Der Redakteur | 16.10.2020 Sperrstunde: Woher kommt der Begriff eigentlich?

Sperrstunden werden gerade verhängt und wieder aufgehoben. Aber was ist eine Sperrstunde eigentlich, fragt Werner Götze aus dem Wartburgkreis. Unser Redakteur Thomas Becker ist der Frage nachgegangen.

Ein halb geleertes Bier und andere benutzte Gläser stehen auf einem Tresen
Wenn die Sperrstunde beginnt, ist Schluss. Dann müssen die Gäste gehen. Bildrechte: dpa

Die Sperrstunde ist dank Corona wieder in unser Bewusstsein zurückgekehrt. Dabei war sie nie ganz weg. Teilweise werden auch die Begriffe Ausgangssperre und Sperrstunde gleichgesetzt und mitunter wird die Sperrstunde auch wörtlich genommen, nämlich dann, wenn sie tatsächlich eine Stunde dauert. In anderen Fällen ist die Stunde gemeint, ab der eben Schluss ist mit lustig. Dass das Virus jedoch zu fortgeschrittener Stunde ansteckender wird, ist nicht verbrieft und so sind die Gastronomen in Deutschland nicht begeistert von der aktuellen Idee. Auch das Berliner Verwaltungsgericht nicht, das die wegen der Corona-Pandemie vom Senat beschlossene Sperrstunde in der Hauptstadt gekippt hat.

Das ist ja das gleiche Thema mit dem Beherbergungsverbot. Nirgends wird mehr Hygiene umgesetzt als in der Gastronomie und in der Hotellerie. Insofern braucht es keiner Regelung zu sagen, geöffnet bis 21, 22 oder 23 Uhr oder was auch immer. Und auch keine Regelung, den Alkoholausschank zu verbieten. Wir haben seit Mai Hygienekonzepte, die wir umsetzen und sind damit gut gefahren.

Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer DEHOGA Thüringen

Die Geschichte der Sperrstunde begann wohl im Mittelalter. Zumindest sind da die ersten Versuche dokumentiert, die oberflächlich betrachtet für eine gesittete Nachtruhe sorgen sollten. Verbrieft ist sie für München im Jahre 1310, schreibt Bernd Imgrund in seinem Buch "Eine kleine Geschichte der Kneipe".

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Münchner Erlass von 1310 zur Sperrstunde

"leitgeb" – kommt übrigens nicht von "de Leit", die vielleicht "gsuffa hamm" sondern von leit=Obstwein, der ausgegeben wurde. Und ein Leitgeb war jemand, den man heute Wirt nennen würde, der also Speisen und Getränke zum Direktverzehr verkauft hat. Man versuchte damals durch die Einführung einer Polizeistunde, zu der die Schankwirtschaften zu schließen hatten, der "Ansammlung von Gesindel" Herr zu werden.

Allerdings muss man wissen, dass der Begriff "policey" damals eine andere Bedeutung hatte als heute. Damit waren keine uniformierten Ordnungshüter gemeint, sondern das Regelwerk selbst. Demzufolge ist mit der "Polizeistunde" eher die "Stunde des Gesetzes" gemeint und der Passus mit den Schließzeiten war nur einer von vielen, sagt Hannes Obermair, Historiker aus Südtirol mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalgeschichte und Mittelalterforschung.

Im direkten Kontext stand zum Beispiel im 15.Jahrhundert die Prostitution als Problem, hinzu kamen unter anderem die schlechten Hygienebedingungen auf engstem Raum und das Sauberhalten der Abwasserkanäle, die alles enthielten, was nicht mehr gebraucht wurde. Die Frischwasser/Abwasserproblematik war ein häufiges Thema von Stadtratsbeschlüssen seiner Heimatstadt Bozen und nicht nur dort. Es war ein grundsätzliches Problem der Städte damals.

Eine mit Computer geschriebene Seite
Hannes Obermair: Schriftlichkeit und urkundliche Überlieferung der Stadt Bozen bis 1500. Bildrechte: Hannes Obermair

Hannes Obermair hat auch im Bayerischen und Österreichischen Hauptstaatsarchiv geforscht und Erkenntnisse zur den Sperrstunden sind in den Forschungen eher Beifang. Also hier scheint durchaus Platz zu sein für eine Dissertation "Die Sperrstunde im Wandel der Zeiten".

Die Erfindung der Sperrstunde - mittelalterliche Zustände

Um sich einmal kurz die Situation damals zu verdeutlichen: Eine Stadt lag gewöhnlich an einem Fluss und die Gesetze der Physik galten schon vor ihrer Beschreibung. Das heißt: Das Wasser, das die eine Stadt am Flussoberlauf verließ, kam in einer Ansiedlung weiter unten natürlich wieder an. Krankheiten, Seuchen und eine hohe Kindersterblichkeit waren demzufolge Alltag im Mittelalter. Und gegen die Pest und andere Epidemien half gar nichts, keine Maske, kein Händewaschen, Abstand zu halten war ohnehin nicht möglich. Trotzdem versuchte man, das Chaos zu regulieren. Und die in diesem Kontext entstandene Sperrstunde war auch nicht nur adressiert an ein paar Kneipengänger, die die Zeit vergessen hatten. Die Wirtschaften damals hatten weitreichendere Funktionen und waren somit auch viel besucht.

Sie waren wichtige Kommunikationsorte, Treffpunkte, wo auch gehandelt wurde, wo Verträge unterschrieben wurden oder Pfänder hinterlegt werden mussten. Diese zu schließen aufgrund der öffentlichen Sicherheit, das machte schon Sinn aus Sicht des obrigkeitsstaatlichen Denkens. 

Hannes Obermair, Historiker mit dem Schwerpunkt Stadt- und Regionalgeschichte

Denn eine Kontrolle der vielen Heimgänger war schwierig im Dunkeln. Demzufolge war die Sperrstunde auch an den Einbruch der Dunkelheit gebunden und nicht etwa an die Mitternachtsstunde. Und es kam noch ein wichtiger Aspekt dazu. Die innerstädtischen Häuserzeilen waren allesamt aus Holz. Und man kann sich gut vorstellen, dass zum Beispiel die Kombination Saufen und Rauchen sowie Heu und Stroh Gefahren mit sich brachte. Trotzdem dürften die Wirtschaften einer der wenigen Orte kurzer Freude gewesen sein im harten Alltag. Hannes Obermair spricht von einer "krisenhaften Gesamtsituation", die in Wirklichkeit wohl weder zu beherrschen, noch zu kontrollieren war. Es muss zum Beispiel bestialisch gestunken haben und die alltäglichen Zustände würden wir heute wohl als Katastrophe bezeichnen. Dabei verweist Hannes Obermair auch darauf, dass das alles unsere Vorfahren waren, die so leben mussten und dass der Abstand zum Mittelalter keine 20 Generationen beträgt.

Sperrstunde, Glockenstunde, Putzstunde, Zapfenstreich

1330 war es in Berlin soweit, dass nach der "Glockenstunde" die Wirtschaften dicht waren. Die Gäste offenbar auch, denn man sah sich genötigt, darauf hinzuweisen, dass es den Gästen verboten ist, auf dem Heimweg in den Straßen zu singen und zu tanzen. Das galt ausdrücklich für Mann und Frau. Die sogenannte Wein- oder auch Bierglocke findet sich so in verschiedenen Erlassen wieder. Wenn diese erklang, war Schluss. Vorher wurde noch einmal angekündigt, dass die Glocke bald ertönt, was zu einem erhöhten Bestellaufkommen führte.

So altertümlich die Geschichten rund um die Sperrstunde anmuten mögen, das Deutsche Gaststättenwesen kennt solche Regelungen bis heute. Grundlage ist der Paragraf 18 des bundesdeutschen Gaststättengesetzes, der die Verantwortung auf die Länder delegiert, die das auch den Kommunen überlassen dürfen. Und unabhängig von Corona wird davon auch Gebrauch gemacht.

Teilweise war die sogenannte Putzstunde das Thema, dass eine Stunde geschlossen werden muss, bevor wieder aufgemacht werden kann.

Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer DEHOGA Thüringen

Gewöhnlich liegt diese Putzstunde zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh und muss nicht zwingend mit dem Putzen verbracht werden, auch wenn das vielleicht mal so gedacht gewesen ist. Sie gilt unter anderem in Bayern, Baden-Württemberg oder Berlin. Auf jeden Fall ist die Uhrzeit aber schon sehr weit weg vom ursprünglichen Nachtgedanken, bei dem einst schon zum Sonnenuntergang "Zapfenstreich" war. Auch dieser Begriff ist dieser Thematik zugeordnet, der am Anfang auch noch ein ziviler Akt gewesen ist. So wurde der Überlieferung nach von einem städtischen Beamten oder dem Wirt mit einem Säbel oder Stock symbolisch über den Zapfen gestrichen. Zum letzten Becher hat man spezielle Lieder gesungen, bis dann die Glocke ertönte. Da stets auch die Soldaten soffen, wurde der Begriff ins Militärlager übernommen und soll dort nun für Ruhe im Glied sorgen. Stillgestanden! Beziehungsweise stillgelegen in diesem Falle.  

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 16. Oktober 2020 | 15:20 Uhr

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