Der Redakteur | 29.06.2021 Lassen sich "Messerangriffe" oder Amok-Taten vorhersehen?

Die Messerangriffe von Würzburg und Erfurt hinterlassen ein Gefühl der Unsicherheit. Es gibt einige Städte in Deutschland, deren Namen mit Amok-Taten psychisch auffälliger Täter verbunden sind: Erfurt, Winnenden, Würzburg, München, Hanau, Halle. Gibt es Warnzeichen, die man erkennen kann und was sollte man tun, wenn einem "etwas" auffällt?

Eine Hand hält ein Messer.
Bei den Angriffen auf Passanten in Würzburg und Erfurt wurden Messer verwendet. Bildrechte: colourbox

Leider funktionieren sie auch diesmal nicht, die vermeintlich einfachen Lösungen, gern vorgetragen in den sozialen Netzwerken. Rauswerfen, gar nicht erst reinlassen, kurzer Prozess – wie auch immer die Lösung  aussieht. Auch wenn es angesichts solcher Angriffe unpassend erscheint, das Stereotyp des "sicheren Deutschlands" zu bemühen, es kann zu einer ersten Beruhigung beitragen.

Dass es Menschen gibt, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, Gegenden die wie aufgegeben erscheinen, Bandenkriminalität von Familienclans, Bombendrohungen, Einbrüche, Enkeltricks das alles sorgt dafür, dass wir uns unwohl fühlen. Dagegen helfen Statistiken nur wenig. Denn während wir alles "auftürmen" und addieren, bemerken Fachleute nur Verschiebungen, auch pandemiebedingte. Hauseinbrüche, Taschen- und Ladendiebstähle z.B. sind rückläufig, auch die Kriminalität hat sich eben deutlich ins Digitale verlagert.

Es gibt ja soziologische Theorien, die besagen, eine gesunde Gesellschaft braucht auch Normabweichungen, Gesetzesübertretungen, damit allen klar ist: da ist die Grenze, weiter darf ich nicht gehen. Aber tatsächlich im historischen Vergleich müssen wir sagen, wir haben doch eine stetige Abnahme der gesamten Kriminalität zu verzeichnen. Wir leben in sehr ruhigen und sicheren Zeiten.

Prof. Dr. Thomas Bliesener, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen

Und das auch einschließlich der Dunkelziffer, die in sogenannten Dunkelfeldstudien erhoben werden. Denn nicht jeder Fall landet bei der Polizei und damit in deren Statistik, nicht jede Bedrohung wird angezeigt. Auch hier sind Forschungen wichtig, die auch das Unsichtbare erfassen. Doch wann wird etwas "sichtbar"? Für die Öffentlichkeit dann, wenn aus einer Tat ein mediales Ereignis wird.

Symbolfoto - Ein Mann mit einem Messer in der Hand, steht hinter einer Frau. 20 min
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Prof. Dr. Thomas Bliesener, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, im Gespräch.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 29.06.2021 16:40Uhr 20:26 min

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Als die "gleichgeschalteten" Medien noch ihre Grundsätze einhalten konnten, nicht über Suizide zu berichten, sollten damit einfach nur Nachahmungen verhindert werden. Heute wird das Ignorieren eines Vorfalls mit dem Verschweigen gleichgesetzt, in den sozialen Netzwerke sind die Erfinder der einzigen Wahrheit unterwegs, nicht ahnend oder absichtlich ignorierend, dass sie für die nächste Tat unter Umständen mit verantwortlich sind. Denn solche Tathandlungen – da sind sich die Kriminologen einig – regen auch Nachahmer an.

In der Regel geht es darum, Aufmerksamkeit zu erheischen, auch mal in der Presse zu stehen, auch mal als jemand dazustehen, der etwas gemacht hat, was auch immer das dann ist und so verwerflich es auch sein mag. Das ist das eine, das andere ist, dass mit dem Bekanntwerden einer Tat, überhaupt erst einer auf die Idee kommt, so etwas zu machen.

Prof. Dr. Thomas Bliesener, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen

Täter nicht in den medialen Mittelpunkt stellen

Die Diskussion über die mediale Wirkung ist älter als die Medien von heute. Schon Goethes "Leiden des jungen Werthers", hat junge Menschen angeregt, in den Freitod zu gehen. Deshalb war das Buch auch jahrelang verboten. Die Diskussion ist also nicht neu.

Deshalb die Empfehlung der Experten an die Berichterstatter: Nicht den Täter in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Folgen der Tat, das Leid der Opfer und den Täter möglichst namenlos und blass dastehen zu lassen. Und ganz wichtig – und das ist das, was wir heute versuchen – die Anzeichen zu publizieren, die es vor solchen Taten fast immer gibt, die nur niemand zusammenführt. Oder die ignoriert werden vom Umfeld oder fehlgedeutet werden.

Rettungswagen 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 29.06.2021 19:00Uhr 02:15 min

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Bestimmte Warnzeichen sind erkennbar

Mit solchen Anzeichen beschäftigt sich Prof. Britta Bannenberg und das seit dem 26. April 2002, dem Tag des Amoklaufs am Gutenberg-Gymnasium, als Erfurt und Thüringen, ja sogar Deutschland und ganz Europa bewusst wurde, dass solche Dinge keine ausschließlich amerikanischen Katastrophen sind.

Seit 2002 sprach die Wissenschaftlerin nach solchen Taten mit den Ermittlern, studierte und besuchte Tatorte, Augenzeugen, Angehörige und überlebende Täter. Auf diese Art sind Muster entstanden, sogar Warnzeichen, die frühzeitig erkannt, schon Amokläufe verhindert haben. Übrigens auch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Das können wir daran festmachen, dass in einigen Fällen Polizeieinsätze stattgefunden haben oder auch psychiatrische Interventionen, bei denen die Tatgeneigten sehr klar gesagt haben: Wenn Sie jetzt nicht gekommen wären, dann hätte ich die Tat am Freitag begangen. Es waren teilweise Vorbereitungshandlungen bis hin zum Bereitliegen der Waffen schon vorhanden.

Prof. Dr. Britta Bannenberg, Beratungsnetzwerk Amokprävention Uni Gießen

Welche Anzeichen gibt es im Vorfeld einer Tat?

Natürlich gibt es keine Hinweise, die unübersehbar eindeutig sind und deren Auftreten sofort das SEK auf den Plan rufen. Dafür sind alleine schon die Krankheitsbilder der gefährdeten Personen zu unterschiedlich, ihre Biografien, ihr soziales Umfeld. Trotzdem gibt es Muster, die Prof. Britta Bannenberg auch bei den jüngsten Taten von Würzburg oder Erfurt wiederentdeckt hat. Nur in diesem Fall leider eben erst nach der Tat.

Interessant ist: es ist oft erst der zweite Schritt, in welchem Kontext sich ein Mensch radikalisiert hat, ob es der islamistische Terror ist oder der rechtsextreme oder irgendein übersinnlicher Kontext. Am Anfang steht oft zunächst eine psychische Störung.

Gerade Einzeltäter haben starke psychische Auffälligkeiten bis hin zu psychischen Erkrankungen, bei denen am Ende als sichtbare "Erklärung" eine Ideologie mitschwingen kann, sodass wir am Ende von terroristischen Einzeltätern sprechen.

Anzeichen, die darauf hindeuten, dass jemand zum Täter werden könnte

  • Die Betroffenen sind in der Regel nicht impulsiv und nicht gewalttätig
  • Es sind Einzelgänger, ohne soziale Bindungen
  • Beschäftigung mit Tötungsdelikten und Amoktaten bis zur Besessenheit
  • Unangenehme und unpassende Äußerungen bezüglich solcher Anschläge
  • Gutheißen bis zu Andeutungen, etwas ähnliches zu tun ohne direkt zu drohen

Doch nicht jeder, der auffällig wird, wird zum Täter, zum Glück ist es nur eine ganz kleine Minderheit, aber genau das macht es schwer, die "richtigen" frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen. Und dabei wird auch noch viel falsch gemacht beim Deuten der Anzeichen.

Das Problem ist, dass die Erkenntnisse oft nicht zusammengeführt werden und dass einzelne Personen eine große Scheu haben, die Polizei einzuschalten, wenn sie schon sehr beunruhigt sind.

Prof. Dr. Britta Bannenberg, Beratungsnetzwerk Amokprävention Uni Gießen

Das wäre genau der richtige Zeitpunkt für einen Anruf beim Kriseninterventionsteam von Frau Prof. Bannenberg.

Krisen-Hotline: niemand wird denunziert

Seit der Gründung 2015 haben schon mehr als 450 Anrufer davon Gebrauch gemacht. Das ist eine Zahl, die die Experten auch noch bewältigen können. Denn die Gespräche haben keinen "Hallo, wie geht’s? – Charakter", sondern sind ein behutsames Herantasten an diesen einen Verdachtsfall.

Die Person, um die es geht, bleibt dabei genauso anonym wie der Anrufer, wenn er das will und Frau Prof. Bannenberg legt in diesem Zusammenhang auch großen Wert darauf, dass da niemand denunziert wird. Und viele Fälle lassen sich auch ohne polizeiliche Intervention lösen.

Manchmal rufen auch Personen an aus eine Psychiatrie, die sind Psychotherapeut oder Sozialarbeiter, was auch immer, dann kann man entweder sagen, das ist noch so zu lösen oder ich empfehle, die Polizei zu rufen.

Prof. Dr. Britta Bannenberg, Beratungsnetzwerk Amokprävention Uni Gießen

Die Polizei ist übrigens dankbar für jeden Hinweis auf Personen, die bereits psychisch auffällig geworden sind, bevor die Kollegen zum Einsatz ausrücken. Das klappt leider nicht immer. Denn die Einsatztaktik ist eine ganz andere, wenn dort ein alkoholisierter Gewalttäter randaliert oder wenn jemand, der sich in einer psychischen Ausnahmesituation befindet, auf Stimmen hört oder sich für Gott hält.

Eine Tür aus dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit Einschusslöchern. 21 min
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Prof. Dr. Britta Bannenberg, Beratungsnetzwerk Amokprävention Uni Gießen, im Gespräch.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 29.06.2021 16:40Uhr 20:42 min

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Dr. Martin Thüne ist Polizeiwissenschaftler und schult die Beamten, auch bezüglich solcher Situationen. Klar, das ersetzt kein Psychologiestudium, aber es gibt durchaus Anzeichen, die auf eine solche Ausnahmesituation hindeuten.

Symbolfoto: Festnahme, Handschellen werden anlegen 24 min
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Dr. Martin Thüne, Polizeiwissenschaftler, Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, im Gespräch.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 29.06.2021 16:40Uhr 23:43 min

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Wenn der Polizist diese erkennt, kann er viel erfolgreicher agieren und die Gefährdungssituation deeskalieren. Denn in einer psychischen Ausnahmesituation befindliche Personen, die zum Beispiel zur Gefahr werden, reagieren völlig anders auf ihre Umwelt, nehmen Bewegungen und Abstände als Bedrohung wahr, die gar keine sind. Dem geschulten Auge fallen die Personen mitunter schon durch ihre eigenartig angespannte Körperhaltung auf.

Sie sind wie gefesselt im eigenen Körper, die Fäuste geballt, vielleicht trippeln sie auf der Stelle umher, ohne wirklich zu laufen. Das sind typische Anzeichen dafür, dass ein psychotischer Schub vorliegen kann.

Dr. Martin Thüne, Polizeiwissenschaftler, Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung

Wie erkennt man jemanden, der dabei ist, sich zu radikalisieren?

Wir haben ja schon festgestellt, dass es durchaus nicht falsch ist, zu sagen, irgendwas im Kopf ist da nicht in Ordnung, wenn jemand in obskure Kreise abtriftet, Gewaltfantasien hat und gewalttätigen Ideologien nachhängt. Das ist es am Ende aber nur der nach außen sichtbare Teil und möglicherweise haben der Islamist und der rechte Attentäter die gleiche Vorerkrankung, die am Ende sogar behandelbar wäre.

Letztlich hat nur das Umfeld entschieden, zu welchen Waffen gegriffen wird und wer die Opfer sind. Ungläubige, Linke, Menschen die "Dämonen" in sich tragen bis zur eigenen Familie.

Psychische Vorerkrankungen sind ein Risikofaktor von mehreren bei Radikalisierungen. Wir sehen auch in Deutschland, dass bei Taten von Einzeltätern psychische Erkrankungen immer wieder eine Rolle spielen.

Dr. Martin Thüne, Polizeiwissenschaftler, Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung

Prof. Britta Bannenberg hat bei ihren Forschungen festgestellt, dass unter den erwachsenen Amokläufern mehr als ein Drittel an Schizophrenie litt. Dr. Martin Thün verweist auf das sogenannte "Leaking", das beschreibt, dass spätere Täter im Vorfeld einer Tat quasi tröpfchenweise Andeutungen fallen, sei es im privaten Umfeld oder auch im Internet.

Wenn hier die Antennen auf Empfang gestellt sind, könnten auch frühzeitig Radikalisierungen und so letztlich Taten verhindert werden, zum Beispiel in Schulen, wenn das soziale Umfeld nur gewusst hätte, dass diese Bemerkungen eben genau solche Hinweise waren.

Warnzeichen im Internet herausfiltern

Da sind wir wieder bei sehr konkreten Gewaltphantasien, die ein normaler Mensch nie äußern würde, für den angehenden Täter aber wie so ein kleiner Testballon sind. Darüber könnte man zum Beispiel mit dem Präventionsteam von Frau Prof. Bannenberg sprechen.

Im Internet hingegen ist künstliche Intelligenz gefragt, die anhand von Algorithmen solche Warnzeichen erkennen könnte. Auch daran wird schon gearbeitet, schließlich werden heutzutage viele Taten im Netz angekündigt oder angehende Täter nutzen die "Angebote" dort für ihre Radikalisierung.

Programme könnten Alarm schlagen, wenn sich hier eine Radikalisierung andeutet oder eben Taten angekündigt werden. Das ist vielschichtig und es ist nicht so, dass da nichts gemacht werden würde. Man muss aber realistisch bleiben: Es hat solche Taten immer gegeben und diese wird man auch nicht zu 100 Prozent verhindern können. Aber sie sind sehr sehr selten.

Dr. Martin Thüne, Polizeiwissenschaftler, Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. Juni 2021 | 16:40 Uhr

13 Kommentare

TomTom vor 11 Wochen

'Geschönte Statistik'. Wissen Sie, da gibt sich der von Ihnen sicher auch geliebte ÖR große Mühe, einen fundierten Artikel zu schreiben. Mit ausgewiesenen und anerkannten Experten. Und dann kommen Sie und schmieren unbelegtes Zeug darunter. Irgendein Blah. Mutmaßungen, einfach in den Raum geworfen. Schämen Sie sich.

Hansi63 vor 11 Wochen

Es wäre mal ganz interessant welche Gruppe von Menschen die meisten Messerattacken begehen und aus welchen Grund. Sicherlich gibt es dazu auch eine geschönte Statistik.

Karl Schmidt vor 11 Wochen

@Atheist:
Der Kamm war nicht sichtbar, nur der Griff des solchen. Es gab Leute mit westlichen Beziehungen, die am Ende des vermeintlichen Kammgriffs eine Klinge hatten. Taschenmesser hatte fast jeder einstecken. Manche auch größere „Hirschfänger“. Von genereller Kriminalität und Angriffen mit Messern las man so gut wie gar nichts in den Ostzonen-Tageszeitungen, Sie haben sicher längst vergessen, warum das so war...
Die, die tatsächlich einen Kamm in der hinteren Hosentasche hatte, konnten immerhin auf Partys damit glänzen, ein fantastisches Muster auf die Butter zu zaubern.
Ach@Atheist, falls Sie wissen wollen woher ich das weiß:
Es hat mir erst gestern der Opa meiner Nachbarin erzählt.