Der Redakteur | 07.06.2021 Was bedeutet bei Impfstoffen eine Wirksamkeit von 95 Prozent?

Zu 95 Prozent soll eine Impfung gegen Corona wirken. Das klingt doch super! Doch was heißt das genau und was, wenn die fünf Prozent eintreten, die da noch offen bleiben?

Die Impfschwester Antonia Hollerbach hält eine Ampulle Impfstoff Comirnaty (BioNTech) zum Aufziehen einer Impfspritze
Eine Impfschwester hält eine Ampulle Impfstoff Comirnaty (Biontech) zum Aufziehen einer Impfspritze. Wie wirksam wird die Spritze sein? Bildrechte: IMAGO / Peter Endig

Prozentrechnung ist nicht jedermanns Sache, dabei ist die Idee doch so simpel und die Formel steckt eigentlich schon im Wort: per cento = von Hundert. Deswegen heißt unser Cent genau so wie er heißt. Ein Cent alleine ist ja auch einer von 100. Nun müssen wir nur noch definieren, was diese Einhundert sein sollen.

Ein häufiger Fehler beim "Lesen" der Wirksamkeit von Impfstoffen ist es, die Einhundert mit allen Einwohnern Deutschlands gleichzusetzen - knapp 80 Millionen, 95 Prozent bleiben gesund der Rest von fünf Prozent leidet gar fürchterlich, vier Millionen an der Zahl also, fertig ist das Missverständnis.

Denn die 100 Prozent sind nicht alle Menschen in Deutschland oder anderswo, sondern es sind die Menschen in der Placebo-Vergleichsgruppe der Impfstudie, die erkrankt sind. Hierzu müssen wir einen kurzen Umweg machen, wie eine solche Erhebung funktioniert.

Was passiert in den Studien genau?

Die Probanden werden in zwei wirklich vergleichbare Gruppen geteilt, eine Hälfte bekommt ein Placebo und eine Hälfte den Impfstoff, dessen Wirksamkeit getestet werden soll. Im Falle von Biontech waren es in Phase 3, das ist die teure Phase mit in diesem Fall 44.000 Freiwilligen. So viele Menschen haben an der sogenannten Doppelblind-Studie nämlich teilgenommen.

Doppelblind heißt, weder die Studienteilnehmer noch die Durchführenden wissen zunächst, wer hat das Placebo und wer hat den Impfstoff bekommen. Das heißt: die Impfstoffdosen sind natürlich verschlüsselt gekennzeichnet, doch den Schlüssel hat nicht jeder. Die Auswahl, wer nun welche Spritze bekommt, passiert rein zufällig.

Diese Blindstudien haben den Hintergrund, dass man psychologische Einflüsse minimieren möchte, denn wenn ich sicher bin, den Impfstoff erhalten zu haben oder eben nicht, verhalte ich mich ja möglicherweise anders. Damit wären aber die beiden Vergleichsgruppen nicht mehr wirklich vergleichbar.

Wie werden die 95 Prozent ermittelt?

Von den 44.000 Probanden bei Biontech erkrankten insgesamt 170 Menschen. Um diese Zahl einordnen zu können, musste man natürlich schauen, wer von denen hat nun den Impfstoff erhalten und wer nicht. Würden sich die positiven Fälle auf beide Gruppen gleichverteilen, also 85 Personen in der Placebogruppe und 85 in der Gruppe der Geimpften, dann muss man kein großer Mathematiker sein, um festzustellen: Die Wirksamkeit ist offenbar gleich null. Das Verhältnis war aber eben deutlich verschoben, es waren 162 der Nichtgeimpften und nur acht der Geimpften positiv.

Und jetzt kommt die Prozentrechnung ins Spiel. Am einfachsten ließe sich eine 50-prozentige Wirksamkeit darstellen. Wenn diese am Ende herausgekommen wäre, dann wären unter den Geimpften 81 Menschen positiv gewesen. Die 162 sind nämlich unsere berühmten 100 Prozent. Eine Wirksamkeit des Wirkstoffes von 50 Prozent hätte also die Zahl der positiv Getesteten halbiert. Nun waren es aber nur acht Positive in der Gruppe der Geimpften = fünf Prozent, das bedeutet: 95 Prozent, die ohne Impfung positiv gewesen wären, waren es nicht. Das ist die Wirksamkeit. 

Die fünf Prozent, die trotz Impfung erkranken, haben häufig nur einen leichten Verlauf. Schwere Fälle Verläufe wie Krankenhauseinweisung oder Todesfälle werden bis zu 100 Prozent verhindert.

Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts

Wenig Daten - ungenaue Kommunikation

Das zeigen auch die neuesten Zahlen der immer noch laufenden Studien. Denn je mehr Probanden und Daten kann hat, umso genauer kann man die Ergebnisse auch auf einzelne Risikogruppen anwenden. Das war ja einst eines der Grundmissverständnisse bei Astrazeneca.

Hier gab es anfangs zu wenige ältere Menschen über 65, die an der Studie teilgenommen hatten. Den Zulassungsbehörden war die Datenlage zu dünn, der Impfstoff wurde deshalb zunächst nur für die jüngeren Altersgruppen zugelassen. Als dann auch bei den Älteren genügend Daten existierten, wurde die Empfehlung geändert, die Älteren durften geimpft werden. Später gab es dann bekanntlich sehr selten Thrombosefälle bei jüngeren Frauen als schwere Nebenwirkungen, weshalb dann in vielen Ländern nur noch die Älteren geimpft werden sollten.

Ein solches Kommunikationsdesaster sorgt nun nicht gerade für Vertrauen und mindestens hätte man von Beginn an für eine bessere Datenlage sorgen müssen. Für den eigentlich hochwirksamen Impfstoff war das alles eine Katastrophe und eine Steilvorlage für Impfgegner, die in Sätzen wie: "man wolle die Alten nun totspritzen" gipfelte. 

Ist die Wirksamkeit nun hoch genug?

In Zeiten einer "Alles-oder-Nichts"- Mentalität sind 95 Prozent natürlich erschreckend zu wenig. Doch verglichen mit den alljährlichen Grippeschutzimpfungen ist hier durchaus bemerkenswertes gelungen.

Ich darf erinnern, dass wir bei den jährlichen Influenza-Impfungen zwischen 40 und 60 Prozent liegen, manchmal bis zu 80 Prozent und da sind die 95 Prozent Wirksamkeit ganz klasse.

Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts

Nun geht es darum, genau zu verstehen, welche Wirkmechanismen für eine Immunität sorgen, das gilt für Geimpfte und Genesene gleichermaßen. Sind es die berühmten Antikörper oder die nicht ganz so bekannten T-Zellen oder noch etwas anderes oder alles irgendwie zusammen. Wenn man das herausgefunden hat, ist es vielleicht möglich, in nicht allzu ferner Zukunft festzustellen, welche Auswirkungen eine bestimmte Konzentration (Fachbegriff dafür ist Titer) zum Beispiel von Antikörpern auf das Ansteckungsrisiko hat.

Dann könnte man mit einem bestimmten Titer einer bestimmten Immunreaktion sagen, diese Person ist zum Beispiel zu 95 Prozent geschützt. Aber diese Auswertung gibt es noch nicht, dafür ist das Virus auch zu neu.

Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 07.06.2021 15:20Uhr 09:17 min

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Denn auch das müssen wir uns auch immer wieder vergegenwärtigen in unser Ungeduld. Wir haben Corona gerade erst kennengelernt und auch der Lernprozess der Wissenschaft hat gerade erst begonnen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 07. Juni 2021 | 16:40 Uhr

1 Kommentar

MDR-Team vor 15 Wochen

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