Der Redakteur | 11.05.2021 Warum wird ausgerechnet in Thüringen der elektronische Impfpass erprobt?

Warum findet in Thüringen der Pilotversuch für den Elektronischen Impfpass statt und: Ist dieses Modell kompatibel mit dem Grünen Impfnachweis der EU? - möchte Thomas Wegmann aus Jena wissen.

Impfnachweis
Über einen QR-code können alle relevanten Impfdaten ausgelesen werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Grundidee mit dem Grünen Nachweis der EU ist recht einfach erklärt. Es ist ein digitaler "Zettel“, der bestätigt, dass man entweder gegen COVID-19 geimpft wurde, negativ auf Corona getestet wurde oder eine COVID-19-Erkrankung durchgemacht hat. Übrigens ausdruckbar für alle, die kein Handy nutzen wollen oder können.

Im analogen Zeitalter geschah das durch Stempel, eine Unterschrift und bei den Impfungen ergänzt durch den Chargen-Nummer-Aufkleber. All das geht digital natürlich nicht direkt auf die gleiche Weise. Also bekommt ein Impfzentrum künftig zusätzlich zum analogen Stempel noch eine digitale Signatur, die für Deutschland zentral hinterlegt ist. Auch die Testzentren oder Gesundheitsämter haben diesen "elektronischen Stempel", einen Signaturschlüssel. Sämtliche Schlüssel sind EU-weit in einer sicheren Datenbank gespeichert.

Was ist der digitale Impfpass?

Wer einen solchen Signaturschlüssel hat, ist berechtigt, Geimpften, Getesteten oder Genesenen die entsprechende Bescheinigung auszustellen. Diese enthält dann am Ende einen QR-Code, in dem die persönlichen Daten enthalten sind, die beispielsweise an der Grenze ausgelesen werden können.

Aktuell arbeitet man in Berlin und Brüssel intensiv daran, die Schnittstellen zu bauen, damit die Zertifikate auch überall gelesen und überprüft werden können. Einscannen und gucken, wie der Geimpfte heißt, mit dem Ausweis oder Pass abgleichen. Erledigt. Das ist deutlich fälschungssicherer als unser gelber Impfpass, der in anderen Ländern logischerweise ganz anders aussieht. Wie soll das kontrolliert werden können, wenn alle mit irgendwelchen zerknüllten Heftchen anrücken?

Digitaler Impfpass
Thüringen und Brandenburg testen ab dieser Woche den digitalen Impfnachweis. Bildrechte: imago images/Sven Simon

Wie kommt das Zertifikat zu mir?

Nun ist es naheliegend, dass man für die Zertifizierung jeweils das gleiche System nimmt wie für die Terminanmeldung. Denn das kennt mich ja schon. Wir haben allerdings schon in Deutschland verschiedene Terminsysteme und da sind die in der EU noch gar nicht mitgezählt. Alle sammeln am Ende aber die gleichen Informationen, die nun "nur" noch zusammenlaufen müssen. Zunächst in Berlin (für Deutschland), dann in Brüssel. Nun ist unser Thüringer Impftermin-System quasi "verwandt" mit dem System, das in Deutschland die Impfzertifikate verwalten soll. Diese Tatsache hat uns zum Testpiloten gemacht.

IBM ist derjenige, der von Bund den Auftrag bekommen hat, diesen elektronischen Impfnachweis zu erarbeiten. Und die Softwarefirma, mit der da unter anderem gearbeitet wird, das ist die Softwarefirma, mit unsere Kassenärztliche Vereinigung auch arbeitet. Deshalb haben wir schon Vorarbeiten geleistet.

Heike Werner, Gesundheitsministerin Thüringen

Etwas ungünstig ist es allerdings, dass wir uns in Europa zu lange Zeit gelassen haben, einen solchen Nachweis auf den Weg zu bringen. Es gab auch – und es gibt immer noch – Widerstände, die Datenschützer sind da vorn dabei. Und wenn nicht nur alle Bundesländer mitreden, sondern auch noch alle EU-Staaten mit deren Organisationsstrukturen, grenzt es nahezu an ein Wunder, dass wir uns bereits auf der Zielgeraden befinden. Denn ein solcher Prozess dauert in der EU gewöhnlich länger als wir Corona kennen.

Normalerweise dauert ein Gesetzgebungsverfahren in der Europäischen Union eineinhalb Jahre.

Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der Christdemokraten im Europaparlament

Ist der Impfpass fälschungssicher?

Wir sparen uns die Fragen nach dem "Warum?" und erfreuen uns an der Tatsache, dass die Einigung über die Details schon für den 20. Mai vorgesehen ist. Bis dahin wird verhandelt. Anfang Juni geht’s ins Europaparlament und Ende Juni/Anfang Juli soll dann der grüne Nachweis amtlich sein. Parallel dazu arbeiten IT-Experten an der Technik. Die Kinderkrankheiten sollen für Deutschland nun in Thüringen entdeckt und dann behoben werden.

Einen kleinen Pferdefuß gibt es aber noch: Wer nicht im Impfzentrum war, sondern beim Hausarzt, der hat auch keinen Termin bekommen, der im System stehen könnte. Hier ist demzufolge auch kein Klick auf den neuen Button auf der Thüringer Impfseite möglich.

Um die Ärzte zu entlasten, denkt das Gesundheitsministerium in Berlin darüber nach, die Apotheken einzubinden, sagt Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der Christdemokraten im Europaparlament. Das würde bedeutet: Auch die Apotheken bekämen einen "Stempel", also einen Signaturschlüssel und machen dann aus den Daten des  Impfausweises einen QR-Code. Das ist in Sachen Fälschungssicherheit allerdings der größte Schwachpunkt.

Weil wenn ich einen gefälschten Impfausweis habe, muss der Apotheker schon genau hinschauen und überlegen, kann das überhaupt sein. Aber ich glaube, dass das jetzt pragmatisch notwendig ist, denn die Einführung des Zertifikats am Anfang der Impfkampagne ist ja nun leider versäumt worden.

Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der Christdemokraten im Europaparlament

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Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 11. Mai 2021 | 15:20 Uhr

1 Kommentar

Critica vor 4 Wochen

Es gibt mehr Menschen als wir glauben, die kein Smartphon besitzen und mit dem"Gekritzel" auf diesem Blatt nichts anfangen können. Für diese Menschen "breche ich mal eine Lanze".
Wie erfahren diese Menschen, was das "Gekritzel" über sie aussagt? Und werden sie auch um Zustimmung gebeten, wenn sie dies - wo auch immer - vorzeigen müssen, um wieder "am täglichen Leben teilhaben zu dürfen"?
Was ist mit Menschen mit Behinderungen... geistige Behinderung, Blinde, Gehörlose etc.?