Der Redakteur | 09.10.2020 DAB+: Wieso empfange ich nicht alle Sender, die ich auch analog auf UKW empfange?

Steffen Theuerkauf aus Sondershausen hört gern Radio. Allerdings wundert er sich, wieso er über DAB+ nicht alle Sender empfängt, die er auch über sein FM-UKW-Radio in Nordthüringen hören kann. Macht hier wieder jedes Bundesland einfach sein eigenes Ding? Wieso kann man nicht einfach deutschlandweit alle DAB-Sender empfangen?

Ein DAB+ fähiges Radio steht auf einem Tisch.
Rauschfrei und glasklar: Der Sound von DAB+-Radios ist oftmals besser als von ihren älteren UKW-Geschwistern. Bildrechte: MDR/Ulrich Böhme

Es ist durchaus so, dass jedes Bundesland sein eigenes Ding macht. Und das ist sogar gewollt und beim Medium Radio auch gar nicht mal verkehrt. Aber der Reihe nach. Radio ist ein reguliertes Medium. Das liegt zunächst daran, dass nicht jeder einfach so funken kann, wie er will. Für die Bundesrepublik gibt es einen Frequenzplan, das ist eine umfangreiche Übersicht über alle Frequenznutzungen im Frequenzbereich von 0 kHz bis 3 THz. Denn was soll am Ende aus den Lautsprechern kommen, wenn es keine Regeln gäbe und alle durcheinanderfunken?

14 Medienanstalten - 14 Rundfunk-Aufsichten

Doch Regeln gibt es auch inhaltlich. Die 14 Landesmedienanstalten der Bundesländer (Berlin und Brandenburg, Schleswig-Holstein und Hamburg haben je eine gemeinsame) sind zuständig für die Zulassung und die Aufsicht der privaten Radio- und Fernsehveranstalter. Dabei wirken diese Einrichtungen in der heutigen Medienflut der sozialen Netzwerke mitunter wie ein Staudamm, der vom Fluss längst umspült wird. Denn die Landesmedienanstalten schauen u.a. darauf, dass die Werberegeln und Jugendschutzbestimmungen eingehalten werden und würden dort Texte verlesen, wie sie auf Twitter und Co. zum Standard gehören, wäre die Lizenz weg.

Die Medienhüter achten zudem auf Vielfalt und unterstützen die Einführung neuer Übertragungstechnik. Da sind wir schon ganz dicht am Thema. Denn der Private Rundfunk muss den Sprung ins Digitale Zeitalter bis 2032 genauso geschafft haben, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wenn analoger FM-Rundfunk auf UKW in Deutschland voraussichtlich abgeschaltet wird. In Norwegen ist man damit schon durch.

ARD – Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands

Den in der ARD zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten, die auch Aufsichtsgremien haben (Rundfunkrat, Verwaltungsrat), kommt eine besondere Stellung zu, wegen einer sehr breit ausgelegten und regional verankerten Grundversorgung. Zwar gilt der Grundsatz "ein Bundesland, eine Landesrundfunkanstalt" nicht in jedem Fall (genau genommen nur in Hessen, Bayern, NRW, im Saarland und in Bremen), das ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk Ländersache ist, geregelt jeweils im Rundfunkstaatsvertrag. Denn Radio ist ein regionales Medium. Trotzdem gibt es auch Sender wie Deutschlandradio, die überregional senden.

Gerade jetzt am vergangenen Montag ist der zweite Bundesmultiplex gestartet von Antenne Deutschland, damit sind acht zusätzliche Programme zum Angebot von DAB+ hinzugekommen, die weitgehend flächendeckend empfangbar sind in Deutschland.

Jens Hölscher Planungsingenieur bei der "Technischen Hotline" des MDR

Die meisten Sender wie MDR oder NDR oder private Sender wie Antenne Thüringen oder Antenne Bayern richten sich in erster Linie an die Menschen im Sendegebiet, thematisch und vom Selbstverständnis her. Das Heimatgefühl ist eine wichtige Radio-Komponente. Dieses jetzt über Strahler in Nordrhein-Westfalen möglichen "Thüringer Auswanderern" nachzusenden, wäre eine teure Angelegenheit. Zwar gibt es immer wieder "Fremdgänger" in den Landesgrenzregionen und darüber hinaus, aber deren Anteil an der Hörerschaft ist minimal. Und jedes Abstrahlen des Sendesignals von einem zusätzlichen Sendemast kostet richtig Geld. Also sendet jeder Sender für den Bereich, in dem seine Kernzielgruppe wohnt.

UKW strahlt "aus Versehen" weiter

Nun ist die Anzahl der Sendefrequenzen, die innerhalb des UKW-Bandes zwischen 87,5–108 MHz liegen, sehr beschränkt.  Zu dicht dürfen sie nämlich auch nicht aufeinander hocken, (z.B. 92,5 und 92,6 MHz) sonst wird es Tonsalat. Aus dem gleichen Grund duldet UKW nur einen einzigen Strahler pro Frequenz in einem Sendegebiet. Die Inselsbergfrequenz 92,5 MHz von MDR THÜRINGEN - Das Radio ist zwar mehr als zehn Mal vergeben in Deutschland, zum Beispiel an NDR2 in Mecklenburg Vorpommern oder SWR1 in Baden Württemberg, aber nur einmal bei uns.

Wenn man mit einem Kreis die maximale Reichweite der auf 92,5 funkenden Strahler einzeichnet, haben diese Kreise einen gehörigen Abstand zueinander. Nun kommen wir wegen der geringen Reichweite von UKW und der hügeligen Thüringer Landschaft mit einem Strahler nicht überall hin in Thüringen. In der Folge benötigt jeder Thüringer Radiosender mehrere Frequenzen zwischen den besagten 87,5 und 108 MHz, sodass letztlich für Spezialangebote wie MDR AKTUELL wenig und die MDR SCHLAGERWELT gar kein Platz mehr ist.

DAB+ - Digital regional

Technisch ganz anders funktioniert hingegen DAB+. Hier hat ein Sender nur eine einzige Frequenz, die auch noch von mehreren Strahlern gleichzeitig ausgestrahlt werden kann. Mit unseren Kreisen entsteht ein Bild, wie wir es von der Mengenlehre her kennen, also mit vielen Überscheidungen, die jetzt sogar gewünscht sind.

Die Signale werden synchron abgestrahlt und - um es einfach auszudrücken – addiert. Damit habe ich eine wesentlich bessere Empfangbarkeit bei einer wesentlich geringeren ausgestrahlten elektrischen Leistung.

Jens Hölscher Planungsingenieur bei der "Technischen Hotline" des MDR

An dieser Stelle beginnt DAB+ sogar lukrativ zu werden für Radiosender. Denn Leistung geht nur über Strom, wenn die Masten weniger Strahlkraft brauchen, dann gehen auch die Kosten runter. Natürlich machen weder UKW-Wellen, noch die DAB+-Wellen an den Landesgrenzen halt. Das haben wir zu DDR-Zeiten segensreich in Empfang genommen und Bayern3, HR3, NDR2 oder sogar RIAS2 aus Hof gehört. Das war natürlich kein Zufall.

Die "Zusatzpower" der Westsender war politisch gewollt, heute sind diese Art "Extrareichweiten" allenfalls Beifang. Und weil die Strahler aus den benachbarten Bundesländern nicht mehr so groß dimensioniert werden müssen – was auch eine gute Nachricht für die Bewohner unterhalb der "sendenden" Gipfel ist – kommt dann eben der eine oder andere Sender nicht mehr bei uns an. Und zwar gar nicht mehr. Entweder 1 oder 0 – rauschende Zwischentöne kennt das Digitalradio nicht.

Stichtag 21.Dezember 2020: Digitalpflicht für neue Autoradios

Nun würde die beste neue Sendetechnik nichts nützen, wenn die Empfangsgeräte fehlen. Deshalb gibt es ab 21.Dezember 2020 in Deutschland für Autoradiohersteller Digitalpflicht. Die Chips können es ohnehin schon lange, die in den Radios verbaut werden. Man hat uns diese kleine Zusatzfunktion einfach nur für teures Geld verkauft. Alle anderen neuen Radios dürfen alternativ zu DAB+ auch ein Webradio sein, was aber bezüglich der vom Gesetz geforderten freien Empfangbarkeit des Radios für jedermann durchaus kritisch zu sehen ist.

DAB im Auto 15 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beim Internet geht es immer durch das Tor des Providers. Der legt fest, was ich für wie viel Geld empfangen kann. Bei DAB+ haben wir die Möglichkeit des klassischen Rundfunks: ein Sender an viele Empfänger. Ohne Barrieren, die Dritte auferlegen. Das ist gerade für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ein ganz wichtiges Argument.

Jens Hölscher Planungsingenieur bei der "Technischen Hotline" des MDR

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 09. Oktober 2020 | 17:10 Uhr

1 Kommentar

Fisherman vor 26 Wochen

DAB+ ist super, aber hinsichtlich Programmvielfalt noch sehr stark ausbaufähig. In der Coronakrise zeigt sich, daß Radio doch eher ein lokales/regionales Medium ist und Radio im Gegensatz zum Fernsehen viel tiefer in die Regionalität der Berichterstattung eintauchen kann als die zumeist landesweiten Regionalfenster in den "Dritten". Nur der WDR geht auch im TV auf regionaler Ebene in die Tiefe. Doch dank der Regionalstudios der ÖR-Radios ist die Regionalität des Rasios unschlagbar und einige Privatsender werden als reines Stadt- oder Regionalradio betrieben mit zum Teil schon respektablen Einschaltquoten. Gerade diese vergleichsweise kleinen Stationen profitieren in der Coronakrise vom regionalen Informationsbedürfnis der Hörer. Doch leider findet sich bislang noch keiner dieser kleinen Sender im Bouquet von DAB+. Ebenso die überwiegende Mehrheit der landesweiten Privatradios sucht man auf DAB+ leider vergebens, was DAB+ zu einer 100%igen 1:1-Alternative zu UKW machen würde.