Der Redakteur | 25.06.2020 Corona: Kommt jetzt der Immunitätspass?

Der Immunitätspass als Freifahrtschein - auch in den Urlaub? Seit Donnerstag berät der Deutsche Ethikrat über diesen Pass, der bestätigen soll, dass der Besitzer bereits immun gegen das Coronavirus ist.

Beamte der Bundespolizei führen auf einem Flughafen bei einem Reisenden eine Passkontrolle durch.
Müssen wir bald einen Immunitätspass dabei haben, wenn wir verreisen? Bildrechte: dpa

In Gütersloh und Warendorf stehen die Menschen Schlange, um schwarz auf weiß bestätigt zu bekommen, dass sie nicht an Corona erkrankt sind. Ohne einen solchen Test geht’s nicht an die Küste und nicht nach Bayern. Das ist in den Sommerferien mehr als ungünstig. Da wäre doch der Immunitätspass eine Lösung und dass sich der Ethikrat als Gremium verschiedener Wissenschaftler mit den ethischen Fragen schon mal befasst, das klingt auch sehr klug.

Gefahr einer Zweiklassengesellschaft

Aber die Bedenken kann man auch nicht einfach vom Tisch wischen, zum Beispiel die der SPD, die sich bislang noch gesperrt hatte gegen einen solchen Pass. Die stellvertretende Fraktionschefin Bärbel Bas hat in einem Zeitungsinterview gesagt, es dürfe nicht zu einer Zweiklassengesellschaft führen - also zu Menschen mit Immunität und Menschen ohne. Auch wenn das natürlich zwangsläufig entsteht, ist es eben eine ethische Frage, ob man dieses sozusagen "markiert" und die Menschen somit stigmatisiert.

Ein Mitarbeiter von Boditech Med hält ein Teströhrchen für einen Covid-19-Antikörpertest in der Hand.
Immun oder nicht immun - das ist die Frage. Bildrechte: dpa

Unvorsichtige Menschen nicht belohnen

Und es kann nicht sein, dass unvorsichtige Menschen – man kann auch sagen rücksichtslose – die sich angesteckt haben, weil sie sämtliche Regeln ignorierten, am Ende "belohnt" werden mit einem solchen Pass. Doch die Argumente von Bundesgesundheitsminister Spahn, dass es passieren kann, dass andere Staaten die Einreise mit einem solchen Immunitätsnachweis verbinden, die sollte man auch nicht außer Acht lassen.

Diskussion verfrüht?

Das ist alles schön und gut, sagt der Infektiologe Prof. Mathias Pletz von der Uni Jena, der derzeit immer noch mit der Auswertung der Daten der Studie aus Neustadt am Rennsteig beschäftigt ist. Er hält die Diskussion im Ethikrat und generell über den Pass einfach für verfrüht.

Also ich hätte im Februar noch gesagt, das ist eine gute Idee, weil das eine Möglichkeit ist, mehr Bewegung zuzulassen und gleichzeitig das Infektionsrisiko zu senken. Auf der anderen Seite haben wir in den vergangen Wochen einige Studien gesehen, die zeigen, dass das mit der Immunität nicht so einfach ist, wie wir uns das Anfang des Jahres gedacht haben. Deshalb glaube ich, dass wir erst die wissenschaftlichen Fragen beantworten müssen, bevor wir uns mit den ethischen Problemen eines Immunitätspasses befassen.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni Jena

Das Bedeutet: Eine Diskussion sollte auf einer möglichst stabilen Faktenkenntnis beruhen und die hat im Moment einfach noch niemand. Chinesische Wissenschaftler und auch Wissenschaftler aus Lübeck haben festgestellt, dass immer wieder Fälle auftreten, in denen ein Schutz vor einer Infektion nicht dauerhaft gegeben ist. Und das dieser Schutz wohl auch von der Schwere der durchgemachten Infektion abhängt.

Frage der Immunität nicht sicher geklärt

Die Lübecker haben Patienten untersucht, die keine oder nur milde Symptome hatten. Von 110 Probanden zeigten 30 Prozent nach drei und mehr Wochen keine Antikörper mehr. Ob die trotzdem immun sind, aufgrund anderer Vorgänge in der Immunabwehr, das wissen wir einfach noch nicht, sagt Prof. Michael Pletz.

Wir wissen zum Beispiel nicht, ob Menschen, die keine Antikörper haben, vielleicht trotzdem geschützt sind. Weil es bestimmte Antikörper sind, die die Tests nicht nachweisen. Oder ob es vielleicht einen Schutz gibt, die durch Abwehrzellen vermittelt wird, die die Routine-Antikörpertests vielleicht auch nicht erfassen. Deshalb ist es verfrüht, über die ethischen Probleme eines Immunitätspasses zu sprechen.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni Jena

Auch die aktuelle Arbeit mit den Proben von Neustadt zeigen, dass nicht alle Tests das gleiche Ergebnis liefern. Acht verschiedene Tests setzen die Wissenschaftler ein, mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen beim gleichen Patienten. Um wirkliche Sicherheit zu haben, müsste man mit "lebenden" also replikationsfähigen Viren arbeiten und einen sogenannten Virusneutralisationstest machen. Der ist aber vom Aufwand her nur etwas für Forscher, nichts für den Laboralltag und erst recht nichts für den Küchentisch.

Ein Mann benutzt den COVID-19 Antikörper-Testkit zum Eigentest im Privat-Einsatz am Küchentisch, mit der sterilen Einwegkapillare saugt er den Bluttropfen von seinem Mittelfinger für den Teststreifen.
Nicht alle Tests liefern das gleiche Ergebnis. Bildrechte: imago images/MiS

Das führt direkt zu der Frage: Was wollen wir also eigentlich derzeit in den Pass schreiben? Für Mathias Pletz sollte der Ethikrat dann tagen, wenn die Erkenntnisse belastbar sind und wir beispielsweise auch Erkenntnisse haben, wie unsere Impfungen wirken und wie lange. Und auch die Impfungen sind ist ja derzeit noch Gegenstand weltweiter Forschungen. Ergebnis: offen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 25. Juni 2020 | 16:00 Uhr

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