Der Redakteur | 26.06.2020 Ist Gebärdensprache international verständlich?

Bei Pressekonferenzen von Politikern oder Wissenschaftlern zur Corona-Situation, sowohl national wie international, ist sehr oft im Hintergrund eine Gebärdendolmetscherin zu sehen. Ist die Gebärdensprache eigentlich international? Sind die Gesten unabhängig von der gesprochenen Sprache zu verstehen?

Die Bildkombo zeigt die Hände von Gebärdendolmetscherin Kathrin-Maren Enders, die am 25.01.2017 in Frankfurt am Main (Hessen) ihre Finger sprechen lässt.
Ist die Gebärdensprache international verständlich? Bildrechte: dpa

Wir hatten es vermutet - mit den Händen in den Hosentaschen wird das nichts. Mal abgesehen davon, dass es unhöflich ist, so mit anderen Menschen zu kommunizieren. Für die Gebärdensprachendolmetscherin Claudia Oelze gehört es einfach dazu, beim Sprechen in Bewegung zu sein. Sie findet Leute sehr interessant, die durch Bewegung ihre Sprache unterstreichen und liest aus den Bewegungen auch viel heraus. Auch Sätze "zwischen den Zeilen" sozusagen.

Wenn sich jemand im wahrsten Wortsinne "ausgesprochen" freut, aber sein Körper etwas anderes ausdrückt, dann merkt sie das eher, als andere. Das ist ihr schon mehrfach aufgefallen. Das sollte uns bewusst sein, wenn wir mit Menschen kommunizieren, die die Gebärdensprache beherrschen. Sie beobachten ihre Gegenüber viel aufmerksamer.

Claudia Oelze, Gebärdensprachdolmetscher im MDR
Claudia Oelze Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als nächstes lernen wir, dass die Gebärdensprache eine Sprache ist, die durchaus Muttersprache sein kann. Als Kind gehörloser Eltern ist Claudia Oelze sozusagen zunächst "sprachlos" aufgewachsen, zumindest so, wie Hörende Sprache verstehen. Aber das ist schon ein bisschen anmaßend, denn - wir werden das noch vertiefen - Gebärdensprache ist eine eigene Sprache und kein Alternativgefuchtel.

Das war die Kommunikation, die wir zu Hause hatten. Und dann bin ich mit drei Jahren in den Kindergarten gekommen und musste dann wohl oder übel sprechen lernen.

Gebärdensprachdolmetscherin Claudia Oelze

Die erste Sprache ist für das Kind entscheidend

Das heißt: Sie hätte es nicht gebraucht. Mit ihrer Sprache war sie aus ihrer Sicht zufrieden, nur war die Kommunikation mit anderen Kindern natürlich schwierig und sie hatte als Kind auch das Gefühl, die anderen Kinder wollten sie nicht verstehen. Für ein Kind ist es zudem wichtig, eine gesicherte Sprache zu haben, sagt sie. Darauf können dann weitere Sprachen aufbauen. Das heißt: Die Eltern oder das häusliche Umfeld muss diese erste Sprache perfekt beherrschen, sonst geht es schief.

Hätten meine Eltern mit mir gesprochen, hätte ich wahrscheinlich keine gute Lautsprache und keine gute Satzgrammatik produziert, weil meine Eltern diese Lautsprache nicht gesichert beherrscht haben, weil sie diese durch die Höreinschränkung auch nicht hätten kontrollieren können.

Gebärdensprachdolmetscherin Claudia Oelze

Was damit gemeint ist, das kann man in Familien oft türkischstämmiger Einwanderer ablesen, deren Kinder eine recht eigenartige Form der deutschen Sprache sprechen. Ihnen wurde Deutsch nicht von einem Muttersprachler beigebracht. Bei zweisprachig aufwachsenden Kindern wäre es also klug, wenn jedes Elternteil in seiner Muttersprache mit dem Kind spricht, damit das Kind gar nicht erst "gebrochenes" Deutsch oder Englisch lernt.

Gebärdensprachdolmetscher Claudia Oelze 15 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 26.06.2020 16:00Uhr 15:08 min

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Gebärdensprache als weitere Kultur

Und damit wären wir auch schon beim Thema. So wie es verschiedene Lautsprachen gibt, so haben sich auch verschiedene Gebärdensprachen entwickelt und das durchaus jeweils parallel. Aber es ist nicht nur das "Gebärden-Englisch" anders als das "Gebärden-Deutsch", sondern auch die Grammatik unterscheidet sich zwischen dem Sprechen und den vermeintlichen "Gesten".

Anführungsstriche deshalb, weil sich Claudia Oelze gegen diesen Begriff wehrt, die Gebärdensprachler haben lange dafür gekämpft, eine eigene Sprache zu haben und damit eine eigene Kultur. Geholfen hat ihnen dabei der Nachweis von Linguisten, dass es eigene grammatikalische Strukturen gibt in der Gebärdensprache.

Den Satz ‚Der Salat schmeckt aber lecker‘ müsste ich in deutsche Gebärdensprache umwandeln in ‚Salat der, schmeckt lecker. Oder: ‚Auto dieses, neu schick und schnell.

Gebärdensprachdolmetscherin Claudia Oelze

Das heißt: Das Adjektiv kommt immer am Ende. Während wir mitunter herumschwurbeln, eine "wunderbare, kluge, bescheidene Frau" kennengelernt zu haben, kommt die Gebärdensprache schneller auf den Punkt. Und zwar in allen Ländern unterschiedlich. Die Gebärdensprache ist jeweils eine andere, eine weitere Kultur. Claudia Oelze hat sich deshalb auch niemals als "behindert" gefühlt und findet Leute eher uninteressant, die ihren Körper gar nicht benutzen, um zu kommunizieren.

Deshalb hätte sie auch lieber ein direktes Interview geführt, statt eines Telefoninterviews, wobei das auch Gefahren gehabt hätte. Denn im Radio müssen wir optisches in Sprache übersetzen, also das ist der umgekehrte Weg im Vergleich zu dem, den die Gebärdendolmetscherin im Fernsehen geht. So wie Claudia Oelze übrigens zuletzt im MDR Garten.

Wörter werden aus anderen Ländern übernommen

Wenn da über Erdbeeren gesprochen wird, dann verzweifelt sie ein bisschen an unserer etwas armen deutschen Gebärdensprache. Die Erdbeere, die Himbeere und ähnlich geformten Früchte sind nämlich zunächst allesamt nur Kugeln und werden auch so dargestellt, ergänzt durch einzelne Buchstaben. Stichwort Fingeralphabet, das gibt es nämlich auch. Also das "Erd" kommt buchstabiert hinzu.

Das stelle man sich mal sprachlich vor. Ein zusammengesetztes Substantiv, das zur Hälfte buchstabiert wird. Deshalb freut sich Claudia Oelze über den Einfluss anderer Gebärdensprachen, die da viel mehr zu bieten haben einschließlich eigener Wörter für jede Beere. Und so wie uns das Englische mit Begriffen erfreut, vom Team bis zum Videocall, beeinflussen sich auch Gebärdensprachen gegenseitig.  

Eine Frau übersetzt die Geschehnisse der Sendung in Gebärdensprache.
Übersetzung in Gebärdensprache Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da werden auch Wörter aus anderen Ländern genommen. Die Amerikaner zum Beispiel nennen in der Gebärdensprache immer den Anfangsbuchstaben - da haben wir wieder das Fingeralphabet. Bei "Isolation" zum Beispiel das "i" und eine drehende Bewegung dazu. Das "i" ist der kleine Finger nach oben.

Gebärdensprachdolmetscherin Claudia Oelze

Der kleine Finger nach vorn hingegen - in Richtung einer Person ausgestreckt - heißt: Ich ignoriere dich! Den Daumen und den Zeigefinger zusammenführen und die anderen Finger wegstrecken, das heißt "schön". Das kann man gerne mal probieren und wird feststellen, dass man sich dieser Bewegung in diesem Zusammenhang auch schon bedient hat.

Genauso wie das Schnell, das mit auf sich ausgestrecktem Daumen ausgedrückt wird, während der Rest der Hand zur Faust geballt wird. Dann zweimal die Faust nach vorne schieben, fertig ist das Schnell. Nur Achtung! Das kann auch schnell schief gehen.

Wenn man das zu tief macht als Mann, dann ist das ungünstig. Das hat eine anzügliche Bedeutung.

Gebärdensprachdolmetscherin Claudia Oelze

Das lassen wir mal so stehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 26. Juni 2020 | 16:00 Uhr

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