Der Redakteur | 29./30.09.2022 Strom und Gas: Was die Gaspreisbremse für private Gasverbraucher bedeutet

Ein großes Thema sind aktuell Gas- und Strompreise. Deshalb war "Redakteur" Thomas Becker auch gleich zwei Tage damit beschäftigt, wie Verbraucher sich gegen höhere Abschläge und Gas- und Strompreise wehren können. Hier sind seine Tipps und die seiner Gesprächspartner.

Illustration - Gaspreisbremse, Gaszähler und Gas-Umlage durchgestrichen
Von der Gasumlage zur Gaspreisbremse - Kunden erleben momentan eine Achterbahnfahrt. Bildrechte: IMAGO / Political-Moments

Die Bundesregierung hat die Gaspreisumlage kassiert. Stattdessen setzt man jetzt darauf, die Energiepreise grundsätzlich zu deckeln, finanziert die dafür maximal vorgesehenen 200 Milliarden Euro über Schulden.

Das bedeutet: Die aktuell stark erhöhten Preise für Energie bezahlen wir nicht sofort - wie durch die Gasumlage - sondern erst später im Rahmen der "Schuldentilgung", wenn sich die Beschaffungslage und die wirtschaftliche Situation wieder gebessert haben.

Was mache ich nun mit meinem Schreiben zur Gaspreiserhöhung?

Gedanklich können wir dort die Gasumlage schon mal abziehen, der Rest ist das Problem der Versorger. Aber die vielgescholtene Umlage war ohnehin nicht das allergrößte Problem, wenn sich der mitgeteilte Einkaufspreis plötzlich verzehnfacht hat. Solche Auswüchse bekamen vor allem Kunden zu spüren, die bisher ihr Gas (oder Strom) bei einem Billiganbieter bezogen haben. Der hat bisher zumeist kurzfristig und günstig eingekauft und den Preis weitgehend an die Kunden weitergegeben. Kurzfristig einzukaufen geht zwar immer noch, aber eben jetzt zu den aktuellen sündhaft teuren Preisen, deren Weitergabe eben zu diesen gigantischen Preissprüngen führt.

Ein Ausweg für Betroffene ist - auch wenn das den Preissprung vielleicht nur von Faktor zehn auf Faktor fünf reduziert - die "Flucht" in die Grundversorgung. Der Tipp deshalb: Den regionalen Grundversorger heraussuchen - in der Regel sind das die Stadtwerke, in Thüringen aber oft die TEAG - und dessen Grundversorgertarif anschauen.

Die Grundversorgung basiert auf einer Mischkalkulation, die hatte einen schlechten Ruf, weil sie teuer war, das hat sich nun komplett umgekehrt.

Dirk Gabriel Geschäftsführer Stadtwerke Gotha

Unabhängig davon sollten die nun angekündigten Maßnahmen zur Gaspreisbremse dafür sorgen, dass die ganz große Schockwelle für Verbraucher ausbleibt. Trotzdem bleiben die Grundregeln im Umgang mit Versorgern und den Verträgen bestehen.

Das bedeutet: Die Versorger werden jetzt ein neues Schreiben aufsetzen, beim Gas sowieso und ggf. auch beim Strom und mitteilen, wie hoch der Preis künftig sein wird. Die genaue Ausgestaltung der Preisdeckelung wird aktuell von der Gaskommission erarbeitet. Klar ist, dass es einen Sparanreiz geben wird. Denn angesichts einer immer noch drohenden Gasmangellage ist das Signal "Gas ist wieder billig" das falsche. Deshalb kursiert die 80-Prozent-Idee, dass also 80 Prozent vom normalen Verbrauch einer jeweiligen Haushaltsgröße gedeckelt werden. Beschlossen ist das noch nicht. Deshalb ist auch eine Gaspreisschätzung zunächst etwas spekulativ.

Beim Gas bei zehn Cent pro Kilowattstunde, das wäre meine Vermutung. Allerdings eben nur für den Basisverbrauch.

Dirk Gabriel, Geschäftsführer Stadtwerke Gotha

Was darüber liegt, dürfte den aktuellen Marktpreisen entsprechen, da kann man sich an dem orientieren, was der Versorger zuletzt mitgeteilt hat.

Was ist mit den Abschlägen?

Der Abschlag basiert - das ist gesetzlich geregelt - im Normalfall auf dem Verbrauch des Vorjahres. Das bedeutet: Der Preis, der in der letzten Jahresabrechnung als Gesamtsumme ermittelt wird, wird bei monatlichen Abschlagszahlungen durch zwölf geteilt, fertig der neue Abschlag.

Wenn aber durch den Versorger eine rechtswirksame Preiserhöhung erklärt wurde, die also frist- und formgerecht begründet und mit einem Hinweis auf das Sonderkündigungsrecht versehen war, dann hat diese natürlich Auswirkungen auf die Höhe der künftigen Abschläge.

Das bedeutet: Wenn der Verbrauch gleich bleibt, sich der Preis je Kilowattstunde aber zum Beispiel verdoppelt, dann würde sich der Abschlag auch verdoppeln. Wichtig in diesem Zusammenhang: Der per Anschreiben angekündigte neue Gaspreis, der sich wegen der Gasdeckel-Entscheidung noch einmal verändern wird, hat oft zwar einen veränderten Abschlag zur Folge, aber gilt nur bis zur nächsten Jahresabrechnung. Dann wird nach der beschriebenen Berechnung der neue Abschlag ermittelt.

Symbolfoto hohe Nebenkosten für Mieter - Frau sitzt zu Hause am Schreibtisch und überprüft die erhöhte Aufstellung der monatlichen Abschläge für Strom und Gas 4 min
Bildrechte: IMAGO/Roman Möbius
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Holger Schneidewindt ist Energieexperte der Verbraucherzentrale. Er rät Kunden genau auf ihre Abschläge zu schauen und nicht zu viel anzuzahlen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 29.09.2022 15:10Uhr 04:20 min

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Der Termin für die Jahresabrechnung ist individuell. Einfach auf den Vertrag schauen, von wann bis wann dieser jeweils läuft, das muss nicht das Jahresende sein. Wenn das aktualisierte Gaspreisschreiben dann kommt, sollten Sie trotzdem nachrechnen, ob die Abschläge korrekt sind. Sollte Ihre Jahresabrechnung tatsächlich zum 31. Dezember erstellt werden, dann können für die letzten drei Monate des Jahres 2022 durchaus etwas höhere Abschläge anfallen, als es der Jahresdurchschnitt vermuten lässt. Das liegt daran, dass jetzt die Heizperiode begonnen hat.

Wenn dann aber im Januar der neue Abschlag berechnet wird, sollte der Abschlag für die kommenden zwölf Monate wieder unter diesen Werten liegen. Trotzdem ist das Nachrechen immer gut.  

Wie widerspreche ich dem Abschlag, ohne zu kündigen?

Wenn Sie das Gefühl haben, wegen eigener Sparmaßnahmen viel weniger zu verbrauchen, als der Abschlag unterstellt, teilen Sie das Ihrem Versorger höflich mit und belegen Sie das gegebenenfalls mit einem Foto des Zählerstandes. Hilfreich ist auch der eindeutige Hinweis, dass es sich nicht um eine Kündigung handelt, sondern nur um die höfliche Bitte um Anpassung des Abschlags.

Damit sollte es auch nicht zu den auch schon beobachteten Irrtümern kommen (es kann auch Vorsatz gewesen sein), von denen der Verbraucherzentrale bereits Fälle gemeldet wurden. Ganz wichtig aber: Von freiwilligen Erhöhungen des Abschlags, um vor unliebsamen Überraschungen geschützt zu sein, raten Verbraucherschützer ab. Legen Sie das Geld lieber selbst auf die "hohe Kante". Und auch trotz der Preisbremse tun wir gut daran, genau hinzuschauen, wieviel Geld der Versorger künftig jeden Monat abbuchen will. Sie sind kein Kreditinstitut für Gasversorger.

Die Versorger fordern teilweise natürlich zu hohe Abschläge. Das sollte man nicht mitmachen, wenn die insolvent gehen, bekomme ich mein Geld nicht zurück.

Holger Schneidewindt Energieexperte der Verbraucherzentrale

Was wollte ich wegen des Preisdeckels jetzt tun?

Im besten Fall erst einmal gar nichts. So lange die genauen Vorgaben fehlen, kann kein Versorger seinen Kunden mitteilen, wie die neuen Preise aussehen. Deswegen sind auch Nachfragen sinnlos. Dirk Gabriel von den Stadtwerken Gotha bittet deshalb stellvertretend für seine Branche, den nächsten Abschlag erst einmal zu zahlen. Innerhalb der nächsten vier Wochen sollte dann mehr Klarheit herrschen. Anders sieht es aus für Menschen, die die ursprünglich angekündigten Preise und exorbitante Abschläge nicht bezahlen können.

Wenn man persönlich ein Problem hat, würde ich schon das Gespräch mit dem Versorger suchen. Wenn ich jetzt aber 80 Euro mehr zahlen muss im Monat und nicht auf Sozialhilfe angewiesen bin, würde ich erstmal einen Monat abwarten.

Dirk Gabriel, Geschäftsführer Stadtwerke Gotha

Abgesehen davon hilft mitunter auch schon der Blick auf die Website Ihres Versorgers. Sehr wahrscheinlich wird es dort zeitnah Informationen geben, wie z.B. mit den Abbuchungen der nächsten Abschläge verfahren wird. Auch das hilft, das Nachfrageaufkommen zu reduzieren, damit die, die wirklich Hilfe nötig haben, den Kundendienst auch erreichen.

MDR (ifl/fra,ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. September 2022 | 15:10 Uhr

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