Der Redakteur | 22.10.2021 Hitze, Herbststurm, Russlandpeitsche: Wie viel Wetter-Warnung ist genug?

Haben wir es verlernt, ganz normal mit dem Wetter umzugehen? Wie viel Warnung muss sein und wo fängt Alarmismus an? Unser Redakteur Thomas Becker hat sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Ein Auto fährt unter einem Himmel voller dunkler Wolken über einen Landstraße
Wie viel Wetter-Warnung ist genug? Bildrechte: dpa

Frühling, Sommer, Herbst und Winter - das waren einst die ärgsten Feinde der Deutschen Reichsbahn. Von daher wollen wir nicht so tun, als ob früher alles besser war. Es war einfach anders. Unsere hochtechnisierte Welt ist auch empfindlicher geworden. Eine leichte Instabilität im Stromnetz hätte früher die 60-Watt-Glühlampe mal kurz flackern lassen, heute stürzen vielleicht gleich Rechner und Router ab - und weil dahinter auch alles digital ist, läuft dann eben auch mal gar nichts mehr. Auch nicht bei der Bahn. Wo früher keine Oberleitungen waren, konnten auch keine Bäume oder Äste drauffallen.

Das Störgeschehen war gestern sehr kleinteilig und über den ganzen Tag verteilt. Dennoch ist es heute Morgen gelungen, auf den meisten Strecken, wenn auch gelegentlich mit Einschränkungen, wieder zu fahren.

Schriftliche Stellungnahme der Deutschen Bahn

Für solche Wetterereignisse gibt es selbstverständlich Pläne, die dann umgesetzt werden.

Und wenn es an vielen Orten gleichzeitig Störungen gibt, machen sich vielleicht auch die nicht mehr vorhandenen Bahnmeistereien bemerkbar. Deren Dichte war früher groß – was auch daran lag, dass viel noch per Hand überwacht und gewartet wurde – aber im Notfall waren eben dann auch die Leute schnell verfügbar. Die Bahn verwies allerdings in ihrer Stellungnahme auf die moderne Spezialtechnik, die DB Netz, DB Bahnbau und DB Fahrwegdienste bereithalten und darauf, dass man gegebenfalls auch THW- und Feuerwehrhilfe in Anspruch nimmt.

Hinzu kommt, dass unsere zarten Triebwagen mit ihrer energetisch und auch sonst sinnvollen Leichtbauweise nun auch nicht gerade geeignet sind, sich das Gleis selbst frei zu räumen. Das war früher einmal anders. Theoretisch, ob es nun Alltag war, das wissen nur die, die dabei waren.

So eine russische Diesellok ist eben einfach auch mal durch eine Baumkrone durchgefahren. Und dann haben die nur gesagt, wenn ihr mal Zeit habt, könnt ihr die Hackschnitzel hier wegräumen.

Herr S., Eisenbahner und Lokführer aus Leidenschaft

Nur hat eine russische Diesellok natürlich auch ordentlich Masse mitgebracht, mehr als 100 Tonnen Eigengewicht plus 4.000 Liter Diesel plus hunderte Liter Motoröl, die sie erst spazieren gefahren und dann durch den Auspuff geblasen hat. Dafür gibt es heute keinen Umweltengel mehr.

Wie viel Panik hätten Sie gern?

Nun soll es auch Zeiten gegeben haben, da war die Ruhe vor dem Sturm das letzte Warnzeichen für die Landbevölkerung. Wer das nicht wahrgenommen hat, der hatte Pech und galt nachfolgenden Generationen vielleicht als mahnendes Beispiel, wenn es ihn vom Berggipfel hinweggefegt hat. Heute sind uns die Fähigkeiten, die Natur zu deuten, etwas abhanden gekommen. Wir verlassen uns auf Handy-Apps und Medienmeldungen und beschweren uns, wenn diese nicht zutreffen. Hier verweist Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst aber darauf, dass über unseren Köpfen ein chaotisches System aktiv ist, dessen Auswirkungen wir quasi in Echtzeit ausrechnen.

Wetterkarte Europa 9 min
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Redakteur Thomas Becker im Gespräch mit dem Meteorologen Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 22.10.2021 15:40Uhr 09:24 min

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Dass das auch einmal nicht auf den Kilometer genau gelingt oder mitunter auch mal komplett fehlschlägt, das liegt in der Natur der Sache. Die Wissenschaftler sind damit zwar unzufrieden, akzeptieren es aber. Im Gegensatz zu vielen Schlaumeiern, die sich regelmäßig an den Deutschen Wetterdienst wenden und auch schon mal ihre Hilfe anbieten, weil sie die Wettersituationen schon Tage im Voraus zuverlässig in den Knochen spüren. Noch ist der DWD aber nicht bereit, daraus eine Vorhersage zu basteln oder gar Warnmeldungen herauszugeben. Diese werden übrigens auch nicht ausgewürfelt, sondern folgen strengen Richtlinien, die erfahrungsbasiert und verbindlich festgelegt sind.

Das ist zusammen mit den Katastrophenschutzbehörden in Deutschland gemacht worden. Man weiß ja aus Erfahrungen, wann es für die Infrastruktur in Deutschland gefährlich wird, oder wann sogar Menschenleben in Gefahr sind. Deshalb sind bestimmte Regeln festgelegt worden, ab wann dann zum Beispiel die Unterwetterschwelle gilt. Und das ist eben bei Wind die Windstärke 11 ab 105 Stundenkilometern, wenn wir dort Böen erwarten, dann geben wir für die Region eine Unwetterwarnung heraus.

Dr. Andreas Friedrich, Deutscher Wetterdienst

Diese wird dann in das bundesweite Warnsystem eingespeist, an das dann zum Beispiel Warn-Apps wie NINA angeschlossen sind, aber auch Behörden, Firmen, Energieversorger oder eben die Medien. Unsere Aufgabe ist es dann zum Beispiel, diese Warnmeldung zu veröffentlichen, in Abhängigkeit von der Dringlichkeit auch sofort und gegebenenfalls in dichter Folge wiederholt. Am gestrigen Tag war zum Beispiel neben den Wetterwarnmeldungen noch eine Meldung aktiv, die von der Leitstelle Börde in Sachsen Anhalt herausgegeben wurde. Der Inhalt: "Rauchentwicklung aufgrund eines Elektroschrottbrandes im Gewerbegebiet Barleben".

Sturmschäden in einem Dorf auf einem Spielplatz, Feuerwehrleute beim beseitigen
Beseitigung der Sturmschäden vom Donnerstag in Blankenhain. Bildrechte: MDR/Stefan Eberhardt

Dazu gab es Handlungsempfehlungen für die Bevölkerung der Gemeinden Barleben und Niedere Börde. Es liegt auf der Hand, dass diese Meldung von den Kollegen in Sachsen-Anhalt gesendet wurde, von uns jedoch nicht. Solche Entscheidungen, ob eine Meldung für unsere Hörer und Nutzer relevant ist, müssen wir täglich treffen und befinden uns damit ständig im Spannungsfeld zwischen Panikmache und Informationspflicht. Die Warnhinweise des Deutschen Wetterdienstes gehen übrigens auch über das rein Fachliche hinaus und enthalten nachvollziehbare Einordnungen für den interessierten Laien.

Wir schreiben immer rein, was es für Folgen hat. Also sollte man Sachen in Sicherheit bringen, weil Bäume umstürzen können oder Gartenmöbel durch die Luft fliegen. Also diese Auswirkungen werden immer berücksichtigt bei den Texten, die rausgehen.

Dr. Andreas Friedrich, Deutscher Wetterdienst

Solche konkreten Hinweise sind für die betroffene Bürger vielleicht recht hilfreich, nicht aber für eine Kranfirma, die zum Beispiel an bestimmte Windstärken konkrete Handlungsanweisungen für ihre Mitarbeiter gebunden hat. Auch deshalb sind die Warnmeldungen so wichtig. Vielleicht waren die Schäden in Deutschland letztlich vergleichsweise gering, weil die Warnungen diesmal genau richtig lagen. Und vielleicht ist gestern in Thüringen so mancher Baum recht einsam umgefallen, ohne jemanden zu treffen, weil viele Menschen einfach zu Hause geblieben sind.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 22. Oktober 2021 | 15:40 Uhr

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