Der Redakteur | 11.09.2020 | Ihre Geschichten sind unser Programm Kinder, Herbst und Viruslast: Was kommt mit der Erkältungszeit auf Eltern zu?

Der Herbst kommt und mit ihm die klassische Erkältunszeit. Was das im Coronajahr für uns bedeutet, wie sich Eltern und Kinder schützen können und was es als Arbeitnehmer zu berücksichtigen gilt, beleuchtet unser Redakteur Thomas Becker.

Ein kleiner Junge hält sich ein Taschentuch an die Nase.
Das Kind hustet und hat Schnupfen? Kein Grund gleich an Corona zu denken. Bildrechte: dpa

Nicht jede Rotznase muss von einem Arzt behandelt werden und es muss auch nicht sofort Corona-Alarm ausgelöst werden, wenn ein Kind niest oder hustet. Um der Unsicherheit zu begegnen, hat das Thüringer Bildungsministerium ein Handlungsschema entworfen, eine A4-Seite, die man sich zu Hause in den Küchenschrank hängen kann oder an die Pinnwand in Kindergarten oder Schule.

Schnupfen und leichter gelegentlicher Husten oder Halskratzen ohne weitere Krankheitszeichen sind kein Ausschlussgrund. Kommen Fieber oder schwere Erkrankungssymptome hinzu, gehört das Kind aber nicht mehr in die Schule oder den Kindergarten, sondern sollte einem Arzt vorgestellt werden.

Felix Knothe, Sprecher Thüringer Bildungsministerium

Der Arzt entscheidet dann auch, ob ein COVID-19-Test erforderlich ist oder nicht und stellt dann auch eine entsprechende Bescheinigung aus, wenn das Kind wieder gesund ist. Also ein Attest des Arztes ist ausreichend, die Einrichtung kann nach Ansicht des Ministeriums nicht verlangen, dass ein wiedergenesenes Schnupfen-Kind ohne Corona-Verdacht nur nach einem negativen Test wieder in die Einrichtung darf. Ausnahme: Die Symptome (bzw. Erkrankungen im Umfeld) deuteten auf eine mögliche Corona-Infektion hin und das Kind wurde als Verdachtsfall getestet. Dann bekommt man ohnehin automatisch entweder das negative Testergebnis oder nach einem positiven Test eben Handlungsanweisungen des Gesundheitsamtes.

Wie viele Tage "Kind krank" stehen mir zur Verfügung?

Mädchen liegt im Bett und wird von Mutter gestreichelt
2020 haben Eltern Anrecht auf 30 Tage "Kind krank". Bildrechte: Colourbox.de

Die 20 Tage, die jährlich pro Kind zur Verfügung stehen, sind für 2020 auf 30 Tage aufgestockt worden. Hier sind wir im Bereich des Arbeitsrechts unterwegs. Man muss allerdings unterscheiden, ob ein Kind "normal" krank ist oder sich aufgrund einer behördlichen Anordnung in Quarantäne befindet. In diesem Falle sieht das Infektionsschutzgesetz Entschädigungen vor und auch Erstattungen für Arbeitgeber.

Werden wir bzw. unsere Kinder im Herbst weniger oder häufiger krank sein?

Klar ist, mit dem Lockdown im März brach auch die Grippewelle weg. Nun haben wir keinen Lockdown mehr, aber doch noch einige Maßnahmen oder Verhaltensregeln, wie häufigeres Händewaschen. Und alles zusammen dürfte schon einen Einfluss haben auf die Erkältungswelle.

Ich persönlich bin da sehr optimistisch und denke schon, dass die Krankheitslast an Atemwegsviren deutlich zurückgegangen ist.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jena

Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Viren und einer Ansteckung bzw. der Schwere einer Erkrankung. Und da sind wir auch direkt bei den Masken.

Können uns die Masken immun machen gegen Corona?

Mit einer so steilen These sind Wissenschaftler tatsächlich an die Öffentlichkeit gegangen und es lohnt sich durchaus, dieser Frage nachzugehen. Dahinter steckt ziemlich viel Mathematik. Wenn wegen der Masken eine geringere Virusanzahl von Mensch zu Mensch gelangt, hat der Körper größere Chancen, damit klar zu kommen. Denn die Viren nutzen ja den Organismus ihres Wirtes um sich zu vermehren. Rechnerisch verdoppelt sich ihre Anzahl im Körper innerhalb von Stunden. Das Ganze ist eine Exponentialfunktion.

Viren
Wie gut oder schlecht das Immunsystem mit einem Erreger fertig wird, hängt auch von der Anzahl der Viren ab, die unseren Körper befallen. Bildrechte: Colourbox.de

Ein Beispiel: Aus 2 Viren werden - wenn sich die Virenzahl täglich verdoppelt - nach einer Woche 128 Viren. Gelangen zum Start hingegen gleich 1000 Viren in den Körper, da sind wir nach einer Woche schon bei 64.000 Viren. Nun verweist Mathias Pletz zwar darauf, dass man es sich nicht zu einfach machen darf mit solchen Rechnungen, aber Virus und Immunsystem gehen sozusagen im Körper gemeinsam an den Start und wenn das Virus einen gewaltigen Vorsprung mitbekommt, dann hat es das Immunsystem schwer. Sollten hingegen nur wenige Viren den Anfang machen, dann hat der Körper vielleicht schon Antikörper gebildet, wenn die Zahl der Viren in einen kritischen Bereich kommt.

Wir wissen zum Beispiel, dass Ärzte selbst einen schweren Verlauf hatten, die zu Beginn der Pandemie Corona-Patienten ohne Maske reanimiert haben.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jena

Das Problem ist allerdings, wir wissen nicht, ob und wie lange uns eine solche - sagen wir -"Kontaktimmunisierung" zuverlässig schützt.

Was steckt hinter den gesunkenen Zahlen bezüglich Schlaganfall und Herzinfarkt?

Während eines Herz-Kreislaufstillstand wird der Patient von Hand beatmet
Während einer Influenza ist das Herzinfarktrisikio zehnmal höher als gewöhnlich. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Die erste Deutung der Zahlen war - und die ist sicher nicht falsch - die Menschen sind vor lauter Corona-Angst nicht zum Arzt gegangen. Doch mittlerweile widmet man sich verstärkt auch den anderen Denkansätzen. Stichwort Influenza, die sozusagen mit dem Lockdown innerhalb von Tagen verschwand, so Mathias Pletz. Influenza sorgt für eine starke Entzündung und einer Schädigung der Gefäßwände. Damit wird auch die Neigung, Gefäßverschlüsse zu bilden, erhöht. Damit sind wir schon bei Herzinfarkten und Schlaganfällen. Von Influenza ist bekannt, dass in der ersten Woche der Krankheit das Herzinfarktrisiko um den Faktor 10 erhöht ist, so Prof. Pletz. Da ist es logisch, dass bei einer ausbleibenden Influenzawelle auch die Infarktfälle zurückgehen. Und es steht nicht nur die Influenza im Verdacht.

Es gibt viele Studien, die gezeigt haben, dass Atemwegsinfektionen für die nächsten 4 Wochen bis 3 Monate das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte erhöhen. Wir wollen versuchen, anhand von Krankenkassendaten zu überprüfen, ob wir irgendein Signal finden.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jena

Und wie komplex unser Körper ist, zeigen auch Untersuchungen der Einflüsse von Darmbakterien auf die Anfälligkeit bezüglich diverser Atemwegserkrankungen, zu denen ja auch Corona zählt. Da liegen ganz bestimmt noch viele Erklärungen verborgen, nach denen wir suchen. Wenn drei gesunde Corona-Kontaktpersonen drei völlig verschiedene Reaktionen zeigen, muss das ja Ursachen haben. 

Es gab eine Studie, die zeigt, wenn man Mäuse mit Antibiotika behandelt und damit ihre Darmflora zerstört, dann steigt die Empfindlichkeit der Mäuse für Atemwegsviren deutlich an.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jena

Und schon sind wir bei der Frage, wie klug es ist, sich "etwas reinzupfeifen" und auch bei der Frage, wie wir unsere Darmflora pflegen können. Prof. Pletz ist ein Befürworter von probiotischem Joghurt, auch wenn nicht alle Studien positive Effekte zeigen. Es ist schließlich auch nicht jeder Mensch gleich. Einem hilft es, einem anderen nicht. Studien, die negative Auswirkungen belegt hätten, gibt es hingegen nicht. Also ist es einen Versuch wert, auf diesem Wege das Immunsystem zu stärken, so Prof. Pletz.

Woran liegt es, dass es mittlerweile offenbar weniger schwere Corona-Infektionen gibt?

Wahrscheinlich ist es - wie so oft - eine Mischung aus vielen Faktoren. Fakt ist, dass wir uns aktuell besser schützen als im Frühjahr und deshalb die Viruslast geringer ist. Das ist der eine Aspekt. Aber es kommt mindestens noch ein weiterer hinzu. Ein Virus möchte ja auch überleben und es nützt ihm gar nichts, wenn der Wirt stirbt. Ein unangepasstes neues Virus, das direkt vom Tier kommt (wie COVID 19) pflügt erstmal rücksichtslos durch unseren Körper, bis es "merkt", dass das nicht klug ist. Hinzu kommt, dass unser Immunsystem völlig überfordert ist oder überreagiert. Mit der Zeit mutiert aber das Virus und das durchaus oft zum Positiven.

Es gibt zwar auch Gegenbeispiele wie sooft in der Natur, aber es ist ein logisches Prinzip. Je besser es sich in dem neuen Wirt ausbreitet, desto weniger aggressiv wird es in der Regel.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jenaena

Aber auch dieser Erkenntnisgewinn ist ein Prozess. Das konnte man im Januar noch nicht wissen. Und dieser Prozess findet bei Corona erstmals in diesem Ausmaß in der Öffentlichkeit statt. Darauf ist diese aber nicht wirklich vorbereitet. Wir mögen klare Ansagen, mit denen wir umgehen können. Stattdessen erleben wir, dass die Masken erst nichts nützen sollen, um später dann zum Alltagsgegenstand zu werden. Vielleicht hätten wir vorher mehr nach Asien blicken sollen.

Die Asiaten, die ja deutlich enger zusammen leben, die mussten sehr viel mehr Epidemien durchmachen in den vergangenen Jahren. Da kann man sich als Europäer nicht hinstellen und sagen: Ich weiß es besser.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jena

Aber wir treffen Entscheidungen immer auf Zeit und zwar basierend auf dem aktuellen Wissensstand und der verändert sich bei einer Pandemie quasi täglich. Alleine schon deshalb, weil Wissenschaftler auf der ganzen Welt versuchen, der Plage Herr zu werden. Wenn sie nicht heiß darauf wären, im wörtlichen Sinne neues "Wissen zu schaffen", hätten sie auch den Beruf verfehlt. Und die Entscheidungsträger in der Politik stehen dann vor dem Problem, in der Abwägung aller Auswirkungen, das Richtige zu tun.

Diejenigen, die sagen, ich habe es schon immer gewusst, die beneide ich darum. Aber ich glaube, das ist die falsche Sichtweise.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jena

Soll ich mein Kind gegen Grippe impfen lassen?

Ein kleiner Junge ist beim Arzt und wird geimpft
Grippeschutz-Impfungen gibt es nicht nur mit der Spritze sondern für Kinder auch als Nasenspray. Bildrechte: imago images / Westend61

Klares "Ja!" von Prof. Pletz. Zwei Möglichkeiten: Es gibt eine Art Nasenspray für Kinder, das allerdings in diesem Jahr nicht in ausreichend hoher Zahl verfügbar sein dürfte. Aber auch über die normale Impfung mit dem Pieks darf man durchaus nachdenken. Erstens, um die Zahl der Atemwegserkrankungen grundsätzlich zu reduzieren, bei der ja gerne immer gleich die Corona-Mühle angeworfen wird. Aber es gibt möglichweise auch einen zweiten Effekt, den viele gar nicht auf dem Zettel haben. Das Immunsystem alter Menschen, die sich ja auch impfen lassen sollten, reagiert mitunter nicht ausreichend auf die Impfung, die Menschen erkranken trotzdem, wenn auch nur leicht. Das könnte man weiter reduzieren, wenn man ihnen einiges von der Viruslast abnimmt, die auf sie zukommen könnte. Und ein Virus geht - wir kennen das von Corona - gerne auch über die Kinder und Enkel auf die Großeltern.

Es gibt gute Daten aus Japan. Die haben in den 80er Jahren die Kinder verpflichtend geimpft. Und in dieser Zeit war die Sterblichkeit der über 65jährigen deutlich verringert, weil die Übertragung von Kindern auf Großeltern nicht stattfand. Aufgrund politischer Überlegungen hat man das Impfprogramm aufgegeben und dann stieg die Sterblichkeit wieder an.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Jena

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 11. September 2020 | 16:40 Uhr

15 Kommentare

pepe79 vor 17 Wochen

Wenigstens sind wir uns bei diesen dämlichen Masken einig. So weiter möchte ich die armen Leser und Redakteure nicht weiter bekästigen. Die mur Wichtigdn Argumente sind ausgetauscht. Der Rest wäre nutzlose Prosa.

Critica vor 17 Wochen

Pepe, ich bin ja als "Maskenhasser" bei den Nutzern bekannt.... :)
Ich erinnere, dass zu Beginn der Pandemie die "sehr verehrte" Virologen behauptet haben, Masken wären zum einen nicht notwendig, würden nichts nützen und die Sache eher noch verschlimmern.
Inzwischen müssen die zu viel bestellten Masken unters Volk und es wird per Gesetz festgelegt, dass jeder zu (fast) jeder Zeit eine solche zu tragen hat, obwohl Politiker auch keine Wissenschaftler sind.
Dass es aber auch noch andere Möglichkeiten gibt, eine Ansteckung - nicht nur mit Corona - zu verhindern, davon will man nichts wissen und es wird auch nicht propagiert.
Ich zitiere noch einmal Voltaire: "Wagen Sie, selbständig zu denken."

Critica vor 17 Wochen

Pepe, habe nie behauptet, ein Wissenschaftler zu sein. Zum Glück haben mir meine Eltern einen gesunden Menschenverstand mitgegeben. Da geht es im Leben auch sehr sehr sehr oft ohne Wissenschaft. "Wagen Sie, selbständig zu denken", sagte schon Voltaire. Und wenn man das macht, kommt man ganz gut durchs Leben. Versprochen.