Der Redakteur | 22.01.2020 Satelliten über Erfurt, Gera und dem Rest der Welt

Nach mehreren "Ufo-Sichtungen" über dem Freistaat ist klar: Es sind Satelliten von Tesla-Gründer Elon Musk. Aber was genau steckt dahinter und steigt dadurch nicht die Kollisionsgefahr im All?

SpaceX 60 Starlink
SpaceX 60 Starlink Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Elon Musk ist kein Mann für halbe Sachen. Alles, was er anpackt, rutscht direkt ins Ungewöhnliche. Ein kleiner Ausflug ins Private gefällig? Er hat 5 Kinder, einmal Zwillinge und einmal Drillinge. So ist er halt. Als Chef ist er allerdings gewöhnungsbedürftig, wie man hört. Rücksichtslos gegen sich selbst und auch von seinen Mitarbeitern verlangt er mitunter Übermenschliches. Es ist ganz sicher kein Vergnügen, für einen Verrückten zu arbeiten.

Tesla-Chef Elon Musk
Elon Musk, Chef von Tesla, SpaceX, ... Bildrechte: dpa

Es ist aber ein Verrückter, der diverse Firmen besitzt, die fast ausnahmslos die Welt verändern. E-Autos, Luftkissenzüge, Verbindungen zwischen Hirn und Computer, Solarspeicher usw. Sein erstes Projekt war noch ein Familienunternehmen mit seinem Bruder, gegründet 1995, das verkaufte Inhalte an Medien. Dem Computerhersteller Compaq war der Laden mehr als 300 Millionen Dollar wert. Nächste Station war PayPal, das er zwar nicht selbst erfand, aber er erfand ein ähnliches Produkt.

Es folgten die Fusion seiner Firma mit der PayPal-Firma und später der Verkauf des Ladens an Ebay. Das Ergebnis: Wieder ein Geldregen. Und was macht man damit, wenn man anders ist als andere? Man gründet eine Weltraumfirma und macht der NASA Konkurrenz. Nun versorgt er die ISS mit Nachschub und nicht etwa die NASA. Bemannte Flüge folgen.

Eine Falcon 9 Rakete mit dem unbemannten Raumfrachter «Dragon» startet von der Cape Canaveral Air Force Station.
Eine Falcon 9 Rakete mit dem unbemannten Raumfrachter "Dragon" auf dem Weg zur ISS Bildrechte: dpa

Und auch hier setzt er Maßstäbe. Die Raketenendstufen seiner Raumgleiter schweben nach dem Start nicht etwa russisch Old School an Fallschirmen zur Erde zurück, sondern ignorieren frech die Regeln der Schwerkraft. Stellen Sie sich ein dickes viele Meter langes Stück der Drushba-Trasse vor, das ohne Fallschirm aus über 40 Kilometern Höhe vom Himmel fällt und sich punktgenau aufrecht neben die Startrampe stellt. Zack und stehen. Die etwas später herunterkommende zweite Röhre schafft es dann nicht mehr zur Erde, weil sich selbige schon weiter gedreht hat in der Zeit. Also landet die Riesenzigarre einfach und ebenso senkrecht auf einer schwimmenden Plattform im Atlantik.

Was ist Starlink?

Zurück zu unseren Satelliten über Erfurt, Gera und dem Rest der Welt. Es ist tatsächlich so, dass Elon Musk die Erde mit Internet aus dem All versorgen will. Starlink heißt das Projekt mit dem Ziel: Voller Netzausschlag  auch in den entlegensten Zipfeln und Funklöchern der Welt, also in der Sahara, im Himalaya oder sogar im Thüringer Wald. Ein Satellit sieht ein bisschen aus wie eine futuristische Personenwage, ist stapelbar, was den Massentransport ins All ermöglicht, hat Kantenlängen von unter einem Meter und wiegt um die 260 kg. Einschließlich einer Solarzelle, die im All ausgeklappt wird. Somit ist dort keine Steckdose erforderlich.

Am 2.Februar 2018 wurden die ersten beiden Satelliten von Kalifornien aus ins All geschossen. Im Mai vergangenen Jahres folgten 60 weitere mit einer einzigen Falcon 9 Rakete aus Florida. Im November flog von dort das nächste 60er-Paket nach oben und am 7. Januar 2020 Großlieferung Nummer 3. In der Summe macht das also 182. Eine gewaltige Zahl? Nicht bei Elon Musk. Für 11.867 Satelliten hat er schon Startgenehmigungen und weitere 30.000 (!) sollen folgen. Und damit sind wir schon bei den Ängsten, zumal das ein Vielfaches von dem ist, was wir seit Sputnik 1 nach oben befördert haben. Doch Musk ist ein Mensch, der immer auch ein bisschen die Welt retten will. Deshalb das E-Auto, deshalb seine Investitionen in Solarsysteme, deshalb die Spenden, mit denen mal rasch eine Million Bäume gepflanzt werden. Und auch über unseren Köpfen will Musk die Umwelt sauber halten.

Starlink ist führend bei der Reduzierung von Trümmern im Orbit und erfüllt oder übertrifft alle behördlichen und branchenüblichen Standards. Am Ende des Lebens werden die Satelliten ihr Bordantriebssystem nutzen, um im Laufe einiger Monate in der Erdatmosphäre zu verglühen. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass das Antriebssystem nicht mehr funktionsfähig ist, werden die Satelliten innerhalb von einem bis fünf Jahren in der Erdatmosphäre verbrennen.

Internetseite Starlink von Elon Musk

Wie werden Kollisionen im All verhindert?

Weltraumschrott ESA
Darstellung von Weltraumschrott im Orbit der Erde. Bildrechte: European Space Agency (ESA)

Wer aus dem Himmel fallende Riesenrohre präzise senkrecht auf die Erde stellt, der ist natürlich auch in der Lage, tausende Satelliten im All zu steuern. Diese Wunderwerke der Technik sollen in der Lage sein, Weltraumschrott auszuweichen und sie suchen sich auch nach dem Aussetzen im All selbstständig ihre Umlaufbahn. Die Zielhöhe von maximal 550 Kilometern stellt übrigens sicher, dass bei einem Systemausfall die Restreibung der Erdatmosphäre genügt, damit die Satelliten von alleine in Richtung Verglühen marschieren. Aber das ist eben ein jahrelanger Prozess.

Anfang September vergangenen Jahres kam es in 320 Kilometern Höhe zu einem Beinahezusammenstoß zwischen dem Musk-Satelliten Nr. 44 und dem ESA-Erdbeobachtungssatelliten ADM-Aeolus. Nr. 44 war außer Kontrolle geraten und auf dem langen Weg ins Verderben (Verglühen). Die ESA musste ein Ausweichmanöver fliegen. Wie so oft, Nr. 44 konnte ja nicht mehr.

Wir haben Hunderte solche Warnungen jeden Tag für unsere Flotte, die wir in Darmstadt im Kontrollzentrum  betreiben. Nicht alle führen zu einem Ausweichmanöver. Meistens gibt es Entwarnung. Aber alle zwei Wochen haben wir ein Ereignis, wo wir tatsächlich ein Ausweichmanöver fliegen müssen.

Holger Krag, Leiter des ESA-Programmes für Weltraumsicherheit

Es gibt noch keine StVO im All

Ein solches Manöver muss umfassend vorbereitet werden, da müssen Instrumente abgeschaltet werden, Treibstoff muss noch genügend da sein, eine Bodenstation muss gefunden werden, die das alles am Ende steuert. Mit einem einfachen Steuer herumreißen ist es nicht getan, sagt Holger Krag. Deswegen will man die Manöverzahl kleinhalten und auch die Zahl der Fehlalarme. Aber das, was da ausweichen muss, ist eben sehr teures Gerät, deswegen lohnt sich erstens der Aufwand und zweitens auch das Nachdenken, das alles irgendwie besser zu koordinieren. Aktuell ist die Freiheit im All grenzenlos und die Straßenverkehrsregel hat nur den Paragrafen 1.

Jeder hat alle Freiheiten, darf aber die Freiheit anderer nicht einschränken.

Holger Krag, Leiter des ESA-Programmes für Weltraumsicherheit

Das hat zu Sputnik-Zeiten gereicht, spätestens jetzt, da es Elon Musk und weitere Verrückte wie Amazongründer Jeff Bezos gibt, die gerade ähnliches umsetzen, muss etwas passieren. Denn der Ablauf der Kommunikation vor einem Ausweichmanöver ist erschreckend nah an der Brieftaube. Wenn die Computer eines Satellitenbetreibers errechnet haben, dass in den nächsten Tagen eine Kollision droht, dann werden Warnungen ausgegeben. Und dann greift man halt zum Telefon oder schickt eine E-Mail: Sehr geehrte Damen und Herren, was machen wir?

Aber es gibt Fälle, wo wir noch nicht einmal die Telefonnummer haben von dem Satellitenbetreiber. Also da ist die Raumfahrt weit hinter allen Verkehrsmitteln wie Bahn und Luftverkehr. An das Problem wollen wir auch ran und mit anderen regelmäßig Positionen und Manöverpläne austauschen und automatisch koordinieren.

Holger Krag, Leiter des ESA-Programmes für Weltraumsicherheit

Ein paar Vorfahrtsregeln wären auch nicht schlecht, am besten ein Art globale Flugsicherung, aber daraus wird wohl nichts. Positiv ist: Unser Fernsehempfang ist durch das muntere Treiben nicht gefährdet. Die Astra-Satelliten "stehen" in über 35.000 km Höhe, dagegen sind die rund 400 km Flughöhe der ISS öffentlicher Nahverkehr. Elon Musk und seine Riesenkoffer fliegen da zum Teil oben drüber, doch wenn es von 550 Kilometern Höhe außerplanmäßig abwärts geht, sind Schnittpunkte eben nicht ausgeschlossen. Immerhin wird ein Großteil der geplanten Internet-Satelliten unterhalb der ISS-Höhe platziert, auf etwa über 300 Kilometern.

Starlink-Satelliten am Himmel
Starlink-Satelliten am Himmel Bildrechte: imago images / ZUMA Press /Gene Blevin

Trotzdem versperren und verfälschen die Teile unseren Astronomen die Sicht auf ferne Galaxien und verwirren uns beim Blick in den Nachthimmel, auch wenn eine dunklere Außenhaut künftig die Sonnenreflektion und Sichtbarkeit verhindern soll. Nicht auszudenken, wenn neben den Astronomen auch die Astrologen durcheinander geraten. Die Internetnutzer dürfen sich hingegen auf außeririsch anmutende Surfgeschwindigkeiten freuen. 40 Mal schneller als der Durchschnitt von heute, das ist der Plan! Die Frage ist allerdings noch, wer genau die Signale am Boden empfängt und die Verbindung zu den Handys herstellt. Denn so eine Internetverbindung ist ja keine Einbahnstraße und welches Handy hat schon eine Reichweite von 550 Kilometern?

Irgendwann setzt auch die Physik Grenzen, die aber – Stichwort landende Rohre – von Leuten wie Elon Musk scheinbar mühelos verschoben werden. Wenn es sein muss bis ins All oder zum Mars. Da will er hin und muss er auch, wenn er der mächtigste Mann eines Planeten werden will. Mit dem Präsidenten der USA wird es nämlich nichts: Musk ist gebürtiger Südafrikaner.    

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. Januar 2020 | 15:10 Uhr