Der Redakteur | 10.06.2021 Sollten Laien ins All fliegen?

Philipp Vollmer aus Eisenach hat gelesen, dass gerade ein Flug ins All versteigert wird. Amazongründer Jeff Bezos ist ebenfalls an Bord. Doch ist das verantwortlich, Laien ins All zu schießen?

Die Besatzung von SpaceX Crew-1
Die Besatzung von SpaceX Crew-1 Bildrechte: NASA

Wir kennen das spätestens seit Sigmund Jähn. Das legendäre Sternenstädten als Vorbereitungsort für Kosmonauten war nur etwas für die ganz harten Kerle. Von hier starteten zunächst ausschließlich ausgebildete Kampfpiloten, die - gefühlt - monatelang in der Zentrifuge gequält wurden und auch sonst fit waren wir ein Turnschuh.

Das Foto zeigt den russischen Kosmonauten Waleri Bykowski (l) und den deutschen Kosmonauten Sigmund Jähn, die in ihren Raumanzügen vor einem großen Globus sitzen.
Links: Der russisch Kosmonaut Waleri Bykowski, rechts: der deutsche Kosmonauten Sigmund Jähn Bildrechte: dpa

Wenn man - wie Jeff Bezos - einen Flug ins All versteigert, dann besteht natürlich die Gefahr, dass am Ende jemand mit Glatze, Plauze und eben etwas Kohle gewinnt (jenseits von 3,5 Mio. Dollar). Kann das gesund sein?

Bevor einst unser Astronaut und Physiker Ulrich Walter gemeinsam mit Hans Schlegel und seinen fünf US-Kollegen Ende April 1993 an Bord der Columbia in Richtung Erdumlaufbahn abgehoben hat, lagen schließlich auch einige Jahre Vorbereitung hinter ihnen. Für am Ende zehn Tage im All und 90 Experimente. Und da beginnt schon der Unterschied der Missionen. Jeff Bezos wird nur einen kleinen "Hüpfer" ins All machen, ein großer Schritt für ihn aber nur ein kleiner Schritt für die Menschheit.

Jeff Bezos
Tauscht Business-Anzug gegen Raumanzug: Jeff Bezos Bildrechte: IMAGO

Denn die Art der All-Aufenthalte nebst Belastung unterscheiden sich schon etwas. Ulrich Walter ist trotzdem begeistert von der Sache.

Ich finde das sehr gut, Jeff Bezos hat sich sehr gut vorbereitet, hat viele Testflüge gemacht und deshalb setzt er sich auch selbst rein, das ist ein Zeichen dafür, dass er seinen eigenen Raketen traut.

Prof. Ulrich Walter, Deutscher Astronaut

Weltraumtourist statt Astronaut

Im Fall des Fluges von Jeff Bezos fliegen die Raumfahrer - die sich angesichts fehlender Erdumrundung nicht offiziell Astronauten, sondern nur Weltraumtouristen nennen dürfen - nur in eine Höhe von 105 Kilometern. Hintergrund: Nach offizieller Definition beginnt bei 100 Kilometern der Weltraum.

Die Internationale Raumstation ISS gesehen vom Raumschiff Crew Dragon von SpaceX.
Die Internationale Raumstation ISS gesehen vom Raumschiff Crew Dragon von SpaceX. Bildrechte: picture alliance/dpa/NASA/AP | -

Zum Vergleich: Die ISS fliegt in 400 Kilometern Höhe. Ein solcher sogenannter suborbitaler Flug unterscheidet sich aber nicht nur in der Höhe, sondern auch in der Geschwindigkeit, denn oben angekommen, liegt diese bei null. Als würde man einen Ball hochwerfen, der auch irgendwann "stehenbleibt", bevor er wieder runterkommt. Was sich auf der Erdumlaufbahn befindet und die Erde in ca. 90 Minuten umkreist, fliegt aber mit 27.000 bis 30.000 km/h, das ist schon ein gewaltiger Unterschied.

Astronaut und Physiker 18 min
Bildrechte: IMAGO

Was soll das eigentlich alles?

Was den Sinn der Reise angeht, ist Ulrich Walter entspannt. Neben möglichen wirtschaftlichen Aspekten spielen nämlich auch "weiche" Faktoren eine Rolle. Je mehr Menschen aus eigenem Erleben berichten, wie schön die Erde ist, umso mehr achten wir vielleicht auf sie - und uns.

Denn die Zusammenarbeit an Bord der ISS zwischen den Nationen einschließlich Russland und den USA finden wir auf der Erde leider nur noch selten. Wir Astronauten wollen, sagt Ulrich Walter, dass jeder das Gefühl bekommt, dass die Erde unser Zuhause ist. Auch die menschliche Überheblichkeit geht da oben verloren und dieses Gefühl, dass wir Menschen die Welt bestimmen. 

Ob die Erde Menschen hat oder nicht, das interessiert die Erde nicht.

Prof. Ulrich Walter, Deutscher Astronaut

Bruce McCandless schwebt frei im Weltraum
Bruce McCandless schwebt frei im Weltraum Bildrechte: IMAGO

Was erwartet den Weltraum-Touristen?

Mal abgesehen vom Preis sind die Teilnahme-Hürden nicht sonderlich hoch, man muss die 90 Stufen zum Einstieg in 90 Sekunden schaffen können, schreibt Jeff Bezos und der Kreislauf sollte stabil sein. Das ist das Wesentliche. Die Belastung von 3G hochwärts für wenige Minuten und 5G für wenige Sekunden, wenn es in den freien Fall geht, sind auszuhalten, so Ulrich Walter.

Nur mal so zum Vergleich: Die Kinderschaukel kann schon mal 2,5G erreichen und die Achterbahnen (besonders in den USA) werben auch schon mal mit 4G. Erleichternd kommt hinzu, dass die Passagiere in bequemen Sesseln liegen, somit rutscht der Kopf nicht gleich zu den Füßen.

Astronaut in einem Raumschiff von Blue Origin
Astronaut in einem Raumschiff von Blue Origin Bildrechte: Blue Origin

Die Schwerelosigkeit dauert etwa drei Minuten an und nicht jeder Magen verträgt das. Aber eine gewisse Übelkeit einschließlich des Gebrauchs der mitgeführten Tüte kennen einige Menschen auch aus dem Flugzeug, das kann man hier auch erleben. Ob man es dann auch genießen kann, ist eine andere Frage, einschließlich des grandiosen Ausblicks und der sich verändernden Himmelfarbe. Je weiter man sich von der Erde entfernt, umso mehr ändert sich nämlich das himmelblau in Richtung schwarz. Bei 105 Kilometern Höhe, also der Zielhöhe des "Ausfluges" von Jeff Bezos, wird der Himmel schon dunkelblau.

Aber er ist noch nicht schwarz, wie im Weltraum. Die Sichtweite ist auch noch nicht so groß, sie beträgt ungefähr 400 Kilometer. Auf der ISS sind das dann schon 2.000 Kilometer in alle Richtungen. Das Gefühl ist dann schon ein anderes.

Prof. Ulrich Walter, Deutscher Astronaut

Und Weitblick hat der Menschheit auch noch nicht geschadet. So stehen wir mit Blick in die Zukunft der Raumfahrt auch erst ganz am Anfang einer großen Entwicklung - und da ist der Mars nicht das einzige Ziel, das ja nun nicht unbedingt für jedermann erstrebenswert erscheint.

Animation eines Roboters auf dem Mars
Animation eines Roboters auf dem Mars Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fliegen wir bald alle ins Weltall?

Doch angesichts der Monopol-Konstellation war und ist Raumfahrt einfach nur teuer. Die Russen, die Amerikaner, die Chinesen und Japaner, die ESA, die Inder noch und dann wird es schon dünn. Je mehr Länder und vor allem Firmen fliegen, umso günstiger wird die Technologie, sagt Prof. Walter. Und das kann nur von Vorteil sein. Was die Menschheit am Ende daraus macht, das steht noch in den Sternen.

Wenn wir uns überlegen, dass unsere Urgroßväter (Jahrgang kurz vor 1900) noch mit der Kutsche unterwegs waren - wenn überhaupt - und sich zu Beginn ihres Lebens sicher nicht vorstellen konnten, dass die Kutsche ohne Pferd zum Standard werden würde. Und dann sahen sie nicht nur das erste Auto, sondern auch den Aufschwung der Flugindustrie und die ersten Menschen im All.

Eine startende Rakete
Starship von Elon Musk Bildrechte: imago images/UPI Photo

Deshalb fällt es schwer, exakt abzuschätzen, wie uns diese Technologie tatsächlich weiterbringt. Vielleicht werden wir in ein bis zwei Stunden an jeden Punkt der Welt reisen - warum nicht? Klar, in Sachen Sicherheit muss sich da noch einiges tun, auch die "Flugsicherung" im All ist noch längst nicht so organisiert wie eine Etage tiefer. Und auch der Umweltaspekt wird mit steigendem Flugbetrieb eine größere Rolle spielen. Aber hier sind die privaten Anbieter wie Bezos oder Musk dabei, neue Maßstäbe zu setzen.

Raketen können wiederverwendet werden

Elon Musk zum Beispiel stellt seine Raketen-Endstufen wieder senkrecht auf die Erde oder wahlweise auf eine Plattform im Meer und schickt sie mit dem nächsten Flug wieder hoch. Raketenrecycling auf beeindruckende Art. Wer das schon einmal live erlebt hat, wenn die "Zigarre" plötzlich aus allen Wolken fällt und sich wie von Zauberhand geleitet sanft auf die Erde stellt, der kann das eigentlich nur faszinierend finden.

Die neuen Raumfahrtpioniere, die mit ihren schwer verdienten Privatmilliarden eigene Raumschiffe bauen, verlangen zwar aktuell auch noch viel Geld, aber das wird sich ändern, sagt Ulrich Walter und verweist auf seinen einst 1.400 DM teuren CD-Player. In nicht allzu ferner Zukunft werden wir uns vielleicht schon entscheiden können, kaufe ich mir ein neues Auto oder gönne ich mir einen Ausflug ins All?

Ich würde mal sagen nach ein paar Jahren - wie das halt immer so ist - nachdem viele geflogen sind, gehen die Kosten nach unten. Bei 50.000 oder 40.000 Euro wird es dann irgendwo landen.

Prof. Ulrich Walter, Deutscher Astronaut

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Der westdeutsche Astronaut Ulf Merbold , links, und der DDR-Astronaut Sigmund Jaehn. 44 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 10. Juni 2021 | 15:20 Uhr

4 Kommentare

lk2001 vor 2 Tagen

Welchen Vorteil soll das bringen wenn Leute die sich alles Leisten können den Armen erzählen wie toll die Erde ist damit sie noch mehr verzichten. Hier geht es um ein teures Hobby. Ein Raumflug, eine Yacht usw ... einfach weil man es kann.

astrodon vor 3 Tagen

Bia jetzt sind doch nur Laien geflogen - welcher Mensch war öfter als drei mal im All. Und wäre er dann bereits ein Profi ?
Die Frage ist - so wie sie gestellt wird - ziemliche

dimehl vor 3 Tagen

"dass am Ende jemand mit Glatze, Plauze und eben etwas Kohle gewinnt" - eine Umschreibung für einen "alten, weißen Mann" ?
Es besteht doch aber auch die Möglichkeit, dass eine Frau gewinnt. Offensichtlich ziehen Sie dies aber nicht in Betracht.
Würden Sie für diese Möglichkeit ebenfalls eine ähnlich abwertende Umschreibung wie die obige für Ihren Beitrag verwenden ?