Der Redakteur | 03.05.2021 Warum sagen Radio-Moderatoren ihre Meinung nicht?

Gisela Becker aus Harthpöllnitz fragt, warum Radio-Moderatoren so wenig ihre Meinung sagen. Glauben die eigentlich, was sie den Hörern erzählen? Thomas Becker mit Antworten.

Ein Mikrofon vor einem Mischpult
Nachricht, Hintergrundbericht, Kommentar - auch im Hörfunk gibt es unterschiedliche journalistische Formate, die bei der Meinungsbildung helfen. Bildrechte: MDR/André Plaul

Die Situation kommt in den besten Ehen vor. Er sagt etwas, sie versteht etwas anderes, dann reden beide eine Weile aneinander vorbei, gern auch bei erhöhtem Schallpegel und Blutdruck. Dann folgt entweder die Versöhnung oder irgendwann die Trennung, wenn das Missverständnis zum Dauerzustand geworden ist.

Dass die Beziehung zwischen den klassischen Medien und Teilen der Bevölkerung aktuell ähnlich angespannt ist, das ist kein Geheimnis. Auch nicht, dass einige bereits die Scheidung eingereicht haben. Doch woran liegt das?

Zunächst ist es wichtig mit einem großen Missverständnis aufzuräumen. Welche Meinung ein Moderator oder ein Journalist zu einem bestimmten politischen Thema hat, das ist in den meisten journalistischen Formaten völlig irrelevant und sogar unprofessionell und fachlich daneben.

Anderer Journalismus als vor 100 Jahren

Das war aber nicht immer so, bis zum Ersten Weltkrieg etwa war der sogenannte Meinungsjournalismus normal, es gab rechte und linke Kampfblätter und die haben sich auch so benommen.

Der Journalismus in Deutschland und vielen anderen Demokratien folgt anderen Grundsätzen. Vereinfacht gesagt wird dem geneigten Leser, Zuschauer oder Zuhörer ein bestenfalls gut recherchierter Musterkoffer präsentiert, wo verschiedene Fachleute, Wissenschaftler oder Interessengruppen ihre Sicht der Dinge darlegen; und dann kann man sich aus dem Material seine eigene Welt basteln. Wie beim Hausbau.

Doch leider erfolgt die Meinungsbildung heutzutage schon viel früher. Bevor der Musterkoffer überhaupt aufgeklappt wird. Und wenn dann das selbstgezimmerte Häuslein nicht zu passt, ist der Lügenvorwurf schnell formuliert.

Hier kommen viele Faktoren zusammen. Das ist auch abhängig davon, was gerade im Leben des Einzelnen passiert. Wenn zum Beispiel die eigene persönliche Erfahrung nicht übereinstimmt mit dem, was in der Berichterstattung berichtet wird (…), dann wird das teilweise so interpretiert, dass Medien nicht korrekt berichten.

Dr. Andreas Schwarz, Kommunikationswissenschaftler an der TU Ilmenau

Fertig ist auch die regierungstreue Berichterstattung. Doch genau das ist der Punkt. Ein Journalist, der über die neue Corona-Verordnung berichtet, der ist eben - wie der Name schon sagt - ein Berichterstatter. Völlig meinungsfrei sollte er sagen, woran sich die Leute zu halten haben, weil diese Informationen nämlich nicht ganz unwichtig sind.

Wenn die Opposition an der Verordnung Kritik äußert (was ihre Aufgabe ist), ernstzunehmende Wissenschaftler Bedenken haben (was verstärkt dann passiert, wenn sie vorher nicht ausreichend gehört wurden) und Menschen dagegen demonstrieren (was ein Grundrecht ist in einer Demokratie), dann kann auch das Teil der Berichterstattung sein oder ein extra Beitrag. Das alles ist das Tagesgeschäft eines Journalisten.

Berichterstattung und detaillierte Hintergründe

Und es gibt Journalisten, die sind genau darauf spezialisiert. Das heißt: Es gibt Kollegen in der Nachrichtenredaktion - zum Beispiel bei der Tagesschau - die machen nichts anderes. Dann gibt es Kollegen, die fangen dort mit ihrer Arbeit an, wo die Meldung aufhört. Das sind zum Beispiel die Kollegen, die im Hintergrund recherchieren, die die Sendungen vorbereiten, Interviews organisieren, Beiträge machen.

Hier kommen - so wie beim Redakteur geschehen - die Aerosolforscher zu Wort, die dann Kraft ihrer Kompetenz sagen dürfen, dass sie die Ausgangssperre für Unsinn halten und die Leute sich lieber offiziell in die Biergärten setzen sollten als heimlich in den Partykeller.

Manche Formate erlauben eigene Meinungen

Diese Meinung findet übrigens deswegen Gehör, weil sie wissenschaftlich fundiert ist. Dass wir alle krank- oder totgespritzt werden sollen und Bill Gates uns Minicomputer einpflanzt, dazu gab es bislang eben keine fundierten Erkenntnisse. Deswegen kommen solche Dinge allenfalls in satirischen Formaten vor.

Diese übrigens - so wie auch der klassische Kommentar - sind sehr wohl Momente, in denen einem Journalisten das Verkünden der eigenen Meinung erlaubt ist. Grundvoraussetzung: Sie muss als eigene Meinung gekennzeichnet sein und bitteschön fundiert begründet werden, durch abwägen verschiedener Erkenntnisse. Dem kann der Konsument folgen oder eben nicht.

Forschung wird in Corona-Pandemie transparenter

Ähnlich ist es, wenn ein Moderator einen Politiker interviewt und als Stellvertreter des Hörers eben quasi dessen Fragen stellt. Macht er das gut, dann gehen der Gegenseite vielleicht die Argumente aus und der Zuhörer hat die Chance, sich seine eigene Meinung zu bilden. Nun ist es natürlich ein stückweit immer die Entscheidung des Journalisten: Welchen Experten befrage ich für meine Geschichte? Wer steht exemplarisch für eine bestimmte Position? Wer für die Gegenseite? Wer hat Expertisen beziehungsweise in diesem Bereich schon geforscht und ist auch bereit, dazu etwas zu sagen? Bei aktuellen Themen am besten heute noch.

Die Wissenschaft hat jahrelang im Verborgenen gearbeitet, Corona macht die Forschung erstmals so richtig transparent und wir müssen alle erst lernen, damit umzugehen. Während für die Wissenschaftler Erkenntnisgewinne einschließlich des Verwerfens von Theorien zum Alltag gehören, verstehen wir nicht, warum Masken erst sinnlos sind und dann unser Allheilmittel.

Offener Brief der Aerosolforscher

Wer sich den dazugehörigen Erkenntnisgewinnen verweigert, steht genaugenommen ziemlich dämlich da und merkt es nicht einmal. Dass aber auch die Wissenschaftler erst lernen müssen, wie sie ihre Erkenntnisse an der richtigen Stelle platzieren, das haben uns die Aerosolforscher eindrucksvoll gezeigt. Über Monate haben sie Briefe, vielleicht sogar modernere Mails an die Politik geschickt, bis hinauf zur Bundesregierung, ohne eine Antwort erhalten zu haben. 

Erst ein Offener Brief, der auch noch als Statement zur Ausgangssperre missgedeutet wurde, brachte den Durchbruch. Weil er für die Journalisten nämlich plötzlich eine neue glaubhafte wissenschaftliche Position anbot, die allen journalistischen Überprüfungen standhielt.

Nun kann man natürlich immer argumentieren, dass mitunter schlampig gearbeitet wird, die falschen Experten befragt werden und meistens der einfache Weg gegangen wird. Aber hier unterscheidet sich der Journalist nicht wesentlich von den meisten anderen Handwerkern.

Fotograf auf Demonstration 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Mo 03.05.2021 19:00Uhr 02:35 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Woher kommt der Hass auf Journalisten?

Die Forschungsschwerpunkte von Dr. Andreas Schwarz sind zum Beispiel Krisen-PR, Risiko- und Krisenkommunikation, Fragen rund um die Entstehung von Aussagen und deren Wirkung und auch die Rolle und Relevanz von Social Media. Für ihn ist es kein Zufall, dass der Ruf des Journalismus in Deutschland und anderswo gerade leidet.

Natürlich tun auch Medien gut daran, die eigene Arbeit ständig zu hinterfragen, was auch in mitunter ermüdenden Redaktionssitzungen oder Workshops permanent geschieht. Aber ob das alleine das Grundproblem lösen kann, da meldet Schwarz Zweifel an. Er sieht ein gesellschaftliches Problem.

Ein Fotoreporter trägt auf einer Demonstration einen Aufnäher mit dem Text PRESS auf seiner Jacke
Die Presse - der neue Feind? Bildrechte: dpa

Es gibt einige Kräfte in unserer Gesellschaft, die finden sich zum Teil bei bestimmten politischen Strömungen wieder oder in bestimmten radikalisierten Gruppen. Dort versucht man systematisch die Glaubwürdigkeit von etablierten Medien zu untergraben, um die eigene Gefolgschaft zu immunisieren gegen kritische Berichterstattung über diese Gruppe.

Dr. Andreas Schwarz, Kommunikationswissenschaftler an der TU Ilmenau

Verkürzt gesagt: Es ist die Lügenpresse, ihr wisst ja, dass man denen nicht glauben kann, die Wahrheit sind wir. Damit ist der Beweis erbracht. Das rechtfertigt es übrigens auch, sich gegenüber den Medienvertretern rüpelhaft zu verhalten, sie niederzubrüllen und anzugreifen, sodass es ohne Personenschützer schon gar nicht mehr möglich ist, über bestimmte Veranstaltungen zu berichten.

Da wird es schwer, die Lösungsvorschläge von Dr. Schwarz umzusetzen, nämlich noch transparenter und noch klarer offenzulegen, woher die Informationen kommen, was die Quellen sind und wie die redaktionelle Arbeit im Hintergrund funktioniert. Das war übrigens der Grund, den Redakteur als Sendereihe einzuführen, noch lange bevor es Flüchtlinge, Pegida oder Corona gab. Und da sind wir sehr schnell bei Medienkompetenzen, auf die leider in Schule, Lehre oder Studium viel zu wenig wert gelegt wird.

Damit Menschen verstehen, wie funktioniert eigentlich Journalismus, unter welchen Bedingungen arbeitet Journalismus, damit man auch besser einordnen kann, wie kommen einfach die Informationen zustande.

Dr. Andreas Schwarz, Kommunikationswissenschaftler an der TU Ilmenau

Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke?

Im Zeitalter von Facebook, YouTube, Google und Twitter regen wird uns zwar alle auf über Werbung und das Datensammeln, übersehen dabei aber das wirkliche Problem. Schlimmer noch: Niemand durchschaut derzeit die Algorithmen, die dafür sorgen, dass wir in den Social-Media-Kanälen die eine Nachrichtenmeldung angezeigt bekommen und die andere nicht. Das Reuters Institute of Journalism hat Mitte 2020 eine neue Ausgabe seines Digital News Reports vorgelegt.

Ein Ergebnis: 80 Prozent der Befragten in Deutschland bevorzugen neutrale Nachrichten. Also Nachrichten ohne Meinungszusatz. Die Relevanz von unabhängigem Journalismus für die Gesellschaft ist unter den befragten Internetnutzern ab 55 Jahren mit 88 Prozent, sehr hoch. Das klingt beruhigend, doch das dicke Ende kommt erst noch.

Schüler mit Handy´s
Soziale Medien als einzige Nachrichtenquelle? Keine gute Idee. Bildrechte: Colourbox.de

Die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen liegt mit 56 Prozent deutlich darunter. Gleichzeitig geben die jungen Leute zu fast einem Drittel an, dass die sozialen Medien ihre wichtigste Nachrichtenquelle sind. Und das ist leider eine, die sich den Grundsätzen des Journalismus unbemerkt entziehen kann. Für Kommunikationswissenschaftler ist das ein Alarmzeichen.

Schülerinnen und Schülern muss beigebracht werden, wie man Quellen auf deren Wahrheitsgehalt überprüfen kann.

Dr. Andreas Schwarz, Kommunikationswissenschaftler an der TU Ilmenau

Das Netz ist keine seriöse Quelle

Wer macht sich heute diese Mühe beim Posten, Teilen oder Liken? Auch die Kommentare unter vielen Artikeln - auch unter denen des Redakteurs - zeugen davon, dass die Texte oft nicht gelesen und schon gar nicht verstanden wurden. Diskutiert wird aber trotzdem darüber und zwar mit Argumenten, die über jeden Beleg erhaben sind.

Wenn man dieses Quellenverständnis ins normale Leben überträgt, wird es richtig skurril. Die typische Netzfrage ist ja noch relativ normal: Wo hast du das denn her? Die häufige Antwort: Aus dem Netz! Das Netz wird als Quelle verstanden, obwohl es doch eigentlich nur der Transportweg ist. Würden wir uns mit dieser Antwort auch zufrieden geben, wenn die Frage lautet: "Wo hast du denn das leckere Eis her?" - Von der Straße! Und bei der Frage, die jetzt logischerweise folgen muss, genau an dieser Stelle fängt Journalismus an.

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 03. Mai 2021 | 16:00 Uhr

21 Kommentare

TomTom vor 1 Wochen

Der Unterschied zwischen Ihrem Kommentar und einer MDR-Veröffentlichung: der MDR darf nicht einfach unbewiesenen Blödsinn schreiben. Sie hingegen dürfen den Sender pauschal diffamieren. Ohne Beleg. Finde den Fehler.

TomTom vor 1 Wochen

Sorry, aber das ist reichlich unsachlich, der Bild-Artikel ist eine Frechheit. Da hat die ARD nicht Annalena Baerbock gehypt, sondern ein Social-Media-MA hat etwas unglücklich einen dummen Kommentar kommentiert. Und was sind Ihre Referenzen, sich über Kleber und Slomka zu erheben? Lesen Sie mal nach, was Meinungsjournalismus ist. Billige unsachliche Effekthascherei ist das um hier in solchen Foren Beifall zu bekommen. Unverschämt.

MDR-Team vor 1 Wochen

Hallo MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT,
Die Hauptaufgabe eines Moderatoren oder einer Moderatorin ist es, den Zuschauer oder Zuhörer durch das jeweilige Programm zu führen. Ihre Arbeit baut dabei zumeist auf der Recherchearbeit von Redakteuren auf, aber auch Moderatoren müssen sich mit den Inhalten ihrer Sendungen vertraut machen. Wie sich die Arbeit der Moderatoren konkret ausgestaltet, hängt maßgeblich von dem jeweiligen Format und dessen Inhalten ab. In der Regel genießen auch Moderatoren eine journalistische Ausbildung.