Der Redakteur | 05.05.2021 Warum sind negativ behaftete Worte nach wie vor männlich?

Olaf Schmidt aus Erfurt fragt vor dem Hintergrund der sich durch die Gender-Debatte verändernden Sprache, warum bei negativ behafteten Dingen die männliche Form benutzt wird. Diskriminiert das nicht Männer? Warum gibt es keine Falschfahrerinnen und Raserinnen? Hat sich noch nie eine Frau beschwert, dass sie nicht genannt wird?

Aufkleber mit Aufschrift *innen an einem Stromkasten
Gendergerechte Sprache sorgt bei vielen Menschen für Aufregung. Doch sind mit der weiblichen Form wirklich immer nur Frauen gemeint? (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Ralph Peters

Das ist durchaus ein Thema, bei dem die Wellen etwas höher schlagen. Genaugenommen hat sich im Laufe der Diskussion bei MDR THÜRINGEN niemand gemeldet, der/die das Fähnlein des sprachlichen Feminismus hochgehalten hätte. So blieb es bei sachlich bis ironischen Bemerkungen und dem Hinweis von Frauen, auch ohne "diesen Quatsch" stark genug zu sein.

Sprache ist lebendig

Nun ist unsere Sprache schon ein bisschen älter, Veränderungen sind seit Jahrhunderten normal. Wir sind also quasi nur eine von vielen Durchgangsstationen und es setzt sich auch immer nur das durch, was die Mehrheit anwendet.

Wir in der Sprachwissenschaft sagen in der Regel, dass wir die Sprachentwicklung beobachten und mit Aufmerksamkeit verfolgen sollten. Künstliche Eingriffe haben in der Sprachentwicklung noch nie etwas bewirkt. Denken wir an die Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Jede hat versucht, Sprache durch Reglementierungen zu beeinflussen. Das hat nicht viel gebracht.

Prof. Csaba Földes Sprachwissenschaftler Uni Erfurt

Nun ist es im Radio besonders schwierig, Sternchen oder Doppelpunkte einzufügen oder ein "Innen" zu sprechen, bei dem schlimmstenfalls auch noch ein "Außen" erwartet wird. Deshalb haben wir im Rahmen unserer regelmäßigen Hörerbefragungen, die von Meinungsforschungsinstituten durchgeführt werden, auch diese Frage klären lassen.

Gendern im Radioprogramm oder nicht?

Ganze 19 Prozent der MDR THÜRINGEN-Hörer*innen hielten es für eine gute Idee, wenn wir uns gendergerecht umstellen würden, 52 Prozent fanden es unnötig, dem Rest war es egal. Klingt nicht nach einem Verkaufsschlager und wir Radioleute sind - ganz ehrlich - mehrheitlich auch ein bisschen froh, dass dieser Trend an uns vorübergeht.

Denn die Schere im Kopf - "Wie sage ich das jetzt gleich noch mal?" - würde Spontanität und Redefluss nicht gerade förderlich sein. Deshalb wird es den Anne-Willschen "Steuerzahler:innen-Bund" bei uns nicht geben, es sei denn, einem Kollegen oder einer Kollegin ist danach.

Die Anrede 'Mitarbeiter*innen' ist in der Handreichung 'Hinweise zur Umsetzung der geschlechtersensiblen Sprache für die Verwaltung der Landeshauptstadt Stuttgart' markiert und auf einem Bildschirm zu sehen.
Für viele Menschen klingt gendergerechte Sprache noch ungewohnt. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Was ist trotzdem sinnvoll?

Für Prof. Földes ist es nicht verwunderlich, dass zuerst die positiven Begriffe wie "Professorin" eingefordert werden und weniger die "Massenmörderin" oder die "Faschistin". Auch die soll es nämlich gegeben haben. Und er würde - wenn es denn schon sein muss - dann auch die Konsequenz empfehlen, die negativen Dinge ebenso weiblicher zu gestalten.

Frauen in der Gesellschaft sichtbarer machen

Gleichwohl findet er die Grundtendenz begrüßenswert, nämlich Frauen in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und somit auch mehr Gleichberechtigung in der Sprache und der Kommunikation zu haben. Wo es passt, ist das also völlig in Ordnung, also über eine Professorin oder eine Kanzlerin müssen wir nicht debattieren. Wie aber schaut es beim Kanzlerinnenamt aus? Hier scheiden sich bereits die Geisterinnen.

Sprache ist ja kein gerechtes System. Das ist kulturell und historisch entstanden. Da muss man vorsichtig sein. Da kann man sofort Beispiele finden: "Herr der Lage", da kann man nicht sagen "Die Dame der Lage" und den "herrenlosen Damenkoffer" kann man auch nicht umkehren.

Prof. Csaba Földes Sprachwissenschaftler Uni Erfurt

Nun geht die Ungerechtigkeit ja noch weiter. Die Mehrzahl ist nämlich offenbar komplett weiblich in der deutschen Sprache: Er ist, sie sind - das kann doch so nicht bleiben!

Ist ein "Sie" wirklich immer weiblich?

Doch wer sagt eigentlich, dass dieses "Sie" wirklich weiblich ist? Niemand. Das ist die Überraschung des Tages. Zur althochdeutschen Zeit gab es nämlich sehr wohl eine pluralistische Entsprechung für unser "er, sie, es".

Er staunt, sie staunen, dabei wurde das "Sie" noch "sijä" ausgesprochen. Wenn also eine "Sie" gestaunt hat, dann hieß das "siu", wenn sie alleine staunte und "sio", wenn es viele Mädels waren. Ein neutrales "Iz" entsprach dem "Es" von heute und wenn viele "Es" staunten, dann hieß es: "siu staunen". Da staunen wir nun alle gemeinsam.

Einzahl und Mehrzahl in Althochdeutsch und heutigem Hochdeutsch
  Althochdeutsch Heutiges Hochdeutsch
männliche Einzahl (h)er er
weibliche Einzahl siu; sī, si sie
sächliche Einzahl iz es
männliche Mehrzahl sie sie
weibliche Mehrzahl sio sie
sächliche Mehrzahl siu sie

Das bedeutet im Klartext, unser heutiges "Sie" als Mehrzahl ist genau genommen die ursprüngliche männliche Mehrzahl. Auch das noch! Was machen wir denn nun? Wir entspannen uns. Denn das ist wohl Zufall und der Tatsache geschuldet, dass wir eben reden, wie uns der Mund gewachsen ist.

Muskelbewegungen Schuld an sprachlicher Ungerechtigkeit?

Prof. Földes vermutet nämlich, dass das artikulatorisch aufgrund der Muskelbewegungen entstanden ist. Und vielleicht erledigt sich ja die Gender-Diskussion in hundert oder zweihundert Jahren, wenn unsere jetzt noch getrennten "Er, Sie, Es" auch noch zusammenwachsen.

Auf lange Sicht ist das nicht ausgeschlossen, denn in der Sprache ist eine der Entwicklungstendenzen die Tendenz zur Vereinfachung.

Prof. Csaba Földes Sprachwissenschaftler Uni Erfurt

Quelle: MDR THÜRINGEN

Mehr zum Thema Sprache und Rollenbilder

Christian 10 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lebensniceheiten Mo 26.04.2021 00:00Uhr 09:57 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Stefanie Hartmann von Sorry3000 15 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR Dok Sa 08.05.2021 18:00Uhr 14:48 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 05. Mai 2021 | 16:42 Uhr

0 Kommentare