Der Redakteur | 06.10.2021 Was wird aus den Gaspreisen?

Angesichts steigender Gaspreise, halbleerer Speicher und sinkender Liefermengen beim Erdgas – müssen wir im Winter frieren?

Der Standort des Bohrlochclusters auf dem Bovanenkovo-Gasfeld.
Ein Förderfeld des russischen Gaskonzerns Gazprom, der im Moment von den Abnehmern angesichts der Preisentwicklung skeptisch beobachtet wird. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Die Angst ist verständlich, aber unbegründet. Das sind die übereinstimmenden Aussagen von Energie-Experten und auch die Bundesregierung sah sich angesichts der Entwicklung der letzten Wochen zu einer Wortmeldung veranlasst.

Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums sagte, dass die Bundesregierung derzeit keine Engpässe bei der Gasversorgung in Deutschland sehe und die Gasspeicher auch im internationalen Vergleich gut gefüllt seien. Das allerdings mit Verweis auf die geringen Speichermengen in Großbritannien. Nun ist dort derzeit auch der Sprit knapp und die Supermarktregale sind leer, demzufolge ist dieser Vergleich eigentlich kein Beitrag zur allgemeinen Beruhigung.

Thüringen setzt auf russisches Eigeninteresse

Dann doch eher die Argumentation aus dem Thüringer Umweltministerium. Dort sieht man zwar auch die Ursache im derzeitigen eher zögerlichen Lieferverhalten der russischen Seite, würde daraus aber kein Horrorszenario ableiten in die Richtung, dass die Russen die Lieferungen im Winter quasi einstellen könnten.

Das wäre ja auch kontraproduktiv aus betriebswirtschaftlicher Sicht der russischen Lieferanten. Die haben ja ein Interesse daran, mit dem Erdgas ein langfristiges Geschäft mit uns zu machen. Natürlich wittern die im Moment gerade hohe Preise und hohe Gewinne, aber je unsicherer die Versorgung würde und je höher die Preise sind, desto mehr beschleunigen wir den Umstieg in eigene Energieversorgung.

Dr. Martin Gude, Abteilungsleiter Umwelt- und Energieministerium Thüringen

Das bedeutet: Auch und gerade mit Blick auf die Milliardeninvestitionen bei den Nord-Stream-Leitungen dürfte Russland kein Interesse daran haben, den Konflikt auf die Spitze zu treiben. Hinzu kommt auch die Argumentation vom Institut der Deutschen Wirtschaft, dass letztlich die momentane Situation die Bemühungen der großen Abnehmer beschleunige, mehr Unabhängigkeit zu erlangen. Stichwort: Umstellung auf eigene Produktions- und Speicherkapazitäten bezüglich der Energieversorgung. Der Trend geht ja ohnehin in Richtung Strom.

ine Ein-Euro Münze steht aufrecht vor einer Gas-Flamme
Wie hoch steigt der Preis für Öl und Gas noch? Bildrechte: dpa

Einkaufspraxis ist auch Poker

Bis es soweit ist, dauert es noch, aber das ist genau die Zeit, die Russland und Gazprom brauchen, um mit den Leitungen Gewinne einzufahren. Und auch wenn bei uns Verbrauchern Preissenkungen selten spürbar ankommen, in der energieintensiven Industrie ist es ein großes Thema und da kann man sich durchaus auch verzocken, indem man eben je nach Preisniveau eher kurz- oder langfristig einkauft.

2019/2020 hatten wir relativ geringe Gaspreise, sodass man hier auch relativ kurzfristig eingekauft hat und da müsste man hier momentan ein Vielfaches bezahlen.

Andreas Fischer, Energie-Experte Institut der Deutschen Wirtschaft Köln
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Aktuell sind die Großhandelspreise auf Rekordniveau, Faktor 4,5 haben Marktbeobachter zuletzt ausgerechnet. Dass das nicht komplett auf uns Verbraucher durchschlägt, hat etwas damit zu tun, dass der eigentlich Gaspreis beim Gaspreis nicht der Hauptfaktor ist, sondern Steuern, Abgaben, Durchleitungsgebühren usw. und letztlich ist es die künstliche Verknappung im Moment, die die Preise steigen lässt. Russland wird hier durchaus Absicht unterstellt, um Druck zu machen auf die Zulassungsverfahren.

Zunächst muss das Milliardenprojekt zum Beispiel noch von der Bundesnetzagentur zertifiziert werden, dabei muss die Nord Stream 2 AG gemäß einer EU-Richtlinie als unabhängiger Transportnetzbetreiber anerkannt bzw. der Betrieb anders organisiert werden. Die Unternehmensanteile der Nord Stream 2 AG hält nämlich die Gazprom international projects LLC und das ist eine Tochtergesellschaft von Gazprom.

Die Bundesnetzagentur möchte nun nachgewiesen haben, dass bei einem Betrieb der Leitung "alle regulatorischen Vorgaben eingehalten werden", wie ein Sprecher der Agentur sagte. Dabei geht es auch um den diskriminierungsfreien Netzzugang und die Integration der Verbindungsleitung in das deutsche Marktgebiet. Sprich: Die Leitung muss für alle Anbieter da sein, so wie Bahnschienen auch. Deswegen steht eine deutlichere Trennung von Produktion und Netz im Raum.

Unser Gas – ein Politikum

Politisch gehen die Meinungen weit auseinander, sie reichen von einer geforderten Beendigung des Projekts bis zur sofortigen Inbetriebnahme. Für Westeuropa ist dieser direkte Anschluss natürlich auch eine Umgehung etwaiger Konflikte in den bisherigen Durchleitungsländern wie der Ukraine. Allerdings sagen Kritiker, wenn Westeuropa nicht mehr betroffen ist, wenn Russland der Ukraine zum Beispiel den Hahn abdreht, dann entsteht so natürlich ein viel einfacheres Druckmittel gegenüber den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Fakt ist, wir hängen so oder so am russischen Gas, mehr als die Hälfte kommt von dort. Die Niederlande liefern einen stetig sinkenden Anteil, weil dort die Gasförderung langfristig aus geologischen Gründen reduziert wird - bleibt noch Norwegen übrig. Die Norweger haben zwar angekündigt, die Fördermengen zu erhöhen, aber ausgleichen können sie die Mindermengen aktuell nicht. Auch unsere eigenen Ressourcen in Thüringen beispielsweise sind keine Lösung, also unsere Biogasanlagen, die letztlich auch nur Methan herstellen, das chemisch letztlich dem Erdgas gleicht. Und noch ein Aspekt kommt am Ende hinzu: Logischerweise ist unser Gasverbrauch im Winter am höchsten. Für diese "Spitzenbelastungszeit" nun quasi Dauerleitungen bis zur Quelle zu bauen, die dann den Rest des Jahres nicht gebraucht werden, das ist uneffektiv.

Der Kreis schließt sich - bei Gazprom

Deshalb gibt es Gasspeicher in Europa, die quasi als Puffer dienen. Diese sollten in diesen Wochen eigentlich sehr gut gefüllt sein, so wie die Talsperren, wenn der heiße Sommer beginnt. Sind die aber nicht. Und ganz offenbar ist die Thüringer Talsperrenverwaltung besser organisiert als unsere deutsche Gasspeicherüberwachung. Auch wenn diese unterirdischen Speicher, die u.a. alte Gaslagerstätten sind, in das europäische Gasnetz eingebunden sind, der größte Gasspeicher in Deutschland gehört zu – Sie ahnen es – Gazprom. Dort liegt sozusagen billiges Gas, das sich jetzt gerade teuer verkaufen lässt, statt als Reserve auf den Winter zu warten. Optimal klingt irgendwie anders.

Wir brauchen eine bessere Regulierung dieser Vorratshaltung, dass die Betreiber strenger kontrolliert werden in Bezug auf die Mindestvorratshaltung Ende des Sommers. Das funktioniert offenbar nicht ausreichend gut.

Dr. Martin Gude, Abteilungsleiter Umwelt- und Energieministerium Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 06. Oktober 2021 | 16:40 Uhr

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