Ein Arzt legt einer Patientin ein Blutdruckmessgerät an
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Der Redakteur | 29.11.2018 Wie ist das mit dem Budget bei den Hausärzten?

Ingrid Brödler aus Großbreitenbach möchte wissen, ob Hausärzte Strafe bezahlen, wenn sie ihr zugewiesenes Budget überschreiten. Und wird das Budget vergrößert, wenn noch zwei angestellte Ärzte mit in der Praxis arbeiten?

Ein Arzt legt einer Patientin ein Blutdruckmessgerät an
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Um direkt die letzte Frage zu beantworten gilt – vereinfacht: Wenn jeder Arzt in der Praxis eine eigene kassenärztliche Zulassung hat, dann ist das Budget dreimal so hoch. Wenn sie sich eine solche Stelle teilen, dann eben nicht. Aber der Patient sollte sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, das müssen die Ärzte schon genug tun. Der Begriff "Budget" schwebt wie eine dunkle Wolke über unserm Gesundheitssystem. Eingeführt wurde es vor 20 Jahren, um die Kosten zu deckeln. Soweit, so dreifach. Es sind nämlich genau genommen drei Budgets oder Töpfe, aus denen verschiedene Leistungen bezahlt werden.

Los geht es im dem Topf für den Arzt selbst. Der bekommt ein Budget für das, was er und seine Praxis für die erbrachten Leistungen bekommen. Also: Sein Honorar, das Geld für Praxisbetrieb einschließlich Schwersterngehälter oder Putzfrauen. Dieser Wert ergibt sich anhand verschiedener Kriterien, die auch wieder sehr kompliziert und für das grundsätzliche Verständnis nicht wichtig sind.

Wenn der Patient seine Chipkarte reinsteckt, habe ich meinen Durchschnittsverdienst drin. Ob ich den zehnmal einmal im Quartal sehe oder einmal, das ist egal. Ich habe so eine Art Durchschnittshonorar, das kriege ich, egal was ich mit dem Patienten mache, es bringt nicht mehr Geld unbedingt!

Ulf Zitterbart, Hausarzt und Vorsitzender des Thüringer Hausärzteverbandes

Nehmen wir einmal an, dieser Wert beträgt 70 Euro. Dann würde die Praxis mit 100 Patienten mal 70 "Durchzüge" im Quartal = 7.000 Euro Pleite gehen. Denn mit 2.333 Euro monatlich kann man keine Praxis finanzieren. Daran kann man schon erkennen, was für ein Patientenpool notwendig ist, damit sich eine Praxis lohnt und warum es Zulassungen geben muss. Nun gibt es in Thüringen zwei große Töpfe, aus denen die Ärztehonorare bezahlt werden. Der Hausarzttopf reicht wohl derzeit, sodass die Ärzte auch wirklich ihr Geld zu 100 Prozent bekommen, bei den Fachärzten fehlt rund ein Viertel des Geldes.

Wir möchten gerne, dass diese Budgets fallen, damit diese Leistungen zu 100 Prozent bezahlt werden, denn dann wäre vielleicht auch das Thema der Termine und Kapazitäten in den Praxen anders lösbar.

Dr. med. Annette Rommel, 1. Vorsitzende des Vorstandes der KV Thüringen

Nun sind also die Ärzte versorgt, Haken dran an dieses "Budget". Verbleiben zwei weitere "Budgets", von denen eines nicht mehr da ist und das andere möchte Dr. Annette Rommel nicht mehr Budget nennen.

Annette Rommel 13 min
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1. Vorsitzende des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 29.11.2018 16:00Uhr 13:11 min

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Wie sind wieder beim Chipkartenleser und dem "Heilmittelbudget". Mit dem Durchziehen der Karte "bezahlt" der Patient nicht nur den Arzt, sondern erhöht auch die Summe, die die Praxis für Heilmittel ausgeben kann. Der Wert ist abhängig von der Fachrichtung, ein Orthopäde wird mehr bekommen für Heilmittel als der Hausarzt, weil er z.B. mehr Physiotherapie verschreibt als ein Hausarzt. Wir nehmen als Beispiel den Wert von 30 Euro pro durchgezogener Karte und Quartal. Jedes Durchziehen füllt den Heilmittel-Topf, egal ob ein "Schnupfen" kommt oder ein "Rücken".

Natürlich wird der Schnupfen nicht zur Physio geschickt, deswegen hat der "Rücken" die vollen 60 Euro der beiden für seine Knetmassage zur Verfügung. Wenn der Arzt am Ende des Quartals mehr aufschreibt, als er "eingenommen" hat in seinem Topf, dann muss er das gut begründen können, um nicht in Regress genommen zu werden. Das ist der Punkt, den die Ärzte auch gerne abschaffen würden. Auch wenn zuletzt "nur" 80 Praxen in Thüringen auffällig geworden sind und nur zehn davon nachzahlen mussten.

Diese achtzig, die geprüft werden, die müssen ja ihre komplette Praxis auf den Kopf stellen, alle Einzelfälle nachweisen und genau gucken, was gemacht wurde und die zehn, die nachzahlen, die können theoretisch existenzbedrohende Nachzahlungen haben. Das ist für mich eine Katastrophe.

Ulf Zitterbart, Hausarzt und Vorsitzender des Thüringer Hausärzteverbandes

Und auch bei Topf 3 für die Medikamente würde Dr. Zitterbarth gerne die Sanktionen und Überwachungen einstellen. Der Topf hat allerdings keinen Deckel und könnte so theoretisch auch zu einem Fass ohne Boden werden, weil die Ärzte verschreiben könnten, was sie wollen. Praktisch ist es aber so, dass die Ärzte schon an Vorgaben gebunden sind.

Der Arzt ist verpflichtet, nach medizinischer Indikation und wirtschaftlich zu verordnen. (…) Das heißt, die Medikamente, die wissenschaftlich gesehen in den sogenannten Leitlinien ganz oben stehen, die sollen als erstes verordnet werden. Erst wenn es nicht anders geht, nachrangig eingestufte Arzneimittel. Da ist der Preis völlig unwichtig geworden. Das haben wir von der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen mit den Krankenkassen verhandelt.

Dr. med. Annette Rommel, 1. Vorsitzende des Vorstandes der KV Thüringen

Das alles bedeutet: Es sollte jeder Patient die Behandlung bekommen, die zur Behandlung seiner Erkrankung notwendig ist. Trotzdem gibt es vereinzelt Beschwerden bei der Kassenärztlichen Vereinigung, weil Ärzte das Anspruchsdenken ihrer Patienten nicht erfüllen können.

Oft ist es ein Verständnisproblem zwischen Arzt und Patient. Und auch die Frage, wie können Wünsche und Realität zusammengebracht werden. Es sollte auch nicht irgendwas verwehrt werden mit dem Hinweis auf irgendwelches Geld, das nicht zur Verfügung steht.

Dr. med. Annette Rommel, 1. Vorsitzende des Vorstandes der KV Thüringen
Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand. 17 min
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Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorsitzender des Thüringer Hausärzteverbandes

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Das Gefühl des Patienten, sich mal wieder etwas Gutes tun zu müssen, ist eben kein Grund, ihn zur Physiotherapie zu schicken. Zumindest nicht auf Rezept. Man muss nämlich in diesem Zusammenhang immer darauf verweisen, dass es Versicherungsgelder sind, die ausgegeben werden und unsere Bereitschaft zu höheren Beiträgen gewöhnlich auch nicht besonders groß ist.

Trotzdem wäre es falsch, unter Hinweis auf die eigenen Zahlungen, Behandlungen einzufordern, nach dem Motto: Ich will auch etwas bekommen für "mein" Geld. Es ist ein Solidarsystem, wenn auch ein sehr kompliziertes. Das nicht nur Ärzte schwer durchschauen, wo Fehler passieren können, deshalb die Kontrollen. Den Ärzten würde aber auch eine Vereinfachung reichen, denn es gibt eigentlich keinen Grund zu unterstellen, dass der Rezeptblock zu locker sitzt, sagt zumindest der Hausarzt.

Ich verdiene kein Geld, wenn ich Rezepte schreibe, habe also auch kein persönliches Interesse, irgendwie mehr aufzuschreiben.

Ulf Zitterbart, Hausarzt und Vorsitzender des Thüringer Hausärzteverbandes

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. November 2018 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2018, 16:45 Uhr

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