Der Redakteur | 05.11.2020 Wie entscheiden die Gesundheitsämter, wer getestet wird und wer nicht?

Manche Menschen werden getestet, manche müssen in Quarantäne. Mitunter sind die Entscheidungen innerhalb eines Haushalts völlig unterschiedlich. Nach welchen Kriterien richten sich die Gesundheitsämter?

Coronatest werden an Menschen durchgeführt.
Test oder Quarantäne? Die Gesundheitsämter entscheiden individuell. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Die Geschichten ähneln sich. Es braucht mitunter einige Fehlversuche, bis man "seinen" Test bekommt. Irgendwann ist eine halbe Woche herum, dabei gab es doch nachweislich Kontakt mit einem Infizierten. Und wenn in einem 5-Personen-Haushalt nur einer in Quarantäne muss und alle anderen können ungehindert durch die Gegend laufen, dann läuft doch da noch etwas und zwar schief. Wirklich?

Zunächst sind auch die, die (noch) ungehindert durch die Gegend laufen dürfen, von Amts wegen angehalten, noch vorsichtiger zu sein, als es ohnehin derzeit geboten ist. Und zwar mindestens so lange, bis klar ist, was aus dem Quarantänefall im Haushalt geworden ist.

Warum muss mein Kind in Quarantäne, ich aber nicht?

Kostenloser Corona-Test an einer Rastanlage 27 min
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Das Szenario ist nicht selten. Das Kind muss zu Hause bleiben, mit Bescheid vom Amt, der Rest der Familie darf arbeiten gehen. Oder in die Schule. Wie kann das sein? Dazu schauen wir in die Richtlinien des RKI und entdecken zwei unterschiedliche Personengruppen, nämlich Kontaktpersonen Kategorie 1 und 2. Ist das eigene Kind positiv getestet worden, zum Beispiel, weil es sich bei einem Freund in der Nachbarschaft angesteckt hat, dann sind alle mit dem Kind im Haushalt lebenden Personen Kategorie 1. Sie kommen in Quarantäne und werden getestet. Nun war das Kind auch im Kindergarten oder in der Schule. Die Kinder, die dort engen Kontakt mit dem infizierten Kind hatten, sind ebenfalls Kategorie 1 und auch für sie gilt: Test und Quarantäne. Und an dieser Stelle beginnt das Missverständnis. Die Eltern und Geschwister der "Kontakt"-Kinder müssen nicht zu Hause bleiben. Das ist auch logisch, denn sie haben weder mit dem positiv getesteten Kind im Kindergarten gespielt, noch wohnen sie mit diesem fremden Kind in einem Haushalt. Erst, wenn das eigene Kind positiv ist, rückt diese Personengruppe von Kategorie 2 in Kategorie 1 hoch.

Das Problem ist, wenn wir die Kontaktkategorie 2 auch noch in Quarantäne stecken würden, bleibt kaum noch einer übrig, der noch arbeiten kann.

Prof. Dr. med. Stefan Dhein, Amtsarzt Altenburger Land

Warum bekomme ich keinen Test?

Dazu müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, worum es eigentlich geht. Um eine Erkrankung oder einen Kontakt? Als Kranker zum Beispiel gehört man nicht ins Amt, sondern zum Arzt. Als Gesunder gilt das Ganze umgekehrt. In den Gesundheitsämtern geht es nämlich nicht darum, jeden einzelnen Menschen vor viralem Ungemach zu bewahren.

Hier gibt es Unterscheidungen,  die dem Bürger nicht klar sind. Auf der einen Seite gibt es die Kontaktpersonennachverfolgung und die Erfassung des Pandemiegeschehens. Das ist öffentliche Gesundheit und dann gibt’s die Individualgesundheit, jemand hat Symptome, fühlt sich krank und schlecht, hat Fieber und will zu seinem Hausarzt und in dessen Kompetenz liegen die Behandlung und die Diagnostik des symptomatischen Patienten.

Prof. Dr. med. Stefan Dhein, Amtsarzt Altenburger Land

Das sind im Übrigen auch unterschiedliche Kassen, aus denen das bezahlt wird. Spätestens das erklärt auch, warum immer wieder Menschen vom Arzt weggeschickt werden, wenn sie mit dem Satz dort erscheinen: "Ich hatte Kontakt mit einem Infizierten." Wenn man diesen Satz einmal in normale Zeiten verlegt, wird die Absurdität der Idee deutlich.

Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) 11 min
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Dr. Ute Teichert, Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e. V. erklärt, wie die Kontaktverfolgung bei Corona-Infizierten funktioniert.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 05.11.2020 16:20Uhr 11:18 min

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Auch wichtig in diesem Zusammenhang: Die bekannte Telefonnummer  116 117 ist die Nummer des Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigung.  Also eigentlich ist sie für Leute gedacht, die sich krank fühlen und deshalb zum Arzt müssen. Wer dort anruft, bleibt immerhin schon mal in der Region, in der er sich befindet. Erkennt das System den Standort doch nicht automatisch, zum Beispiel, weil die Nummer unterdrückt ist,  wird man gebeten, die Postleitzahl einzugeben. Wer dort als Kontaktperson anruft, die durch die App oder einen positiv getesteten Freund informiert wurde, wird bestenfalls ans Gesundheitsamt verwiesen und mit der richtigen Nummer versorgt. Das ist eine Frage der Organisation vor Ort. Das Amt wird dann aber auch nicht sofort Test und Quarantäne anordnen, sondern Fragen stellen. Und die sind nicht so weit weg von der Anamnese eines Arztes bei einem tatsächlich Erkrankten.

Es werden einzelne Sachen erfragt und die werden dann sozusagen gewertet und es ist auch wichtig, dass das persönlich passiert und eben nicht nur durch ein technisches Hilfsmittel, weil da Abwägungen zu treffen sind.

Dr. Ute Teichert, Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e. V.

Die Fragen basieren auf den Empfehlungen des RKI, das die weltweiten Erkenntnisse über das Virus zusammenträgt und daraus eben Handlungsrichtlinien erarbeitet. Die sich übrigens auch ständig verändern. Die Frage nach dem Geschmackssinn war am Anfang noch nicht dabei, jetzt ist sie wichtig. Und dann geht’s weiter: Abstand, Maske, Kontaktdauer, Ort, Umstände usw. - das alles fragen die Mitarbeiter ab und am Ende steht eine Entscheidung. Und es wäre hilfreich, wenn diese auch relativ klaglos entgegengenommen wird.

Wir können nicht in jedem Einzelfall immer noch zusätzlich erklären, warum wir das jetzt so oder so machen. Wenn Sie an einem einzigen Tag 37 Infizierte und 370 Kontaktpersonen haben, können Sie nicht mit jeder Kontaktperson noch einmal eine Stunde oder zwei telefonieren. Das kann kein Amt leisten.

Prof. Dr. med. Stefan Dhein, Amtsarzt Altenburger Land

Zu einem Infizierten gehören gewöhnlich rund 10 Kontaktpersonen, die in Quarantäne müssen. So kommen die 370 zustande. Die 37 Infizierten nebst ihren Kontaktpersonen waren die letzten Tageszahlen aus dem Altenburger Land. Da kann man sich gut vorstellen, dass den Mitarbeitern abends die Ohren glühen und auch, dass da in Grenzfällen durchaus Fehler passieren. Und irgendwann ist auch der Punkt erreicht, an dem man Prioritäten setzen muss und sich vielleicht zunächst erst auf die Fälle konzentriert, wo Gefahr im Verzug ist, Stichwort Altenheim.

Warum gilt überall etwas anderes?

Es kann durchaus sein, dass sich dieses Handlungsschema irgendwann ändert. Auch örtlich und punktuell. Wenn es völlig aus dem Ruder läuft, schaffen wir es vielleicht nur noch, uns mit denen zu beschäftigen, die Symptome haben, weil die Testkapazitäten nicht mehr ausreichen. Und spätestens dann wäre es schön, wenn alle Bescheid wüssten, wohin sie sich im Ernstfall wenden können. Nun gibt es keine Zentralverfügung aus Berlin, wie Gesundheitsämter und Ärzte zu organisieren sind. Deshalb muss sich jeder in seinem Landkreis informieren, wo die Anlaufstellen für gesunde Kontaktpersonen und für Menschen mit Symptomen sind. Dass die geltenden Maßnahmenkataloge zwischen den Ländern und sogar den Kommunen unterschiedlich sind, das ist ein Punkt, der auch den Gesundheitsämtern sauer aufstößt. Leider ist es eben nicht gelungen, für vergleichbare Infektionslagen auch die gleichen Maßnahmen zu vereinbaren und zwar bundesweit. Der mitunter tobende Wahnsinn wird besonders in "Grenzregionen" deutlich und sorgt nicht gerade für zunehmende Akzeptanz in der Bevölkerung.

In einer Region, wie wird das haben, Altenburger Land, Grenzbereich Thüringen, Sachen-Anhalt und Sachsen, ist es für die Bürger extrem schwer zu verstehen, warum ihr Kind, das in Sachsen in die Kita geht, anderen Regeln unterliegt, als die Mutter, die in Sachsen Anhalt arbeitet oder der Vater, der in Thüringen arbeitet. Das kann man nicht mehr kommunizieren.

Prof. Dr. med. Stefan Dhein, Amtsarzt Altenburger Land

Hier fühlen sich die Gesundheitsämter von der Politik etwas allein gelassen. Denn sie sind es, die den Frust täglich zu spüren bekommen. Das geht bis hin zu Bedrohungen. Auch über die Kommunikation bezüglich der Einschränkungen - Stichwort Freizeitbereich und Gaststätten - sind die Gesundheitsämter nicht glücklich. Es ist nämlich eben nicht so, dass die Ansteckungsgefahr besonders hoch ist in den Betrieben, die im November geschlossen sind, sagt Ute Teichert.

Man will einfach insgesamt die Zahl der Kontakte reduzieren, weil das die einzige Möglichkeit ist, die Weiterverbreitung des Virus zu verhindern. Und da ist es eben die Abwägung, welche Kontakte kann man am ehesten reduzieren? Und da hat sich die Politik für den Freizeitbereich entscheiden und hat gesagt, im Arbeitsbereich lassen wir die Kontakte. Das ist eine politische Entscheidung, die gefällt worden ist. (…) Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in den Bereichen gute Konzepte gibt, die auch gut funktionieren können, wenn wir an dem Punkt sind, wo die Zahlen gesunken sind. Dann ist das hilfreich, dass die schon gut vorbereitet sind.

Dr. Ute Teichert, Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e. V.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 05. November 2020 | 16:40 Uhr

1 Kommentar

Lyn vor 16 Wochen

"
Das Problem ist, wenn wir die Kontaktkategorie 2 auch noch in Quarantäne stecken würden, bleibt kaum noch einer übrig, der noch arbeiten kann.

Prof. Dr. med. Stefan Dhein, Amtsarzt Altenburger Land"


Wenn dann beim Paar mit 2 Kindern 1 in die Kita geht und 1 daheim bleibt mit Papa während Mama zur Arbeit geht.... bin ich der Auffassung, dass man es auch gleich lassen kann.