Der Redakteur | 13.03.2019 Was passiert mit dem geheimen Bratwurstrezept aus Nohra?

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!? Denn nach dem Aus des Fleischwerks in Nohra könnte die Bratwurst auferstehen - als Bratwurst nach Thüringer Art.

Vor einem Betriebsgelände stehen Autos auf einem Parkplatz.
Das ehemalige Fleischwerk in Nohra Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Weimarer Wurstwaren sind Geschichte. Auch wenn der Markenname noch in den Kühlregalen auftaucht. Produziert ist die "Weimarer" Wurst dann aber in Sachsen oder anderswo. Der Produktionsstandort in Nohra ist dicht, nur der ehemalige Werksverkauf, jetzt Frischemarkt, hält sich tapfer.

Er wird von ehemaligen Mitarbeitern nun selbstständig betrieben. Mit dem Verkauf von möglichst regionalen Produkten möchte man weitermachen und zwar auch, wenn nächstes Jahr der Mietvertrag für die Räumlichkeiten im alten Schlachthof ausgelaufen ist. Dann soll es in einem neuen Gebäude im nahegelegenen Gewerbegebiet weitergehen. Bis Ende Februar wurde in Nohra auch noch die Weimarer Rostbratwurst nach dem alten Rezept produziert. Nun nicht mehr. Und Frischmarkt-Chef Marko Bott hat das Rezept leider auch nicht in seinen Unterlagen.

Wir wissen leider nicht, wo das Rezept hin ist. Wir verkaufen jetzt Wurst eines Apoldaer Fleischereiunternehmens, der Firma Arnold. Es hat sich nur der Hersteller geändert, die Wurst und der Kümmel sind geblieben.

Marko Bott Frischemarkt Nohra
Bratwurst mit Senf auf einem Pappteller
Mit oder ohne Kümmel? Das ist hier die Frage! Aber Hauptsache Senf... Bildrechte: Colourbox.de

Und das Rezept ist natürlich ein Apollsches. Für MDR THÜRINGEN-Hörer Willi Weidner aus Niederorschel werden Bratwurstrezepte ohnehin überbewertet. Er macht seit Jahrzehnten hausschlachtene Bratwürste und sein offenes Geheimnis sind Pfeffer, Salz, Knoblauch und etwas Zucker. Weder Bärlauch noch Kümmel kommen in seine Bratwurst. Letzteres versteht sich von selbst, schließlich kommt er aus dem "kümmelfreien" Eichsfeld.

Die Weimarer Rostbratwurst kam "wie der Name schon sagt" aber aus Weimar und hatte sehr wohl den in dieser Gegend überlebensnotwendigen Zusatzstoff. Aber in welchen Gewichtsanteilen? Es könnte ein ewiges Rätsel der Menschheit bleiben. Ein Geheimnis, streng gehütet von der "Zur Mühlen Gruppe", die zum Tönnies-Imperium des Schalke-Präsidenten gehört, das sich in Nohra keine Freunde gemacht hat. Es soll nach dem legendären 0:7 der Schalker in der Championsleague gegen Manchester City im März 2019 einen leichten Anstieg von Schadenfreude im Umfeld der Gemeinde gegeben haben, aber das sind nur Gerüchte.

Tönnies lernt aktuell, was es bedeutet, wenn man platt gemacht wird. Auch die Stichworte "Marktbereinigung" und "Vorsatz" machten heute die Runde in vielen vertraulichen Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern, die immerhin ihren Job verloren haben. Diese Vorwürfe des absichtlichen "Plattmachens" weist das Unternehmen allerdings zurück.

Es besteht in der Wurstbranche ein erheblicher Konsolidierungsdruck. Unser Ziel ist es, Standorte zu spezialisieren. (…) Der erhebliche Investitionstau hat dazu geführt, dass wir den Standort nicht aufrechterhalten können.

Dr. André Vielstädte Leiter Unternehmenskommunikation "Zur Mühlen Gruppe"


Aber es geht ja heute um die Wurst. Nun ist die Thüringer Bratwurst nicht irgendeine solche, sondern die bedeutendste (Thüringer) Wurst der Welt und deshalb ein "Lebensmittel mit geschützter geografischer Herkunft". Das bedeutet, mindestens eine der Produktionsstufen Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung müsste in Thüringen stattfinden. Aber das ist schwierig, wenn man das Werk dicht macht. In diesem Zusammenhang sei mit der gebotenen Bescheidenheit darauf hingewiesen, dass sogar das zuständige Ministerium in Berlin gleich zum Einstieg in dieses Thema die Thüringer Bratwurst als ein leuchtendes Beispiel hervorhebt.

"Lebensmittel mit geschützter geografischer Herkunft" "Schwäbische Spätzle, Nürnberger Lebkuchen, Allgäuer Bergkäse, Thüringer Rostbratwurst oder Beelitzer Spargel - diese Produkte sind nicht nur weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, sie sind auch besonders geschützt." Website Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Aber das nützt der Weimarer Rostbratwurst herzlich wenig. Sie hat nicht nur ihren Produktionsstandort verloren, sie verliert möglicherweise auch bald ihre Würde. Unter irgendeinem Phantasienamen aber mit den gleichen Inhaltsstoffen wie zu Nohraer Zeiten, könnte sie bald wieder in den Kühlregalen liegen. Am Rezept scheitert es schließlich nicht. Das haben die Kollegen der Abteilung Produktentwicklung gemeinsam mit anderen Rezepten sicher abgeheftet.

Wir hoffen, dass wir das Rezept weiter nutzen können. (…) ‚Nach Art Thüringer Rostbratwurst‘ ist dann beispielweise eine Möglichkeit, wie man ein solches Produkt nennen könnte. Wenn wir die Möglichkeit haben, die Wurst am Markt zu platzieren, werden wir sie auch weiter produzieren. Wenn auch an einem anderen Standort.

Dr. André Vielstädte Leiter Unternehmenskommunikation "Zur Mühlen Gruppe"

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 13. März 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 16:40 Uhr

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4 Kommentare

14.03.2019 08:29 Jakob 4

Unfreiwilliger Beitrag zur Volksgrsundheit.

13.03.2019 20:55 Paul Johannes 3

Bitte nicht zuuu viel Trauer für diesen Konzern...und deren Würste.Was bei denen zählt ist die Rendite..Wohlgeschmack, Heimatgefühl oder gute Zutaten....hmmmm da muß ich mal überlegen... Im Übrigen stirbt die Weimarer Bratwurst mit Sicherheit nicht aus...in die Lücke springen mit Sicherheit viele Gute Fleischermeister aus Weimar und Umgebung mit viel Herzblut gerne.Die Weimarer Bratwurst lebt....und vielleicht sogar noch etwas besser als die Industriewurst aus Nohra es war....?? KOPF hoch.-..Mund auf....: Gegessen wird immer !