders wichtig für Kontaktpersonen zu an Influenza Erkrankten sind, einen nicht zu unterschätzenden Schutzeffekt haben: • Vermeiden von Händegeben, Anhusten, Anniesen,
• Vermeiden von Berührungen der Augen, Nase oder Mund,
• Nutzung und sichere Entsorgung von Einmaltaschentüchern,
• gründliches Händewaschen nach Personenkontakt, nach Benutzung von Sanitäreinrichtungen und vor der Nahrungsaufnahme,
• intensive und häufige Raumlüftung,
• Vermeiden von überhitzten Räumen und Zugluft sowie von Fußkälte,
• Trennung der an Influenza erkrankten Personen von Säuglingen, Kleinkindern und Personen mit chronischen Erkrankungen,
• Fieberhaft Erkrankte und mit deutlichen grippalen Symptomen Erkrankte sollten zu Hause bleiben, um weitere Ansteckungen zu verhindern,
• Vermeiden von Massenansammlungen, Verzicht auf den Besuch von Theatern, Kinos, Diskotheken, Märkten und Kaufhäusern,
• Vermeiden von engen Kontakten zu möglicherweise erkrankten Personen.
Thüringer Influenza-Pandemieplan – Hinweise für die Bevölkerung

Pandemieplan regelt viele Fragen

Das aktuell nächstgelegene bekannte Risikogebiet ist übrigens Norditalien, das ist nicht mehr so weit weg und wir wissen auch, dass die Viren von Menschen übertragen werden können, die selbst keine Symptome haben. Konkret fasst der Thüringer Pandemieplan - der nicht viel anders ausschaut, als der anderer Bundesländer - verschiedene Maßnahmen zusammen, die entweder vorbeugend oder eben im Ernstfall eingeleitet werden können oder müssen.

Eine Frau trägt Mundschutz während sie telefonierend an einem Restaurant vorbei geht.
In Norditalien beherrscht derzeit Die Angst vor dem Corona-Virus den Alltag vieler Menschen. Bildrechte: dpa

Dafür gibt es zunächst Hochrechnungen, mit wie vielen zusätzlichen Patienten Praxen und Kliniken rechnen müssen. Wie ist das Meldesystem organisiert? Wie kommen Einsatzkräfte zu Schutzkleidungen? Wann schließt man Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen oder Kindergärten? Wann gibt es Besuchsverbote in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen? Wann werden Massenveranstaltungen verboten? und so weiter.

Gesundheitseinrichtungen sind aufgefordert, Pläne zu aktualisieren zur Ausweitung der Sprechzeiten oder dass zur Entlastung der Haus- und Kinderärzte auch die Ärzte anderer medizinischer Fachberufe einbezogen werden können, da grundsätzlich alle niedergelassenen Ärzte zur ärztlichen Notfallversorgung verpflichtet sind. Zum Beispiel können geplante Vorsorgeuntersuchungen und verschiebbare OPs im Ernstfall verschoben werden. Auch gibt es bei der Landesärztekammer Thüringen eine Liste der Ärzte im Ruhestand, die bereit sind, im Pandemiefall einzuspringen.

Auch Unternehmen müssen auf "Notplan" laufen

Im Punkt 9 des Pandemieplanes werden auch "normale" Betriebe sensibilisiert, sich klar zu machen, dass Rohstoffe und Dienstleistungen ausbleiben könnten, die den Produktionsprozess lahmlegen. Trotzdem müssen aber grundlegende Leistungen für die Gesellschaft erbracht werden. Wie z. B. die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Energie, Wasser und Informationen, aber auch die Abfall- und Abwasserentsorgung müssen funktionieren. Die klare Aufforderung des Pandemieplanes lautet – Zitat "Zu einer betrieblichen Planung gehört, die Kernfunktionen des Betriebes festzulegen und ggf. Schlüsselpersonal zu bestimmen." Das bedeutet: Eine "Notmannschaft" sorgt für das Nötigste. Das wäre übrigens auch bei uns im Landesfunkhaus so. Den Medien kommt in Katastrophenfällen aller Art eine wichtige Funktion zu.

Wir als MDR und gerade als Radio haben die Aufgabe, die Bevölkerung zu informieren, wir haben einen Pandemieplan, wie wir eventuell mit weniger Personal der Informationspflicht nachkommen.

Matthias Gehler Chefredakteur MDR THÜRINGEN

Im Falle einer Pandemie in Thüringen könnte das bedeuten, dass vieles in Heimarbeit erledigt wird und nur die Kollegen ins Funkhaus kommen, die direkt für die Sendungen benötigt werden. Und auch die Sendungen selbst würden dann sicher nicht die ganze Vielfalt der Themen abdecken, wie es mit voller Belegschaft der Fall ist und die täglichen Funkhausführungen für jedermann (nach Anmeldung übrigens kostenlos) würde es nicht geben. Das Vermeiden persönlicher Begegnungen ist nämlich die einfachste Möglichkeit, eine Weiterverbreitung zu verhindern.

Sind Behörden zu spät dran?

Darauf ziehen auch alle Pläne ab, die letztlich zur Schließung von Einrichtungen führen oder zur Absage von Veranstaltungen. Es gibt Experten, die unseren Behörden vorwerfen, damit ein wenig spät dran zu sein. Dazu gehört der renommierte Virologe und Seuchenforscher Prof. Dr. Alexander Kekulé. Er wies bei "Markus Lanz" im ZDF sehr eindringlich darauf hin, dass die Krankheit in 80 Prozent der Fälle wie eine Erkältung verläuft. Das ist einerseits ein Segen, andererseits  auch eine große Gefahr, denn die Infizierten verbreiten die Krankheit, ohne es zu wissen.

Ein Nachvollziehen der Quelle – so wie das bei dem Autozulieferer in Bayern war, die wird es kaum noch geben. Dort konnte man die Kontaktpersonen der "Patientin null" – einer eingereisten Chinesin –  sehr schnell isolieren und so die Ausbreitung verhindern. Nun war gerade Karneval und wir wollen uns nicht ausmalen, was noch auf uns zukommt, wenn  sich hier Menschen in Größenordnungen gegenseitig angesteckt haben. Denn ganz so harmlos wie die Chinesen das Virus anfangs gemacht haben, ist es wohl doch nicht. Vor allen Dingen, weil es "neu" ist und unser Körper es so gar nicht kennt, so Prof. Kekulé.

Dagegen steht die Hoffnung, dass es eigentlich den Mensch als Wirt benötigt und deshalb ab einem gewissen Punkt etwas "rücksichtsvoller" agieren könnte. Verlassen sollten wir uns darauf aber auch nicht, dass die Erkrankung tödlich verlaufen kann, ist bekannt. Deshalb ist es gut, dass wir zumindest Pläne haben für den Ernstfall. Mögen diese erfolgreicher sein als unsere Fünf-Jahres-Pläne und die von Egon Olsen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 27. Februar 2020 | 17:50 Uhr

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