Der Redakteur | 03.02.2022 Wer profitiert von den hohen Gaspreisen?

Christian Voigt aus Jena fragt: Wer profitiert eigentlich aktuell von den hohen Gaspreisen und was passiert, wenn die Russen nicht mehr liefern?

Der Standort des Bohrlochclusters auf dem Bovanenkovo-Gasfeld.
Das Bovanenkovo Erdgasfeld in Nordrussland Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Unser Gasnetz ist ein hochkomplexes System, nicht nur technisch, auch wirtschaftlich. Seit der Liberalisierung 2003 hat sich eine Menge getan: Europa ist vernetzt, es gibt Netzbetreiber, Speicher, Händler und unterschiedliche Produzenten in der Welt und einen freien Wettbewerb, der dazu geführt hat, dass der Gaspreis in den vergangenen Jahren sehr niedrig war. Und zwar der reine Gaspreis. Dass wir - getrieben durch die Zwänge des Klimawandels - regulatorisch eingreifen und klimabelastende Energien langsam aber stetig verteuern wollen, um Anreize für einen Umstieg zu schaffen, dafür kann der Markt zunächst einmal nichts.

Das für Energie zuständige Bundeswirtschaftsministerium hat auch mitgeteilt, welche mittelfristigen Absichten hinter der Strategie stecken: "Mit mehr erneuerbaren Energien reduzieren wir die Abhängigkeit fossiler Energieträger und können damit auch Preise stabilisieren." Aktuell sei es die hohe Nachfrage nach fossilen Energieträgern, die derzeit die Preise weltweit nach oben treiben würden.

Ausbau erneuerbarer Energien

Die richtige Antwort sei trotzdem der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien, um Importabhängigkeit zu reduzieren und Energiepreise mittelfristig stabil zu halten. Im Moment addieren sich im Preis nicht nur die Marktspitzen, sondern auch die Kosten der Steuerungsmechanismen aus EEG-Umlage und CO2-Bepreisung.

Dass der aktuelle Marktpreis auch wieder sinken wird, dafür werden schon die Regeln des Marktes sorgen, sagen Experten. Das klingt zunächst wenig überzeugend. Aber anders als wir, die wir vor allem unsere eigene aktuelle Rechnung im Blick haben, müssen Industrie und Energieproduzenten auf Jahre und Jahrzehnte im Voraus planen, schließlich wachsen auch die nötigen Anlagen oder alternativen Einnahmequellen nicht von selbst.

Erdöl- und Erdgas-Förderung in Katar
Erdöl- und Erdgas-Förderung in Katar Bildrechte: imago/HRSchulz

Die Produzenten in Russland, Norwegen, den Niederlanden (sie liefern jeweils direkt Erdgas) und auch jene in den USA und Katar (sie liefern Flüssiggas, das eigentlich auch Erdgas ist) wissen sehr wohl, dass sie ein Auslaufmodell fahren. Das bedeutet: Sie dürfen die Stellschraube mittelfristig nicht überdrehen, um unseren begonnenen Umstieg auf Alternativen nicht auch noch zusätzlich zu beschleunigen. Und letztlich dürfen wir auch nicht ganz vergessen, dass die Öl- und Gasvorräte endlich sind und sich die nächsten Generationen ohnehin alternative Energiequellen suchen müssen.

Die Russen haben es in der Vergangenheit immer gut geschafft, ihr Gas als Produkt so am Markt zu halten, dass es immer mehr nachgefragt wurde als das der Mitbewerber aus Katar und den USA usw.

Prof. Andreas Goldthau, Willy Brandt School of Public Policy an der Uni Erfurt

Die Produzenten in Katar und den USA haben allerdings das Problem, keine Leitungen zu uns gelegt zu haben. Sie müssen also ihr Erdgas zunächst energieintensiv und aufwändig verflüssigen, bedeutet herunterkühlen, um es in eine sinnvolle Volumengröße zu bekommen, die sich dann per Tankschiff über den Ozean schippern lässt.

Ein Tanker für Flüssiggas liegt an einem Dock.
Ein Flüssiggas-Tanker Bildrechte: Ken Hodge / Flickr CC BY 2.0

Das sind laufende Kosten, die die Russen nicht haben, wenn die Leitungen einmal liegen. Abgesehen davon, sind die Methoden der Amerikaner, an ihr nicht mehr sonderlich gut zugängliches Gas zu kommen, nicht nur aus Umweltgesichtspunkten umstritten. Stichwort "Fracking", bei dem Wasser mit Chemiezusätzen in die Erde gepresst wird, um die Lagerstätten quasi aufzubrechen und das Gas "freizulegen".

Welchen Einfluss haben die Verbraucher auf den Preis?

Der Einzelne von uns hat natürlich keinen Einfluss, es ist letztlich immer die Summe vieler, die Wirkung erzielt. Beim Gas könnten aber vor allem die Großverbraucher in der Industrie ihre ohnehin anstehenden Umstellungsprozesse beschleunigen und dann würde aus dem kurzfristigen Gewinn der Gasproduzenten langfristig ein Verlust.

Wir Verbraucher hingegen werden nicht sofort eine Wärmepumpe kaufen, wenn sich mal die Gaskosten verdoppeln, beim Öl sieht das schon etwas anders aus. Ein Auto wird häufiger ausgetauscht als die Heizung. Wer jetzt ein Auto kauft, der hat den Spritpreis direkt im Blick und am Ende hat das Auto dann plötzlich ein Ladekabel und keinen Tank mehr für Benzin oder Diesel.

In dem Moment, indem der Ölpreis zu weit nach oben getrieben wird, haben Konsumenten und auch Volkswirtschaften ein Interesse, Öl als Energieträger zu verlassen.

Prof. Andreas Goldthau, Willy Brandt School of Public Policy an der Uni Erfurt

Ölförderländer wie Irak oder Iran, die zum Beispiel für zehn Dollar pro Barrel Öl produzieren, machen bei einem Ölpreis von 40 Dollar immer noch einen Gewinn, andere Länder aber eben nicht, sagt Prof. Goldthau. Russland hingegen bestreitet seinen Staatshaushalt zu einem großen Teil aus Einnahmen von Energieexporten. Nach Einschätzung von Experten wie Prof. Goldthau braucht Russland einen Ölpreis zwischen 50 und 60 Dollar, Saudi Arabien 70 und Venezuela über 100 Dollar, um die Budgets zu decken.

Ehepaar, über seiner Gasrechnung grübelnd 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
9 min

Umschau Di 01.02.2022 20:15Uhr 08:38 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Venezuela hat zwar die meisten Ölreserven der Erde, finanziert mit den Einnahmen aber zu viel. So betreibt die venezolanische Erdölgesellschaft PDVSA Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen und ist ein ziemlich relevanter Arbeitgeber. Das alles zahlen wir quasi mit als Ölabnehmer und diese Kosten müssen neben den Produktionskosten auch immer mit abgedeckt werden.

Tun sie das nicht, wie zuletzt in Venezuela geschehen, kollabiert das System, die Inflation ist in astronomischen Höhen angekommen, Armut und soziale Unruhen sind die Folge, Ausgang ungewiss. Russland hat eine ähnliche Entscheidung getroffen. Man vertraut darauf, dass der Sektor Öl und Gas überproportional Staatseinnahmen generiert. Das ist eine recht einfache Lösung, wenn man seinem Volk nicht Rechenschaft ablegen will, so Prof. Goldthau. Die Einführung oder Erhöhung irgendeiner Steuer führt immer zu Diskussionen, wie wir wissen.

Ein politisches System, das autokratisch agiert, wird immer versuchen, dort Geld abzuschöpfen, wo es relativ einfach ist.

Prof. Andreas Goldthau, Willy Brandt School of Public Policy an der Uni Erfurt

Saudi-Arabien hingegen hat keine andere Wahl, die haben nichts anderes als Öl, die Russen hätten andere Möglichkeiten, nutzen sie aber nicht, bedauert Andreas Goldthau. Wir hingegen beeinflussen wie eingangs beschrieben die Energiepreise dahingehend, dass wir über EEG-Umlagen und CO2-Bepreisung das Klima retten wollen. Damit gilt der Satz "Das regelt der Markt" auch bei uns nur noch eingeschränkt.

Überhaupt hat dieser Markt eben auch Grenzen und er braucht Regeln, auch beim Gas. Diese überwacht in Deutschland die Bundesnetzagentur bis hin zu den verfügbaren Gasmengen im System. Aktuell liegt die Verantwortlichkeit für die Prüfung der vorhandenen Mengen bei den sogenannten Marktgebietsverantwortlichen. Das ist für Deutschland seit 1.Oktober 2021 die Trading Hub Europe GmbH (THE) mit Sitz in Ratingen und Berlin für den gesamten deutschen Gasmarkt. Es ist eine Kooperation der zahlreichen Netzgesellschaften wie bayernets GmbH, Thyssengas GmbH oder für unseren Raum zuständigen ONTRAS Gastransport GmbH. Das Hochdruckleitungssystem der Trading Hub Europe ist rund 40.000 Kilometer lang und verbindet mehr als 700 nachgelagerte Netze.

Was ist mit den Erdgasspeichern?

Grundsätzlich lassen sich Erdölvorräte einfacher anlegen, Tanks reichen völlig. Erdgas wird quasi wieder dorthin geschickt, wo es einmal herkam, also in unterirdische poröse Gesteinsschichten ehemaliger natürlicher Gaslagerstätten. Dass wir auch hier eine Gazprom-Tochter als Hauptbetreiber haben, hat einen ungünstigen Beigeschmack, aber Prof. Goldthau ist sich sicher, dass man auch diese gesetzlich zwingen könnte, für gewisse Pegelstände zu sorgen. Nur ist das bisher nicht geschehen, aber die Ölvorräte sind auch Kinder der Ölkrise in den 70er-Jahren und - so Prof. Goldthau - die EU denkt bereits darüber nach, hier auch gewisse Vorschriften zu machen, damit wir nicht wieder in eine solche Situation kommen wie in diesem Jahr.

Denn auch über die Befüllung von Speichern entscheiden letztlich Händler im Markt, die die entsprechenden Gasliefermengen für die Speicher gebucht haben. Diese werden auch zur Spitzenlastabdeckung an kalten Wintertagen benötigt, wenn wir deutlich mehr verbrauche, als produziert oder über die Fernleitungen oder Schiffslieferungen herangeschafft werden kann. Mit Hilfe der Speicher können die Produktions- und Leitungskapazitäten auch gleichmäßiger ausgelastet werden, sonst müssten -  bildlich gesprochen - die russischen Gasfelder Sommerpause machen.

Aktuell liefert Russland das, was vereinbart wurde, die Frage ist eher, welcher Händler bestellt jetzt bei diesen Preisen, um sich quasi einen Vorrat anzulegen, den er im Sommer nur noch zum halben Preis loswird? Unwahrscheinlich. Das Bundeswirtschaftsministerium hat darauf verwiesen, dass die Bundesregierung die Lage genau beobachtet.

Die Versorgungssicherheit ist aktuell weiter gewährleistet. Die Langfristlieferverträge werden nach unseren Informationen eingehalten.

Schriftliche Stellungnahme des Bundeswirtschaftsministeriums

Aktuell nehmen wir zum Beispiel so viel Flüssiggas ab wie nie, das in erster Linie per Tankschiff in Rotterdam ankommt aus Katar oder den USA. Das Bundeswirtschaftsministerium verwies darauf, dass die Marktgebietsverantwortlichen über sogenannte Long Term Options weitere Beschaffungsoptionen als Sonderausschreibungen platzieren können und das auch regelmäßig tun. In der Summe der Maßnahmen sieht Prof. Goldthau keine Gefahr, dass wir frieren müssen, auch wenn die nächsten Schritte schon nicht mehr ganz so schön klingen, die aber erst bei einem Lieferstopp aus Russland greifen müssten.

Abschaltung von Großanlagen der Industrie oder das Hochfahren von Reserve-Kohlekraftwerken, die dann statt der Gaskraftwerke für Strom und Wärme sorgen. Doch dieses Szenario ist nach Einschätzung von Andreas Goldthau nur denkbar, wenn es wirklich Krieg geben sollte in der Ukraine. Und dann hätten wir ganz andere Sorgen als die, beim Gas nicht mehr ganz aus dem Vollen schöpfen zu können.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 03. Februar 2022 | 16:40 Uhr

0 Kommentare