Der Redakteur | 22.06.2021 Verkehrsunfall: Warum werden Menschen zu Unfalltouristen?

Nach einem tödlichen Verkehrsunfall bei Manebach im Ilm-Kreis am 15. Juni haben "Spaziergänger", Radfahrer und Autofahrer Rettungskräfte behindert und bepöbelt. Am Ende musste die Polizei Nagelbänder auslegen, um sich den nötigen Freiraum zu schaffen. Was ist los in unserer Gesellschaft? Warum wird der Mensch zum Gaffer und Unfalltouristen und welche rechtlichen Folgen hat das?

eine Handyanzeige "Gaffen tötet"
Mit dem Handy Bilder vom Unfall machen: Welche rechtlichen Konsequenzen drohen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Online-Redaktion der WDR-Sendung "Quarks" hat in Köln ein Experiment gemacht. Eine kleine Gruppe von Menschen hat sich in einem Kreis aufgestellt und auf den Boden geschaut. Nach kurzer Zeit schon vergrößerte sich die Gruppe auf rund 120 Personen. Alle schauten auf den Boden und sahen: nichts.

Aber es hätte natürlich dort etwas sein können, deshalb schauten eben alle. Die Kollegen des WDR haben es aber nicht einfach bei dem Experiment belassen, sondern es mit Kriminalpsychologen ausgewertet, die dieses grundsätzliche Verhalten als nicht ungewöhnlich ansahen und sogar erklärbar durch die uns von der Natur gegebene Neugier.  

Alle Säugetiere und auch wir haben eine grundlegende Neugier und das ist Voraussetzung und Antrieb des Lernens.

Dr. Ursula Gasch Diplom-Psychologin und Kriminologin

Dopamin und Adrenalin zum Selbstschutz

Auch das Belohnungssystem unseres Gehirns spielt dabei eine Rolle. Antworten auf brennende Fragen lösen einen Dopaminstoß aus. Werden wir sogar direkter Beobachter einer gefährlichen Situation, sind Hormone wie Adrenalin unterwegs, die uns in einen Notfallmodus versetzen, der dem Selbstschutz dient. Schutzreflexe, Flucht, Verteidigung oder Angriff, bis zu einem gewissen Grade sind solche Reaktionen auch normal.

Kritisch wird es, wenn dieser Zustand quasi zum "Dauerzustand" wird oder eine Gruppendynamik bekommt, die auch einen Namen hat: "Zuschauereffekt" oder "Genovese-Syndrom", benannt nach Kitty Genovese, einer jungen Bar-Managerin, die in New York auf dem nächtlichen Nachhauseweg niedergestochen wurde und um Hilfe rief. Sie konnte zunächst fliehen.

Das "Genovese-Syndrom"

Auch der Täter fuhr zunächst mit seinem Auto weg, nachdem ein Mann auf dem Fenster gerufen hatte, er solle das Mädchen in Ruhe lassen. Später kehrte der Täter noch einmal zurück, fand die hilflose junge Frau am Hintereingang ihres Apartmenthauses, attackierte sie erneut mit dem Messer, vergewaltigte sie und raubte ihr 49 Dollar.

Insgesamt 38 Personen im Umfeld der Tat wurden nachher von der Polizei befragt, die zwar nicht unbedingt alle komplett Augen- oder Ohrenzeuge geworden waren. Aber viele hatten doch etwas mitbekommen, Hilferufe, Geräusche und so weiter. Nur die wenigsten unternahmen etwas, indem sie zum Beispiel die Polizei riefen.

Und genau das ist der Punkt, an dem auch das Gaffen ins Spiel kommt. Dieser nach Kitty benannte "Zuschauer-Effekt" beschreibt nämlich das Phänomen, dass mit jedem hinzukommenden Zuschauer einer Tat oder eines Unfalls die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass jemand eingreift oder Hilfe holt. Motto: Irgendjemand wird schon, warum denn ich, es sind doch genug Leute da.

Rechtliche Konsequenzen

Dass es heute vermehrt Leute gibt, die in solchen Situationen das Handy nicht zücken, um den Notruf zu wählen, sondern um Bilder zu machen, hat bereits den Gesetzgeber auf den Plan gerufen. Dieses Verhalten ist mittlerweile ein Straftatbestand, möglich sind Geldstrafen oder bis zu zwei Jahre Gefängnis. Übrigens: Für das Fotografieren und Filmen und für die Weitergabe der Bilder.

Paragraf 201a Strafgesetzbuch wurde 2017 ausgedehnt auf Aufnahmen, die die Hilflosigkeit einer Person zur Schau stellen. Dieser Straftatbestand wurde 2020 noch erweitert um Aufnahmen von Verstorbenen.

Prof. Dr. Edward Schramm Lehrstuhl für Straf- und Strafprozessrecht Uni Jena

Doch damit sind wir noch nicht am Ende der Strafbarkeit. Das, was die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Manebach erlebt haben, das ist leider zum Alltag vieler Einsatzkräfte geworden. Polizeibeamte, Feuerwehr und sogar Notärzte und Rettungssanitäter werden bei ihrer Arbeit behindert, beschimpft, bedrängt oder gar körperlich angegriffen.

Behinderung von Rettungskräften: Ursachen und Tatmotive

Die Kriminalpsychologin Dr. Janina Lara Dressler hat Rettungskräfte in Berlin, Hamburg München und Köln für ihre "kriminologische Großstadtanalyse" befragt und unter anderem acht Ursachen beziehungsweise Tatmotive ausgemacht, die Menschen dazu bringen, gegen Rettungskräfte vorzugehen:

  1. Mangel an Respekt
  2. kulturell bedingte Konflikte
  3. Psychiatrische Akutlagen
  4. Feindbild Staatsorgan (politische Motivation)
  5. Unzufriedenheit mit Einsatzablauf
  6. Abwehr medizinischer Maßnahmen
  7. Unzufriedenheit mit Auswahl des Krankenhauses
  8. Erlebnishunger

Die wenigsten Motive sind auch nur im Ansatz entschuldbar. Erfasst wurden für die Untersuchung die Taten der Jahre 2011 bis 2017, die Kurven der erfassten Vorfälle stiegen in diesem Zeitraum deutlich an und 2017 hat der Gesetzgeber auch in diesem Bereich reagiert. Das ist weniger bekannt in der Öffentlichkeit, aber nicht weniger schmerzhaft für die Täter.

Denn mittlerweile ist auch das Behindern von Rettungsmaßnahmen ein Straftatbestand, der mit einer Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Haft geahndet werden kann. Wer also - wie im Fall Manebach - durch Nagelbänder daran gehindert werden muss, Absperrungen zu umfahren, der ist ganz sicher schon im strafbaren Bereich unterwegs, wer gar verbal oder körperlich wird, sowieso.

Auch Gaffer können die Rettungsmaßnahmen stören, indem sie den Rettungskräften den Zugang versperren.

Prof. Dr. Edward Schramm Lehrstuhl für Straf- und Strafprozessrecht Uni Jena

Allerdings ist das Gaffen selbst, sozusagen "Gaffen mit Abstand" nicht strafbewehrt, wenngleich ein Perspektivwechsel recht hilfreich sein kann. Möchte man selbst in einer vergleichbaren Situation Schauobjekt sein? Immerhin ist die Polizei befugt, Platzverweise zu erteilen, die auch mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden können, besonders Hartnäckige können auch in Gewahrsam genommen werden.

Wer sich wehrt, ist schnell im Bereich "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte" unterwegs. Und einen Aspekt sollten wir bei der ganzen juristischen Betrachtungsweise auch nicht vergessen: Für die Opfer oder anwesende Angehörige einer solchen Situation ist dieses "Begafftwerden" ein traumatisches Erlebnis, das sie vielleicht ihr ganzes Leben lang verfolgt. Auch darüber lohnt es sich, einmal nachzudenken, bevor man sich aufs Fahrrad schwingt oder einen "Spaziergang" macht zum Unfallort. 

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 21. Juni 2021 | 16:40 Uhr

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