Der Redakteur | 10.11.2020 Lockdown beim Sport, Licht aus im Fitnessstudio - was bringen die Novemberhilfen?

Die Rechnung klingt doch gar nicht so verkehrt: 75 Prozent der Umsatzausfälle übernimmt der Bund. Doch den Fitness-Studios brechen im 2. Lockdown massiv die Kunden weg. Wie kommen sie durch die Krise?

Trainingsbereich im Fitnessstudio mit Absperrband gesperrt
Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Wenn noch ein paar treue Kunden während der "Ausfallzeiten" ihre Mitgliedbeiträge weiter zahlen, dann ist Lockdown Nr. 2 an der Branche schadlos vorüber gegangen. Könnte man denken. Doch so funktioniert das leider für die Fitnessstudios nicht. Die Kettenreaktion startete im März mit dem ersten Lockdown und überrollte die Betreiber wie eine Lawine, die immer noch anhält. Die Branche lebt im Wesentlichen von Mitgliedbeiträgen. Das heißt: Es gibt Neuverträge für einen bestimmten Zeitraum, es gibt ganz normale Kündigungen, wieder Neuverträge, die das ausgleichen  usw.

Seit März ist diese Kette komplett unterbrochen. Und so wie es jetzt aussieht, haben wir uns in den Sommermonaten nicht erholen können. Und jetzt haben wir wieder den Lockdown. Und niemand macht vor Weihnachten eine Mitgliedsvereinbarung. Das heißt: Der Großteil der Fitnessanlagen hat von März bis Ende Dezember 2020 keine Neukunden bekommen, wir haben aber überdurchschnittlich hohe Kündigungsquoten.

Das liegt auch an der Verunsicherung und der Vorsicht in der Bevölkerung. Bei einem Altersschnitt der Studiobesucher von um die 40 sind - das ist reine Mathematik - viele ältere dabei. Diese sind besonders verunsichert, beklagt Birgit Schwarze und sagt, dass keine Fitnessanlage in Deutschland denselben Kundenbestand hat, wie vor einem Jahr. Und Verbraucherschützer erklären - auch mit medialer Hilfe - welche Rechte die Verbraucher haben, ihr Geld zurück zu bekommen. Was ja grundsätzlich auch nicht zu beanstanden ist.

Gibt es denn Alternativen - so wie das Liefern bei Gaststätten?

Ein Mann stemmt Hanteln mit Mundschutz
Eine zeitlang war trainieren im Fitnessstudio noch möglich. Bildrechte: imago images / ZUMA Wire / Dave Hernandez

Es ist überschaubar. So ist der Anteil der ärztlich verordneten Therapien, die ja erlaubt sind, nicht so groß, dass es sich wirklich lohnen würde, dafür extra zu öffnen. Und die Investitionskosten - auch wenn die teuren Geräte vielleicht "nur" geleast sind - sind beträchtlich und die Raten laufen natürlich weiter, selbst wenn die Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen. Und das Konzept der Studios funktioniert auch nur, wenn die Kunden nach dem Lockdown quasi sofort zurückkehren bzw. eben wieder ausreichend Neukunden gewonnen werden können. Und die von der Bundesregierung geförderte Kreativität in Richtung alternativer Ideen, fruchtet hier auch nicht. Die schweren Geräte kann man nicht mitgeben und die Kunden per Videoschalte zu betreuen, ist auch nicht zielführend. Im Gegenteil.

Engagierte Trainer warnen davor, dass die Leute zu Hause ab einem bestimmten Alter das nachmachen, was sie auf dem Bildschirm sehen. Da kriegt man schon Rückenschmerzen beim Zugucken. Das sind immer herrlich durchtrainierte junge Leute, die da Übungen vormachen, wenn das die Leute das zu Hause nachmachen wollen, ohne Kontrolle, können sie mehr Schaden als Nutzen haben.

Birgit Schwarze, Präsidentin DSSV
Ein Mann in einem Fitnessstudio beim Gewichtheben. Er trägt einen Mundschutz. 11 min
Nach ihrer Coronapause haben in Nordrhein-Westfalen wieder Fitnessstudios eröffnet - unter strengen Auflagen. Bildrechte: Reuters

Hinzu kommt, dass die Mitgliederverluste bei vielen Unternehmen so massiv sind, dass die angelaufenen Hilfen bis hin zu Krediten die Probleme der Zukunft kaum lösen können. Und der Winter mit Vorsicht und Abstand steht ja erst bevor und das rettende Ufer Impfung ist noch weit. Umso mehr ärgert es die Branche, dass sie trotz aller auch nicht ganz billigen Hygienemaßnahmen schon wieder dicht machen musste.

Warum ausgerechnet wieder wir?

Eine Frau macht im Fitnessstudio ein Selfie mit ihrem Smartphone.
Jetzt wird zuhause trainiert. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Leider ist das Kommunizieren nicht ganz so gelungen für den Novemberlockdown. In der politischen Abwägung ging es einzig und alleine darum, die Zahl der Kontakte zu reduzieren und zwar so radikal wie möglich. Da war der Freizeitsektor die naheliegende Entscheidung, wenn man sich überlegt, was alternativ noch zur Verfügung gestanden hätte: Der Einzelhandel, die Produktionsbetriebe, der ÖPNV, die Schulen und Kindergärten? Besonders die letzten beiden Einrichtungen sind von zentraler Bedeutung, wie wir lernen mussten. Stichwort Betreuung. Mit deren Schließung im März hatten wir "über Bande" auch Berufsgruppen erwischt, die wir eigentlich dringend arbeiten lassen wollten. Ein stückweit hat der Erkenntnisgewinn der letzten Monate die Entscheidung also vorweggenommen. Vermutete man noch im März, dass die Kinder das Virus überdurchschnittlich übertragen könnten, hat sich das zum Glück nicht bestätigt, aber daraus einen Vorwurf zu formulieren, ist geradezu dämlich. Welche Spezies gefährdet zu allererst den eigenen Nachwuchs? Zwar gab es erste Hinweise, dass Kinder im Falle einer Infektion nicht so schwer erkranken, aber es fehlte damals an verlässlichen belastbaren Daten. Es gab im März in der Summe einfach nicht die Erkenntnisse, die wir heute haben. Wie gesagt, Erkenntnisse, nicht Vermutungen.

Das kindliche Immunsystem, das sich ja ständig mit neuen Erregern auseinandersetzen muss, eliminiert das Coronavirus schnell, das scheint ein Punkt zu sein. Der zweite Punkt ist, Kinder, die keine Symptome haben, husten nicht. Sie können das Virus auch nicht frei setzen. Und der dritte Punkt, der diskutiert wird ist, dass kleinere Kinder auf ihrer "Höhe"  jemanden nicht so effizient anstecken können. Wie ein Erwachsener einen anderen Erwachsenen.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Klinik Jena

Auch deshalb dürfen jetzt zum Beispiel die unter 18-Jährigen wieder trainieren, die Älteren aber nicht. Und auch das ist wieder eine Risikoabwägung, so Ministerpräsident Bodo Ramelow bei "Fakt ist …!", umso viel wie möglich zuzulassen (Bewegung und frische Luft!) und trotzdem die Kontakte soweit wie nur irgend möglich zu reduzieren. Und das ist über den Winter unsere einzige Chance, die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen, mahnen uns die Wissenschaftler.

Eine Junge Frau macht Übungen für Rücken und Bauch.
Manche Übungen funktionieren mit wenig oder keinem Equipment. Bildrechte: imago/JuNiArt

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 10. November 2020 | 16:40 Uhr

3 Kommentare

pepe79 vor 10 Wochen

Freizeit dient der Erholung und dem Erhalt der Arbeitskraft. Bei alten MEnschen die in einem Studio trainieren ist das der Fall da sie vlt aufgrund der Gelenke nicht mehr Joggen gehen können und sich auf dem Rad nicht erkälten oderr gar eine Lungenentzündung bekommen wollen im nass kalten HErbst.
Weiterhin schreitet der muskuläre Abbau mit dem Alter stark voran. Damit steigt die VErletzungsanfälligkeit im Alter, die Komplikationsrate nach OPs (wenn man sich z.B. die Hüfte bricht) und die Rehazeit verlängert sich einfach nur weil die muskuläre Reserve geringer ist.
Prävention wird in Deutchland leider schon oft in diesem BEreich vernachlässigt. Die Krankenkasssen haben dazu Daten und Studien, nicht umsonst haben die alle ihre Bonusprogramme, einfach weril das andere Volkskrankheiten bessert. Der Blutdruck wird besser, ein Diabetes wird besser (schlecht eingestellter Blutzucker erhöht ein Infektionsrisiko), die Blutfette vberbessern sich und und und.....

Hinterfragender vor 10 Wochen

Es gibt Studios, die 24 Stunden lang ständig geöffnet haben.
Gehe ich dort um 22:00 Uhr hin, bin ich mutterseelenallein.
Was also soll der Humbug, diese Studios zu schließen, zumal diese
hervorragende Hygienekonzepte besitzen.

Haben nur unter 18-jährige ein Recht auf körperliche Ertüchtigung?

Silent_John vor 10 Wochen

Hauptsache ist doch, daß die Kirchen weiter offen sind.
Wo sind wir nur hingekommen.