Der Redakteur | 27.01.2020 Was muss sich nach Busunglück Berka ändern?

Welche Schlussfolgerungen müssen aus dem Unfall von Berka vor dem Hainich bezüglich der grundsätzlichen Organisation des Schülerverkehrs gezogen werden? In der Regel fahren Linienbusse ohne Gurte unsere Kinder in die Schule. Kann das so bleiben? Welche Kapazitäten bräuchten wir in Thüringen? Was muss sich an den Haltestellen ändern?

Die Organisation des Schülerverkehrs in Deutschland ist nicht einfach zu erklären. Vieles läuft über den ganz normalen ÖPNV mit Linienbus, Straßenbahn und ggf. auch Bahn, die Eltern bekommen – in Abhängigkeit von der Entfernung zwischen Wohnort und Schule – die Kosten ganz oder teilweise erstattet. Der ganze ÖPNV wird durch die kreisfreien Städte oder Landkreise organisiert, die als Aufgabenträger die einzelnen Linien bestellen. Entweder bei eigenen Kommunalen Busunternehmen oder bei Privatunternehmen oder es ist ein Mix aus beidem.

Variante zwei sind sogenannte "Freigestellte Schülerverkehre", dort werden gesondert Schulbusse bestellt, für die zwar auch wieder die Landkreise oder kreisfreien Städte zuständig sind, aber hier dann die Schulträger, also das jeweilige Schulverwaltungsamt. Über allen kommunalen, landesrechtlichen und bundesrechtlichen  Vorschriften schwebt dann noch die EU-Verordnung 1370/2007, die das rechtliche Gesamtkonstrukt auch nicht gerade vereinfacht.

Nachteile von Stadt- und Überlandbussen für Schüler

In der Praxis sieht das dann so aus, dass ein großer, wenn nicht sogar der wesentliche Teil des ÖPNV im ländlichen Raum reiner Schülerverkehr ist. Die Busse aber, die eingesetzt werden, sind dafür gar nicht geeignet. Die immer als Linienbusse oder Stadtbusse bezeichneten Busse mit harten Sitzschalen und vielen Stangen zum Festhalten sind es nicht, weil sie keine Gurte haben.

Gelber amerikanischer Schulbus am Straßenrand Chicago, Illinois
Modell USA - spezielle Schulbusse Bildrechte: imago/Michael Eichhammer

Aber die als Lösung diskutierten "Überland- bzw. Reisebusse" sind es auch nur bedingt, wenngleich aus anderen Gründen. Der Einstieg mit zwei Stufen zum Beispiel kann von einem Erstklässler mit einem Ranzen hinten und einer Sporttasche vorn kaum bewältigt werden. In den schmalen Gängen ist oft gar kein Platz, um den Ranzen abzulegen. Die eine Stange unter der Decke zum Festhalten ist unerreichbar, die Griffe an den Sitzen sind nicht kindgerecht. Und die Gurte sind es auch nicht. Echte Schulbusse wie in Amerika wären ein Ansatz und die sind gar nicht so amerikanisch wie man denken könnte.

Sowas wird auch in Europa hergestellt für den Export, diese Frage hat sich aber hier noch nie gestellt und ist auch an anderer Stelle anders beantwortet worden, indem wir gesagt haben: Linienverkehr ist barrierefrei auszugestalten. Das heißt: Niederflurbusse und damit auch Stehflächen.

Tilman Wagenknecht, Verband Mitteldeutscher Omnibusunternehmer

Heißes Thema Lenkzeiten

In die Niederflurbusse kann man bequem einsteigen, auch mit den viel zu schweren Ranzen, aber die Topografie vieler Thüringer Landkreise ist dafür gar nicht geeignet. Trotzdem werden solche Busse dort künftig unterwegs sein, hier konnten sich die Busunternehmerverbände mit ihren Forderungen nicht durchsetzen. Die Barrierefreiheit hat letztlich gewonnen in der politischen Auseinandersetzung. Gewehrt hat sich hingegen Verbandschef Tilman Wagenknecht bezüglich der Vorwürfe, dass bei den Lenkzeiten geschummelt wird.  Dafür seien die Kontrollen viel zu streng.

Trotzdem sind uns Beispiele zugetragen worden, die glaubhaft klangen. Die hatten damit etwas zu tun, dass die sogenannten Fahrerkarten im Linienverkehr bei Linienstrecken unter 50 km nicht gesteckt werden müssen. Das führt dazu, dass in Unternehmen, die sowohl Linie fahren als auch im Reiseverkehr, Fahrer mehrere Schichten fahren: Morgens um 5.00 Uhr Linienbus, also im Wesentlichen die Schüler in die Schule. Dann folgen vielleicht tagsüber einige Überlandlinien mit vielen Stillstandszeiten und Abends ist theoretisch Feierabend. Aber praktisch startet er um 20.00 Uhr dann seine Tour mit dem Reisebus und fährt Rentner nach London. Die Fahrerkarte ist frisch an diesem Tag, der Fahrer hingegen ist es nicht mehr. Oder man fährt mit dem PKW einem Reisebus hinterher, löst den Fahrer ab und der fährt dann nach dem Erreichen der Lenkzeiten mit dem vom Kollegen gebrachten PKW wieder zurück.

Zaubermittel W-LAN

Und dann haben wir noch die Geschichte mit der Erziehung und der Disziplin und der Sauberkeit. Dass das Machtwort nicht bei jedem Kind fruchtet, das ist bekannt. Dass es Spiele gibt, zum Beispiel im Bus von einer Seite zur anderen zu springen, auch. Ebenso, dass es Rangordnungen gibt, bei denen die Kleinen am Ende die Sitzplätze einbüßen. Und dass sich viele Kinder trotz Aufforderung und vorhandener Gurte eben nicht oder nur nachlässig anschnallen, auch das kommt leider vor. Das zu kontrollieren, übersteigt die Möglichkeiten eines Busfahrers. In der Summe kann er das mitunter wilde Treiben auch nur bedingt eindämmen. Das Zaubermittel heißt hier übrigens W-LAN.

Wenn ich W-LAN in den Bussen habe, ist es mit einem Schlag ruhig. Unsere Unternehmen berichten da sehr positiv darüber, es treibt aber die Kosten nach oben und ist nicht ganz üblich.

Tilman Wagenknecht, Verband Mitteldeutscher Omnibusunternehmer

Risiko Bushaltestellen

Schild an einer Bushaltestelle mit der Aufschrift Schulbus werktags liegt auf einer Wiese
Ein Fall für die Kommunen - Bushaltestellen Bildrechte: imago/photothek

Beim Thema Haltestellen sind die Busunternehmer raus. Sie sind nur für das Schild zuständig, hier sind die Kommunen gefragt. Dass auch hier einiges im Argen liegt, dass die Autofahrer trotz eingeschalteter Warnblinkanlage einfach am Bus vorbeirauschen, dass die Wendeschleifen zugeparkt werden und die Haltestellen ebenso, das ist Alltag in Thüringen. Fehlende Zebrastreifen oder Fußgängerampeln bzw. andere sichere Möglichkeiten, die Straße zu überqueren, ebenso. Die Busfahrer sind Zeuge vieler grenzwertiger Situationen und statistisch gesehen wird es auch erst nach dem Aussteigen richtig gefährlich. Aber wahrscheinlich muss auch hier erst etwas passieren, damit eine Diskussion losgetreten wird. Im Moment liegt das Augenmerk in der Öffentlichkeit auf den Bussen und den Gurten, einschließlich einer Petition in Richtung Bundestag, die vergangene Woche gestartet wurde. Möglichweise ist dies aber bei diesem Thema die falsche Adresse. Die Busse bestellen die Städte und die Landkreise.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 27. Januar 2020 | 15:40 Uhr

1 Kommentar

Jedimeister Joda vor 27 Wochen

Hallo aus der unendlichen Weite des Alls! Ihr habt Probleme! Wer ist laut Gesetz in der Pflicht inSachen Bildung? Ja hier ist der Freistaat ganz vorn. Allerdings will er sparen und nimmt per Gesetz Kreise und Städte in die Pflicht. Dann macht er Bestimmungen die finanziell den Rahmen der Kreise und Städte sprengt. Gleichzeitig wird wenn was schiefgeht Bedauern geäußert undmit dem Finger auf die Anderen gezeigt. Ja in der Mannschaft der Regierenden wird es keine Opfer oder Schuldigen geben. Im Gegensatz dazu wird der Busfahrer, selbst wenn erkeinen Fehler gemacht hat, ein Opfer für den Rest seines Lebens. Sparen an Schulstandorten heißt lange Schulwege. Das bedeutet mehr Gefahren für Schüler. Spielt aber keine Rolle sparen ist wichtiger. Und dann wird mit dem Bus auch noch da gefahren wo es keine Gurte und keine Leitplanken gibt. Ehrlich ihr Thüringer dauert mich. Die Kinder die sich nicht wehren können wegen Geldes in Gefahr zu bringen. Wo ist nur die Moral im Lande Goethes? Joda