Der Redakteur | 16.12.2020 Warum haben wir keine hohe Übersterblichkeit in Deutschland ?

Es gibt keine großen Auffälligkeiten bei der Sterblichkeit zu Coronazeiten. Das zeigt eine aktuelle Studie aus München. Doch was können wir daraus schließen? Alles nicht so schlimm?

Brennendes Grablicht auf einem Friedhof
Gestorben wird immer - Aber sterben dieses Jahr mehr Menschen als in den Jahren zuvor? Bildrechte: imago/photothek

Die Liste der Gründe für die geringe Übersterblichkeit dürfte lang sein. Und wir wissen nicht, welchen Anteil jeder einzelne Grund hat. Sind es die Masken, ist es unser Gesundheitssystem, sind es unsere Ärzte, die die Krankheit heute viel besser behandeln können, ist es unsere Disziplin, war es das Schließen von dieser oder jeder Einrichtung, sind es gesunkene Zahlen bei den Verkehrstoten, ist es die ausgebliebene Grippewelle, wir wissen es einfach nicht.

Es ist wohl ein Mix aus allem und vielleicht ist auch etwas dabei, das im Nachhinein keine signifikante Rolle gespielt hat. Wir müssen derzeit schmerzhaft lernen, nicht auf alle Fragen sofort eine Antwort zu bekommen. Und da sitzen wir durchaus im Boot mit den Wissenschaftlern.

Ein Kollege hat die Forschung in der Corona-Pandemie einmal damit verglichen, dass man ein Auto in voller Fahrt konstruiert. Das ist das Problem. Ich habe heute eine Analyse angeschaut, wo es um die Frage geht, was für eine Rolle spielen Kinder in der Pandemie. Das ist eine Meta-Analyse, wo verschiedene Forschungssachen zusammengestellt worden sind. Und da stellt man fest: man weiß es immer noch nicht so genau, wie jetzt die Rolle der Kinder ist.

Professor Helmut Küchenhoff, Statistiker LMU München

Sicher ist sich Prof. Küchenhoff allerdings in der Bewertung seiner Studie bezüglich darauf, dass wir in Deutschland noch keine auffällige generelle Übersterblichkeit hatten, weder in der ersten, noch in der zweiten Welle. Noch! Daraus wurden sehr schnell Schlüsse gezogen, dass Corona nicht so schlimm ist und die Maßnahmen völlig überzogen. Im Gegenteil.

Man kann darüber streiten, welche Maßnahmen was bewirkt haben, aber generell kann man sagen, wir sind eigentlich recht gut durch den ersten Teil der Krise gekommen.

Professor Helmut Küchenhoff, Statistiker LMU München

Beim zweiten Teil sieht es aktuell nicht sonderlich gut aus, die Seitwärtsbewegung der Zahlen im November-Teillockdown ist zu wenig, da hatten sich alle etwas anderes versprochen, nämlich einen Rückgang. Deshalb gibt es nun den Radikalschnitt. Denn – dafür sind Statistiker gut – die Fortschreibung der Kurven in die Zukunft, malte Katastrophenszenarien an die Wand.

Interessant ist auch, dass wir im Frühjahr die Zahlen schon zum Ankündigungstermin des völligen Lockdowns, also bevor die Maßnahmen überhaupt begonnen hatten, zurückgingen. Daraus schließen Prof. Küchenhoff und seine Kollegen, dass wir unser Verhalten schon angepasst haben.

Natürlich gibt es auch hier andere Einflüsse wie das Wetter, wir konnten uns schließlich mit jedem weiteren Tag länger im Freien aufhalten, jetzt ist der Trend eher umgekehrt. Die Aussage "Ich sehe keine Übersterblichkeit, also gibt’s kein Corona" ist aber nicht sonderlich gescheit.

Das ist dieses Präventionsparadoxon. Wir hatten eben keine Übersterblichkeit wegen der Maßnahmen. Und dann zu sagen, das Virus gibt es nicht, weil wir keine Übersterblichkeit hatten, das ist eigentlich unfair. Aber das kennen wir aus der Krankenhaushygiene.

Prof. Mathias Pletz, Experte für Krankenhaushygiene, Uni-Klinikum Jena

Interessanterweise werden die Weihnachtstage ein großer Gradmesser sein für unsere eigene Disziplin. Wir werden vor allem private Begegnungen haben. Wenn wir uns also anstecken – mit allen Folgen für Leib und Leben – dann geschieht das nun mit ziemlicher Häufung im ganz engen privaten Bereich.

Wenn wir also jetzt für die Weihnachtsstube Hygieneregeln aufstellen, dann ist das vergleichbar mit der Aufgabe, die im größeren Rahmen bisher der Politik vorbehalten blieb. Im neuen Jahr werden wir sehen, wie erfolgreich wir in unserer Eigenverantwortung waren.

Die Statistik – das ist auch die Sache mit der Glaskugel

Leider haben manche Kurven unserer Statistiker den Nachteil, dass sie uns erst in der Bilanz zeigen, wo etwas schief gelaufen ist. Das liegt daran, dass das Virus eine Inkubationszeit hat. Statistiker können nun künftige Verhaltensweisen oder Maßnahmen einpreisen und so vorausberechnen, was passieren könnte, wenn wir das eine tun oder das andere lassen.

Das bedeutet, wir werden z.B. den Effekt unser Panikkäufe vom Montag und Dienstag und oder den Effekt der Schließungen am Mittwoch erst deutlich nach Weihnachten sehen. Aber welcher Schließungen genau? Wenn dann die Zahlen runtergehen, wissen wir deshalb wieder nicht genau, was denn nun die Ursache war für die Kurve, die wir dann präsentiert bekommen.

Welche Vergleichsmöglichkeiten haben wir bezüglich unserer Übersterblichkeit?

Hilfreich ist der Blick auf andere Länder. Das Bild in Europa ist allerdings so diffus, dass wir den einzig wahren und richtigen Weg durch die Krise nicht finden werden. Das zeigt die Seite „Euromomo“ des SSI aus Dänemark, vergleichbar mit unserem RKI.

Das Statens Serum Institut steht unter der Schirmherrschaft des dänischen Gesundheitsministeriums und berät Gesundheitssystem und Behörden in Gesundheitsfragen und hält alle auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. In der Analyse der Dänen zeigt sich, dass manche Länder bezüglich der Übersterblichkeit relativ schadlos durch die erste Welle gekommen sind, so wie Deutschland, Österreich oder Luxemburg.

Andere haben gar keine Ausschläge erlebt (Estland, Finnland), Italien hat beide Wellen mitgenommen, Frankreich eine heftige erste Welle gehabt, England auch, Nordirland hingegen nicht. Und nun?

Mitunter spielt auch die Lebensart eine Rolle, umarmt man sich oder nicht bei der Begrüßung? Wie gesellig ist man? Wie diszipliniert oder locker? Am Ende wird es ganz gewiss Sieger geben, nur leider stehen die selten vor dem Abpfiff fest.

Aktuell geht Corona in die Verlängerung und macht auch keine Weihnachtspause. Und wenn wir noch einmal auf die Studie schauen, dann zeigt sich, dass es uns als Gesellschaft bisher nicht gelungen ist, die ältere Generation zu schützen, trotz aller Bemühungen. Das ist eigentlich ein Armutszeugnis.

Grafik Inzidenzen nach Altersgruppen
Bildrechte: Institut für Statistik LMU München

In diesem Zusammenhang ist auch kritisch zu hinterfragen, ob die neusten verschärften Einschränkungen, die primär auf die unter 85-Jährigen abzielen, zielführend sein können, um die vulnerable und hochbetagte Bevölkerung zu schützen.

CoDAG-Bericht Nr. 4 vom 11.12.2020 „Problematische Entwicklung der Fallzahlen bei den Hochbetagten“

Im Privaten haben wir über Weihnachten nun die Chance und auch die Verpflichtung, es besser zu machen als "die Politik". Und das beim Spagat zwischen gebotenem Abstand und persönlicher Nähe. Frohe Weihnachten.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 16. Dezember 2020 | 15:00 Uhr

6 Kommentare

CrizzleMyNizzle vor 17 Wochen

"Die geringe Übersterblichkeit in diesem Jahr liegt übrigens unter der der Grippewelle von 2018."
richtig, bis jetzt. 2018/2019 gab es Grundimmunität und eine Imfpe, keinerlei Maßnahmen. Wir erreichen die Zahlen, wir liegen "nur knapp" darunter bis 15.11.* ca. 5.000, was rund 2 Tagen entspricht, aber 20.000 mehr als 2019. Was nun passiert wäre hätte man einfach laufen lassen möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Warten wir mal das Jahr ab bevor wir uns freuen dass nicht zu viele Leute gestorben sind.
Das Zusammenstreichen des Gesundheitswesens hat sicher einen Anteil and der jetztigen Überlastung und muss jetzt ernst genommen werden. Wobei man so auch nicht agrumentieren sollte, denn auch ein "Laufen lassen" führt zwangsläufig zur Überlastung.

* (aktuellere Zahlen finde ich nicht "Sterbefälle - Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen, Geschlecht und Bundesländern für Deutschland 2016 - 2020")

CrizzleMyNizzle vor 17 Wochen

"Aber halt, einen interessanten Fakt erfährt man doch noch: 'Interessant ist auch, dass wir im Frühjahr die Zahlen schon zum Ankündigungstermin des völligen Lockdowns, also bevor die Maßnahmen überhaupt begonnen hatten, zurückgingen.' 'Corona Kritiker' wußten das schon vor Monaten und wurden deshalb in den Qualitätsmedien als Corona Leugner diffamiert."
Ne, die wurde als Ignoranten geführt, weil denen nicht klar war dass nicht nur der "Lockdown" als Maßnahme gilt (Konzerte und Großveranstaltungen waren bereits verboten und auch Menschen haben sich respektvoll der Situation gestellt). Kann man zur Kenntnis nehmen, kann man aber auch ignorieren. Abgewürgt hat alles dann der Lockdown, ist an sich ja auch logisch. Weniger Kontakte = weniger Verbreitung.

TomTom vor 17 Wochen

Sehr geehrter Herr Meier, immerhin haben Sie den Artikel gelesen, aber wohl nicht vollumfänglich verstanden. Oder Sie wollten es nicht. Beim Kaputtsparen der Krankenhäuser mögen Sie Recht haben. Dass der Großteil des Artikels Spekulation ist, das ist entweder bösartig oder ignorant. Ich finde schon, dass hier der Stand der Wissenschaft ganz gut dargestellt ist. Stichwort Prävention. Leute wie Sie sind die Adressaten des Artikels und es steht zu befürchten, dass alle Mühen umsonst sind. Weil ich mir als Arzt die Hände desinfiziere, werden Sie nicht infiziert. Verstehen Sie? Weil wir Abstand und Maßnahmen hatten, ist die Kurve flach. Und Corona-Leugner wussten bitte was? Dass die Leute sich angesichts angekündigter Maßnahmen schon vorsichtiger verhalten haben? Machen Sie sich doch nicht lächerlich. Sie dürfen sich übrigens auch das Interview anhören vor dem kommentieren! Und vergessen Sie den Vergleich zu anderen Ländern nicht, die weniger Glück (oder vorsichtigere Menschen?) hatten.