Der Redakteur | 20.10.2021 Kaufkraft, Dauerinflation und Warenkorb - Was dahinter steckt

Teurer Sprit und teurer Strom und auch sonst wird gefühlt alles teurer. Laut Statistischem Bundesamt lag die Inflationsrate im September 2021 bei mehr als 4 Prozent. Was steckt da genau dahinter? Redakteur Thomas Becker hat mit Prof. Timo Wollmershäuser vom IFO-Institut gesprochen und klärt auf über Kaufkraft und Inflation.

Verschiedene Euro-Banknoten liegen auf einem Tisch
Wie viel ist unser Geld wirklich wert? Redakteur Thomas Becker hat sich zum Thema Inflation umgehört. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Natürlich ist irgendwie alles teurer geworden, amtlich um 4,1 Prozent im Vergleich zu September 2020. Und ganz besonders die Spritpreise sind unverschämt und einer der größten Aufreger im Autoland. Trotzdem sollten wir nach dem Absinken des Blutdrucks die Zahlen etwas einordnen. Zunächst ist es schön, dass uns die Wirtschaftsexperten den einen oder anderen Index verheimlichen. Der Wert, auf den wir immer gebannt schauen, ist der Verbraucherpreisindex, den gibt es von der Europäischen Zentralbank noch in harmonisierter Form, wir haben außerdem u.a. den Lebenshaltungsindex ("COLI") oder den BIP-Deflator und bei allen kommen im Moment Kurven heraus, die steiler ansteigen als zuletzt. Allerdings sieht es gewaltiger aus, als es ist. Das liegt daran, dass ein Anstieg der Inflation innerhalb eines Jahres zwei Gründe haben kann.

Die eine Ursache kann sein, dass die Preise vor einem Jahr sehr niedrig waren, die andere, dass sie im Augenblick sehr hoch sind.

Prof. Timo Wollmershäuser, IFO-Institut

Momentan treten beide Effekte gleichzeitig auf. Besonders deutlich sehen wir das beim Spritpreis. Hier weist das Statistische Bundesamt einen aktuellen Preissprung von 14,3 Prozent aus. Verglichen werden hier die Zeiträume September 2020 und September 2021. Und was hatten wir 2020? Dieselpreise auch schon mal bei rund einem Euro. Laut ADAC waren es im Jahresmittel 1,111 Euro je Liter und bei E10 1,255. Hätten wir also im vergangenen Jahr nicht extrem niedrige Preise gehabt, würde es die erschreckenden 14,3 Prozent nicht geben. Nun ist das natürlich die Stelle für alle Unbedarften, sich über "Schönrechnerei" zu beschweren, aber die Ökonomen müssen für ihre Bewertungen solche Sondereffekte herausrechnen, um nicht zu falschen Schlüssen zu kommen. Würde man das nicht tun, kämen ganz komische Ergebnisse heraus. So führen solche Dinge wie Abwrackprämien zu Verschiebungen im Kaufverhalten, die man berücksichtigen muss. Und wir erinnern uns an die abgesenkte Mehrwertsteuer, die natürlich bei der Einführung die Inflationsrate rechnerisch gedrückt hat. Genauso ging es zum Jahresende wieder nach oben, beim Spritpreis kam die CO2-Preisung hinzu, die zusammengenommen zu mehr als 10 Cent Aufschlag führen. Wichtig ist: Wenn nur die Steuern die Preise nach oben treiben, das Geld also bei den Unternehmen gar nicht ankommt, können Forderungen nach einem vollen Lohnausgleich bei den Tarifverhandlungen an die Substanz gehen.  

Timo Wollmershäuser - ifo-Institut für Wirtschaftsforschung 31 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 20.10.2021 15:40Uhr 31:06 min

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Was ist denn eigentlich drin im Warenkorb?

Der Warenkorb des Statistischen Bundesamtes soll unser aller Kaufverhalten repräsentativ abbilden. Dass dieser Korb immer mal wieder angepasst werden muss, das ist logisch. 1950 hatte zum Beispiel der Kauf eines Handys und dessen Preisentwicklung überhaupt noch keinen Einfluss auf die Inflation. Heutzutage fließt das Handy mit 2,14 Promille in die Berechnung ein. Moment! Promille? Zur Erinnerung: Bei Prozent bezieht sich alles auf 100, bei Promille auf 1.000. Das ist der Ansatz im Warenkorb, dadurch kommt man auch mit weniger Kommastellen aus. Letztlich entsprechen alle 650 Artikel zusammengenommen also 1.000 Anteilen. Mit 35,25 Anteilen davon haben Kraftstoffe für Fahrzeuge also schon ein gewisses Gewicht im Gesamtindex. Die bei Vergleichen gern genommenen Äpfel (1,59) und Birnen (0,24) haben da schon deutlich weniger. Am Vergleich von Äpfeln und Birnen kann man - angesichts ähnlicher Kilopreise - auch gut erkennen, was beim Einkaufen die größere Rolle spielt. Denn darum geht es im Warenkorb auch, nicht nur die Preise selbst sind wichtig, sondern auch die Häufigkeit, mit der Artikel von uns im Durchschnitt gekauft werden. Dinge, die wir nur alle paar Jahre kaufen, sind deshalb mit einer entsprechend nach unten angepassten Gewichtung im Warenkorb enthalten. So fließen Pkw-Neuwagen mit 24,50 Promille ein, Gebrauchtwagen mit 7,06 Promille und neue Radios nur mit 0,07.

Wie schlimm ist unsere leichte "Dauerinflation"?

Gar nicht schlimm, sie ist sogar gewollt. Die Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler, Ökonomen usw., also der Leute, die das globale Finanzsystem im Blick haben und sich mit Themen wie Makroökonomik beschäftigen, meinen, dass bei einer Null- oder negativen Inflationsrate Rezessionen entstehen können bzw. sich verschlimmern. Die Komplexität der Angelegenheit verbietet es auch, die persönliche Lebenssituation zu verallgemeinern. Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, dem ist der Benzinpreis egal, den der pendelnde Nachbar massiv spürt. Auch wenn es immer wieder - durchaus interessengeleitete - Forderungen gibt, die Zentralbank möge irgendetwas anders machen, so ist es doch weitgehender Konsens, das eine moderate Inflationsrate von etwa zwei Prozent gut ist für die Gesamtwirtschaft. Wichtig dabei ist natürlich, dass diese im Wesentlichen auch ausgeglichen wird, Stichwort Inflationsausgleich bei den Tarifverhandlungen.

Die wenigen Länder, die wir heute noch haben mit zweistelligen Inflationsraten oder Hyperinflationsraten, das sind allesamt Länder, die solche Notenbanken nicht haben, sondern Notenbanken, die vom Staat missbraucht werden, indem die Druckerpressen angeworfen werden, um die Staatsschulden zu finanzieren.

Prof. Timo Wollmershäuser, IFO-Institut

Wie kommen eigentlich die negativen Zinsen zustande?

Seit Jahren schon lohnt sich das Sparen nicht mehr, das Sparbuch ohnehin nicht. Das ist ärgerlich, aber typisch deutsch, denn wir sind mit dieser Anlageform nicht wirklich auf der Höhe der Zeit. Langfristig wären eben Aktien lukrativer, ohne das Risiko völlig auszublenden. Am Ende sind wir nämlich mit unserer Art zu sparen, mit schuld an den niedrigen Zinsen. In den vergangenen Jahrzehnten hat eine ganze Generation Geld auf die hohe Kante gelegt. Und damit sind Konten, Sparbücher usw. gemeint. Und auch dieser Markt funktioniert nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und wenn die Geldhäuser schon nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld, weil es auch auf der Kreditseite nicht nachgefragt wird, zum Beispiel von Firmen oder Häuslebauern, dann erschwert man uns das weitere Anhäufen.

Es ist ein großes Angebot an Kapital da und wenn ein Angebot steigt, dann führt das dazu, dass die Preise sinken und auf diesem Markt sind die Preise eben die Zinsen.

Prof. Timo Wollmershäuser, IFO-Institut

Das mit den niedrigen Zinsen könnte sich dann ändern, wenn die künftigen Rentner beginnen, ihr Geld auszugeben. Wenn also das "Entsparen" beginnt, gehen die Zinsen wieder nach oben, weil dann das Geld knapper wird. Jedenfalls deuten darauf die langfristigen Prognosen hin, so Prof. Wollmershäuser, ohne dass wir wieder zweistellige Traumzinsen erreichen - die für Häuslebauer allerdings der Albtraum waren.

Nun dürfen wir bei der Betrachtung nicht den Fehler machen, der gesetzlichen Rente die gleichen Mechanismen zu unterstellen. Das ist bekanntlich ein Umlagesystem, rechte Tasche, linke Tasche. Während also der Sparbuch-Rentner dieses Geld selbst verdient hat, muss "sein" Geld aus der Gesetzlichen Rentenversicherung erst noch "just in time" erwirtschaftet werden. Unsere instabile Alterspyramide lässt erahnen, dass das System auch künftig ohne zusätzliche Stützpfeiler nicht auskommt. Erst recht nicht, wenn die Pläne der Ampel-Koalition umgesetzt werden.

Also die Beitragssätze werden nicht erhöht, das Rentenniveau soll nicht absinken und wir müssen nicht länger arbeiten. Wenn wir alle drei Versprechen einhalten, wird das nicht funktionieren. Irgendwo muss das Geld aus diesem Topf ja herkommen. Wir müssen also die Steuerzuschüsse massiv erhöhen.

Prof. Timo Wollmershäuser, IFO-Institut

Wie die Inflationsrate berechnet wird Die Inflation wird daran berechnet, dass das Statistische Bundesamt einen Warenkorb hat. Da steckt alles Mögliche drin, da spielen auch Mieten und Energiepreise und wie diese gestiegen sind, eine Rolle. Das wird mit dem Stand von vor zwölf Monaten verglichen. Finanzexperte Saidi Sulitalu vom Geld-Ratgeber "Finanztip"

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 20. Oktober 2021 | 15:40 Uhr

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