Der Redakteur | 03.11.2021 Verträgt sich Lügen mit Ministeramt?

Können Lügner in Deutschland Minister werden? Es gibt immer wieder Aussagen von Politikern, die sich als unwahr herausstellen. Ganz zu schweigen von den Plagiatsaffären. Wo ist eigentlich die Grenze?

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Voltaire war ein kluger Kopf. Er empfiehlt uns: "Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen." Damit wären wir alle in einem Dilemma. Ist das Verschweigen also auch schon eine Lüge? Zunächst stellt Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena, ganz nüchtern fest, dass wir uns alle ans eigene Näschen fassen sollten.

Wenn es stimmt, was Psychologinnen und Psychologen sagen, dann lügt jeder irgendwann und irgendwie. Insofern kommt es auf die Qualität der Lüge.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena
Prof. Nikolaus Knoepffler 18 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 03.11.2021 14:01Uhr 17:43 min

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Und vielleicht auch auf die Quantität, womit wir beim notorischen Lügner wären, den man eher weniger als Politiker sehen möchte, aber dazu später mehr. Ganz wichtig ist, so Prof. Knoepffler, dass wir zunächst unterscheiden müssen, wie eine vermeintliche Lüge, Halbwahrheit oder Verfehlung zustande gekommen ist. Die schwer verständlichen Plagiatsvorwürfe zum Beispiel sollte man sehr differenziert betrachten, bevor man einer Frau Doktor oder einem Herrn Doktor unterstellt, die Öffentlichkeit mit dem unrechtmäßigen Tragen dieses Titels belogen zu haben. Unsauberes Arbeiten in jüngeren Jahren beim Umgang mit Zitaten ist unschön, aber vielleicht verzeihlich.

Eine glaubhafte Bitte um Entschuldigung sollte man annehmen, so Prof. Knoepffler. Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Nur was machen wir mit den zahllosen Falschbehauptungen, verdrehten Fakten, Untertreibungen, Übertreibungen und Wahlversprechen?

Das ist ja einer der Gründe, warum Politikerinnen und Politiker in der Glaubwürdigkeitskrise sind. Weil man große Wahlversprechen hört und diese werden dann nicht gehalten.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena
Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und Finanzminister, kommt zu dem Tagungsort für die Sondierungsgespräche (12.10.2021).
Olaf Scholz - "seifengleich" oder clever? Bildrechte: dpa

Allerdings sind wir auch sehr unzufrieden, wenn das Wahlversprechen einfach nicht kommt. Bestes Beispiel war das seifengleiche Verhalten von Olaf Scholz beim Thema Rot-Rot-Grüner Koalition. Monatelang hat er sich um eine präzise Antwort gedrückt, ob er denn eine solche Konstellation ausschließen will oder nicht.

Das ist ein cleverer Schachzug, das ist genau das, was man im Wahlkampf tun muss. Und hat nichts mit Lüge zu tun. Man muss nicht alle Karten auf den Tisch legen.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena

Seine grundsätzliche Empfehlung: Einfach mal die Klappe halten. Denn eine unüberlegte Antwort oder Stellungnahme zu einem Sachverhalt, den man nur vom Hörensagen kennt, kann sich ganz schnell von der Wahrheit entfernen. Die reflexartigen Solidaritätskundgebungen nach dem angeblichen antisemitischen Vorfall in einem Leipziger Hotel sind ein gutes Beispiel. Mittlerweile gibt es immer mehr Indizien, die darauf hindeuten, dass der Fall ganz anders liegt. Dann steht man ein bisschen doof da mit seinem schnellen Tweet.

Das zeichnet aus meiner Sicht die ganz Großen aus, dass sie im Stande sind, zu warten und nicht meinen, zu allem ihren Senf dazu geben zu müssen.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena

Dass etwas überall steht, ist übrigens auch noch kein Beweis dafür, dass es stimmt. Es ist nicht nur Politikern anzuraten, zuerst nach der Quelle zu schauen, bevor das eigene Urteil steht. Nun war es den vertrauenswürdigen Politikern der alten Schule – wir nennen das Beispiel Helmut Schmidt – vergönnt, im Studio zunächst einen Zug aus der Zigarette nehmen zu können und somit dem Hirn etwas Vorsprung zu geben.


Risikofaktor Soziale Medien

Und dann saßen Sie nicht im Karussell der sozialen und auch aller anderen Medien, das immer schnellere Antworten fordert, sondern sie platzierten ihr Statement entweder nach dem Dampf ablassen oder gar erst über Pressestelle und Faxgerät. Das bringt Zeit zum Nachdenken. Dann passiert es eben auch nicht so schnell, dass irgendetwas in die Welt gesetzt wird, das sich am Ende als grundfalsch herausstellt. Wenn es nun doch passiert ist, dann hilft auch heute immer noch der geordnete Rückzug. Sorry, ich habe mich geirrt. Wenn das nicht inflationär auftritt, sollte das einem Ministeramt nicht im Wege stehen, es ist ja nicht schlimm, wenn jemand aus Fehlern lernt.

Wenn sich in einer Lebensgeschichte eine Unwahrheit an die andere reiht – so einen Politiker würde ich mir sehr ungern in einem wichtigen Amt wünschen.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena

Da sind wir wieder bei unserem eingangs erwähnten notorischen Lügner. Auch wenn wir Meinungsfreiheit haben, so können wir von einem Politiker – und nicht nur von dem – sehr wohl erwarten, dass er sich nach besten Gewissen kundig macht, was der Stand der Wissenschaft ist, bevor er den Mund aufmacht. Und gerade Politiker haben alle Möglichkeiten. Ganze Beraterstäbe stehen der Bundesregierung zur Verfügung, den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages kann sogar jeder Abgeordnete nutzen. Man muss sich eben nur um die Wahrheit bemühen. Auch Donald Trump hätte übrigens alle Möglichkeiten gehabt, zog es aber häufig vor, "alternative Fakten" zu posten.  

Er ist auch in einer unflätigen Weise mit Gegnern umgegangen, sodass ich mir persönlich  nicht wünschen würde, dass er mein Bundeskanzler oder mein Minister wäre.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena

Das bedeutet: Bei Donald Trump würde Prof. Knoepffler das mit der verdienten zweiten Chance nicht unterschreiben. Grundsätzlich gibt es auch noch weltanschauliche Gesichtspunkte, die verhindern, dass wir einen Politiker für glaubwürdig halten. Politiker, die nicht zur einen weltanschaulichen Gruppe gehören, können noch so vernünftig reden, die Fundamente sind einfach die falschen, so Prof. Knoepffler. Von daher ist es auch kaum möglich, dass wir Politiker finden, die allen gefallen. Aber die breite Masse der Menschen habe schon ein gutes Gespür, welchem Politiker man vertrauen kann und auch ein Gefühl für notorische Lügner.

Notorische Lügner sind für ein Ministeramt nicht geeignet.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums der Uni Jena

Bei der Beurteilung allerdings sollten wir uns Mühe geben. Wenn jemand mit seinen Ansichten auf einer wissenschaftlich fundierten Basis steht, mir das alles aber so gar nicht in den Kram passt, ist der Lügenvorwurf schwer aufrecht zu erhalten. Und da sind wir ganz dicht bei Christian Morgenstern: "Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 03. November 2021 | 15:40 Uhr

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