Der Redakteur | 01.12.2021 Ist der digitale Kassenbon schon wieder Geschichte?

Jochen Frenzel aus Erfurt wundert sich, was eigentlich aus den digitalen Kassenbons geworden ist. Eigentlich sollten sie doch zügig kommen. Stattdessen bekommt er immer noch für jedes Brötchen beim Bäcker einen Kassenzettel. Unser Redakteur Thomas Becker weiß mehr.

mehrere Kassenbons liegen übereinander
Seit Anfang 2020 gilt die Kassenbonpflicht. Das heißt, dass zu jedem Waren- oder Dienstleistungsgeschäft ein solcher Nachweis gehört. Das führt bei Fleischer, Bäcker und Co. zu einer großen Zettelwirtschaft. Allein die Thüringer Bäckerinnung schätzt, dass täglich mehr als 30 Kilometer Kassenbons ungenutzt in die Papierkörbe wandern. Bildrechte: Colourbox.de

Der alltägliche Zettelkram im Supermarkt oder beim Bäcker um die Ecke zeigt zunächst eines: Irgendjemand in der Finanzverwaltung denkt noch nicht digital. Denn obwohl die Kassensysteme alle fälschungssicher die gebuchten Beträge dem Finanzamt verraten, werden immer noch Kassenbons gedruckt, die dann meistens ungelesen direkt in den Papierkorb laufen. Dass das Thermopapier auch noch gesundheitsschädliche Stoffe enthält, die direkt über die Haut aufgenommen werden, setzt der Geschichte fast schon die Krone auf. Fast deshalb, weil selbst das Finanzamt empfiehlt, diese Belege zu kopieren, weil sie ausbleichen und unleserlich werden und zwar bevor die Aufbewahrungsfrist abläuft. Was für eine Papierverschwendung.

Es dauert noch mit der digitalen Variante

Die Versuche, hier "blaue" umweltfreundliche Alternativen zu finden, sind bisher nicht sehr überzeugend gelungen. Zwar sollen diese zumindest die Aufbewahrungsfristen überstehen, aber das nur, wenn man sie möglichst nicht anfasst und nicht bewegt. Nun wäre es für die Steuererklärung durchaus ein Fortschritt, wenn sämtliche Belege digital vorlägen, schließlich sind die Steuerberater, die z.B. mit den DATEV-Systemen arbeiten, dabei, auf digitales Belegesammeln umzustellen. Aber die digitale Variante des Kassenbons ist auch für alle Freunde einer Haushaltsbuchführung eine feine Sache. Zum Beispiel könnte sie alles reinfließen lassen in eine App oder letztlich eine Excel-Tabelle, um z.B. die Ausgaben zu überwachen. Für die App-Anbieter ist das auch kein großes Ding, so etwas schon zu entwickeln, weil klar ist, welche Daten vom Kassenzettel zu erwarten sind.

Das ist ja innerhalb des Kassengesetzes per Abgabenverordnung gesetzlich geregelt. Den Link zum Kassenzettel gibt’s per QR-Code, möglicherweise gibt es auch NFC-Lösungen. Also, dass man das Handy irgendwo dranhält, das ist aktuell in der Umsetzung.

Ulrich Binnebößel Referatsleiter Zahlungssysteme beim Handelsverband

Der Flaschenhals sind die Kassensysteme. Diese sind komplex und nicht nur ans Finanzamt angeschlossen, sondern u.a. auch an Warenwirtschaftssysteme. Da geht man nicht täglich ran und erweitert die Schnittstellen oder fügt neue Anwendungen hinzu. Immerhin haben sich die verschiedenen Hersteller schon auf einheitliche Standards geeinigt, sodass die Programmierer die Lösungen erarbeiten können. Denn am Ende muss ein Stück Software ja aus dem Gepiepse am Kassenband einen Datensatz erstellen, der auf einem Server abgelegt wird. Dieser Datensatz – also unser digitaler Kassenzettel – bekommt dann eine Adresse, also einen Link, der dann "nur" noch in Form eines QR-Codes auf dem Display angezeigt werden muss. Das ist aber etwas anderes als 38,76 € anzuzeigen.  Das heißt, die eine oder andere Kasse braucht vielleicht mindestens ein neues Display.

Was wollen wir Kunden?

Am Ende steht dann die Frage, in welcher Form wir den Datensalat konsumieren wollen. Vielleicht reicht es der Mehrheit, den Kassenzettel bei Bedarf als PDF herunterzuladen und auf dem PC abzuspeichern, oder wir nutzen Apps oder PC-Programme, um Haushaltstabellen zu führen oder Einkaufszettel zu erstellen oder die Preisentwicklung für die seit Jahren gekauften Lebensmittel zu beobachten.

Dass nur wir alleinige Beobachter sind, das haben wir übrigens selbst in der Hand. Kundenkarten und Rabattkarten dürften da eher Schwachstellen sein, hier turnt man jetzt schon als gläserner Kunde durchs Geschäft. Systemübergreifendes Scannen eines Kassenzettels, also das Herunterladen, sollte hingegen eine Einbahnstraße sein. Das Problem fängt erst bei der Verarbeitung der Daten im Handy an. Möglicherweise kostenlose Apps werden versuchen, mit Hilfe der Erkenntnisse aus unserer digitalen Zettelwirtschaft, personalisierte Werbung anzuzeigen. Bei kostenpflichtigen Apps könnte es sein, dass diese Art der Monetisierung nicht stattfindet, näheres in den AGB.

Bis wir vor dieser Entscheidung stehen und die QR-Codes wirklich auch an nahezu jeder Kasse angezeigt werden, könnte es aber noch zwei Jahre dauern, vermutet der Handelsverband. Denn neben den technischen müssen auch noch juristische Voraussetzungen geschaffen werden. Bedeutet: An welche Stelle wird eigentlich der Kunde gefragt, wie er es denn gern hätte? Ziel ist es, dass der Standardfall der digitale Kassenzettel ist, der einfach angezeigt wird. Wenn man es schwarz auf weiß haben möchte, muss man Bescheid sagen. Dann hätten auch die Kassiererinnen mehr Beinfreiheit, denn auch ein eventueller Papierkorb wäre dann ja digital. 

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 01. Dezember 2021 | 15:10 Uhr

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