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Nachdem in Erfurt Liszt-Affen beschlagnahmt wurden: Welches Risiko birgt der Handel und die Zucht exotischer Tiere? Bildrechte: MDR/Landespolizeiinspektion Erfurt

Der Redakteur | 16.06.2021

Welche Gefahren gehen von Zucht und Handel exotischer Tiere aus?

von Thomas Becker, MDR THÜRINGEN

Stand: 16. Juni 2021, 18:40 Uhr

Nach dem aufgeflogenen Deal mit den Lisztaffen in Erfurt fragt sich Markus Kleemann nun: "Wie dämlich ist es eigentlich mit der Corona-Erfahrung, exotische Tiere einzuschleppen?" Oder anders ausgedrückt: Welche Gefahren gehen von dieser Art Handel und Zucht aus?

Zunächst: ja, es ist dämlich. Noch dämlicher bis verantwortungslos ist es, anderen weis zu machen – zum Beispiel den Käufern – dass mit den Äffchen alles in Ordnung ist. Wir wissen es nämlich einfach nicht. Jedes Tierchen trägt "seine" artentypischen Erreger mit sich herum und alle fühlen sich auch noch wohl dabei. Ist die Katze gesund, freut sich der Mensch vielleicht sogar noch zu Recht, bei Wildtieren sieht es schon ganz anders aus, bei exotischen Tieren wird es noch schlimmer. Schon aus statistischen Gründen.

Die Artenvielfalt nimmt mit der Äquatornähe zu. Also haben wir viel mehr Tiere, viel mehr Pflanzen, aber auch viel mehr Krankheitserreger.

Prof. Dr. med. Dennis Tappe, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

Und exotisch heißt in diesem Falle auch: Es steht auch die Wissenschaft vor einem Rätsel. Hinzu kommt, dass es nicht möglich ist, die Tiere quasi mal durchzuchecken, Motto: Mal gucken, was der Kleine hat, dann wird entwurmt und geimpft und fertig ist das Kuscheltier.

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Interviewzum Anhören: Wie groß ist die Gefahr durch "Zoonosen"?

Mehrere Fälle von Hirnhautentzündung bei Tierzüchtern

Mal abgesehen von den artenschutzrechtlichen Aspekten werden die Tiere oft nie krank, obwohl sie Viren übertragen können. Ob sie das tatsächlich tun, das wissen wir leider erst, wenn es zu spät ist. Denn selbst wenn man - zum Beispiel in aufwändigen wissenschaftlichen Screenings - schauen würde, welche Erreger bei den Dschungeltieren aktuell so angesagt sind, sagt das noch gar nichts darüber aus, wie viele davon das Zeug zu Zoonosen haben. So heißen nämlich die Erreger, die vom Tier auf uns überspringen - Corona lässt grüßen. So geschehen auch zwischen 2011 und 2013 in Sachsen-Anhalt, als eine Häufung von Hirnhautentzündungen auftrat, die tödlich verliefen.

Solche Fälle liegen dann in der Zuständigkeit der Kollegen um Prof. Tappe vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Das Nationale Referenzzentrum für tropische Infektionserreger ist in der Ärzteschaft das, was bei der Kripo die Spurensuche ist. Bei solchen Ausbrüchen bzw. Ausbrüchen von unklaren schweren Erkrankungen ist es zunächst wichtig, schnell die Verbindungen zwischen den einzelnen Fällen zu finden. Haben sich die Menschen getroffen? Waren sie am gleichen Ort im Urlaub? In diesem Fall hatten sie das gleiche Hobby, waren allesamt Züchter und Händler von Bunthörnchen, süße kleine Eichhörnchen aus Mittel- und Südamerika.

Zwischen 2011 und 2013 erkrankten mehrere Züchter von Bunthörnchen an einer tödlich verlaufenden Hirnhautentzündung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fünf bis zehn Prozent der Tiere waren mit einem neuartigen Borna-Virus infiziert. Da haben wir uns zusammen mit Tiermedizinern die menschlichen Fälle angeschaut und dann diese Tiere untersucht und den Erreger in Mensch und Tier gefunden.

Prof. Dr. med. Dennis Tappe, Leiter Arbeitsgruppe Zoonosen am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Adoptierte Hunde aus dem Süden können Erreger mitbringen

Vor Corona hätte man solche Fälle mit dem Satz: "Selbst Schuld" nicht sonderlich mitfühlend abtun können. Mit dem Wissen von heute sollte der Blick geschärft sein. Das bedeutet: Nicht nur aus Artenschutzgründen sollten exotische Tiere bleiben, wo sie sind. In der Heimat und in ihren natürlichen Lebensräumen. Dass wir davon Kulturen mit viel Wildtierhandel und -verzehr exotischer Art nur schwer zu überzeugen können, das merken wir an China. Aber wir müssen gar nicht nur auf andere zeigen.

Auch das Retten von Hunden aus südlichen Ländern birgt oft unterschätzte Gefahren. Denn auch diese treu blickenden Tiere könnten reichlich neuartige Erreger mitbringen, quasi als Zwischenwirt. Das bisschen Quarantäne nach der Einreise, die Standardimpfung und das Entwurmen sind nette Versuche und sicher notwendig, aber es ist kein sicherer Schutz vor bösen Überraschungen. Und dass solche Tiere auch in der Natur Schaden anrichten könnten, wenn sie absichtlich oder aus Versehen freigelassen werden (Stichwort Waschbär) – das ist noch einmal ein ganz anderes Thema.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 16. Juni 2021 | 16:40 Uhr

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