Der Redakteur | 07.10.2020 Müssen Windräder nach 20 Jahren abgebaut werden?

Gunhild Chilian aus Ilmenau hat gefragt: "Viele Windkraftanlagen werden bereits 20 Jahre alt. Ich habe gehört, dass dann die Förderung ausläuft und viele Anlagen in Thüringen abgerissen werden müssen. Warum? Diese Windräder produzieren doch weiterhin Strom. Man denke zum Beispiel auch an die riesigen Fundamente, werden die auch zurückgebaut oder eventuell wieder genutzt?"

Windenergieanlagen im Morgennebel
Die Akzeptanz in der Bevölkerung für Windräder sinkt, je näher diese an den eigenen Wohnort heranrücken. Bildrechte: dpa

Sauberer Strom aus Wind, unerschöpflich, emissionsfrei  und nahezu kostenlos –  das könnte so einfach sein, ist es aber nicht. Das geht damit los, dass sich Befürworter und Gegner oft auf Nebenkriegsschauplätzen bekämpfen, mit mehr oder weniger widerlegbaren Argumenten.

Flächen für Windräder sind rar

Im Ergebnis fehlen mitunter schlicht die Flächen für Windräder. Vieles sind Stellvertreterkriege, mit teilweise skurrilen Allianzen. Dabei läuft die Diskussion ebenso heiß wie ein defektes Windrad, das auch schon mal brennend zu Boden geht und so zu einem weiteren Symbol wird für eine Technologie, die – so ähnlich kann man es nachlesen – sämtliches Leben in der Luft für immer zerstört einschließlich der Kulturlandschaft und des Wetters. Doch darum geht es in der heutigen Frage nicht.

In diesem spannungsgeladenen Umfeld sind mittlerweile 20 Jahre ins Land gegangen und es stellt sich bei vielen alten Windrädern die Frage, wie wirtschaftlich sind sie, wenn die Förderung ausläuft? Könnten die sich nicht einfach ewig weiter drehen? Leider nicht so einfach.

Windräder sind schwankungsanfällige Energiequellen

Zunächst ist die Frage der Energiesicherheit natürlich existenziell für ein Land. Wir sind dabei, die Stecker bei Atomkraftwerken und Kohlekraftwerken zu ziehen, die für die Umwelt aus verschiedenen Gründen nicht die beste Lösung sind. Sie haben aber den großen Vorteil, dass sie eine ziemlich stabile und berechenbare Stromversorgung garantieren. Und die brauchen wir für unsere empfindliche Technik heute.

Wenn wir uns das Stromaufkommen wie eine große Badewanne vorstellen, in die alle Stromproduzenten ihren Strom einlaufen lassen, dann sollte oben immer genauso viel Strom "reinlaufen" wie unten abgezapft wird. Die Mechanismen, die das und damit die Netzstabilität garantieren, sind komplex. Und angesichts zunehmender schwankungsanfälliger Energiequellen (Wind, Sonne), bekommen Speichermedien eine immer größere Bedeutung. Viele davon sind aber noch im Forschungsstadium bzw. noch nicht wirklich massentauglich wie die Speicherung der Energie in Form von Wasserstoff.

Nach 20-Jahren kommt der Windrad-TÜV

Nun haben wir bei den Windrädern die Situation, dass hier zwei 20-Jahres-Zeiträume aufeinandertreffen, die nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben. Also nur weil die Förderung über das Erneuerbare Energien Gesetz nach 20 Jahren ausläuft, fällt das Windrad ja nicht automatisch in sich zusammen.

TÜV-Plakette
Es ist wie beim Auto: Wenn der TÜV etwas findet, wird's schonmal teuer. Bildrechte: imago/localpic

Aber - da sind wir fast beim Auto - es gibt auch bei Windrädern einen Zeitraum, in dem diese sozusagen vom TÜV nicht belästigt werden. Ein Neuwagen muss ja auch erst nach drei Jahren wieder auf die Hebebühne, ein Windrad  muss eben nach 20 Jahren erstmals einer großen Weiterbetriebsprüfung unterzogen werden.

Kostenpunkt: Erheblich, wir sind im fünfstelligen Bereich. Bis dahin sind "nur" kleinere Zwischenprüfungen vorgeschrieben, Reparaturen sind mitunter die Folge und ein Windrad ist eine technische Anlage, die regelmäßig gewartet werden muss.

Da Windräder größeren Lasten ausgesetzt sind, muss zum Beispiel  die Standsicherheit nach 20 Jahren wieder nachgewiesen werden. Das ist aber eher zufällig, dass das nach 20 Jahren wieder der Fall ist, bei neueren Anlagen gibt es diese Typprüfung auch nach 25 Jahren oder länger.

Dr. Dirk Sudhaus, Forschungskoordinator Fachagentur Windenergie an Land e.V.

Nun kommt noch ein weiterer Zufallsfaktor hinzu. Die Einkaufspreise am Markt - nicht nur für den relativ instabilen Windstrom - sind der angesichts coronabedingten Nachfrageschwäche gesunken. Dabei liegen sie ohnehin auf einem relativ niedrigen Niveau.

Neue Windräder sind effizienter und sehen besser aus

Wer nach Auslaufen der Förderung nur noch 2 Cent pro Kilowattstunde bekommt und damit weniger als ein Drittel im Vergleich zu früher, der muss genau schauen, ob er damit die Kosten für Wartung und Prüfungen überhaupt noch hereinbekommt. Und so kann es sein, dass Stilllegung und Abbau wirtschaftlicher sind als ein ruinöser Weiterbetrieb.

Das ist wie ein Auto, das nach 20 Jahren einen neuen Motor bräuchte, der aber mehr kostet, als das Auto mit neuem Motor am Ende wert ist. Zumal Windräder neueren Typs deutlich effizienter sind und optisch weniger stören. Das weiß kaum jemand besser als die PNE AG, die als börsennotierter deutscher Windpark-Projektierer Windparkprojekte an Land sowie auf See plant und umsetzt.  

Sie können sieben Anlagen durch eine Anlage ersetzen, wenn Sie ältere Anlagen haben, sogar noch mehr.

Markus Lesser, Vorstandsvorsitzender der PNE AG

Wenn vor Ort alle mitspielen. Nun klingt es auf den ersten Blick überzeugend, wir setzen einfach einen neuen Kopf auf den alten Turm oder einen neuen Turm auf das alte Fundament und schon ist das Problem gelöst. Aber so einfach ist es nicht.

Neubau am alten Standort oft nicht möglich

Die Windräder von heute sind z.B. auch deshalb effektiver, weil sie höher sind und längere Rotorblätter haben. Und ich kann auch keinen Wolkenkratzer auf das Fundament eines alten Bauernhauses setzen. Während Baugenehmigung und Bebauungsplan ein Haus in Bauernhausgröße noch zulassen, ist der Wolkenkratzer eben nicht genehmigungsfähig. Zum Beispiel auch, weil sich die zulässigen Abstandflächen verändert haben oder die zulässigen Emissionswerte. 

Also muss ein anderer Platz her und diese Plätze sind rar. Und mitunter hat sich die Natur am alten Standort so prächtig entwickelt, dass genau dieser Zustand einen Neubau verhindert.

Ein Großteil der Neuanlagen, die Altanlagen ersetzen könnten, scheitert aus naturschutzfachlichen Gründen. Und das bei einer hohen Akzeptanz bei der Bevölkerung. Und dann gibt es viele Flächen, die durchaus eine Rolle spielen könnten, die bislang noch nicht so richtig herangezogen wurden.

Markus Lesser, Vorstandsvorsitzender der PNE AG

Je näher an der eigenen Haustür, desto größer der Widerstand

Da spielt auch eine Rolle, dass zwar ein Großteil der Bevölkerung – die Umfragen sprechen von 80 Prozent – die Windkraft als saubere Möglichkeit der Stromproduktion ansieht, aber je näher das Windrad an die eigene Haustür heranrückt, umso stärker werden die Berührungsängste.

Und das hat auch etwas damit zu tun, dass dann stets ein Wettbewerb der Argumente beginnt, der nicht nur von den Betroffenen geführt wird, sprich von den Planern und Betreibern und den Menschen der Region. Und da ist es ungünstig, wenn man dieses gemeinsame "Kennenlernen" immer wieder von vorn beginnen muss, weil die Bestandsflächen nicht gehalten werden können und man sich neue Flächen suchen muss. Und das Problem wird zunehmen.

Wir haben in einer Studie 2018 herausbekommen, dass das ungefähr 40% der Leistung betrifft, die bis 2025 die 20 Jahre überschreiten wird, also aus der Förderung herausfallen wird.

Dr. Dirk Sudhaus, Forschungskoordinator Fachagentur Windenergie an Land e.V.

Abriss nach 20 Jahren nicht unwahrscheinlich

Was folgt, ist der Abriss. Und zwar immer dann, wenn sich niemand findet, der den Strom zu einem Preis abnimmt, der das alte Windrad wirtschaftlich macht und der eben etwas höher ausfallen kann als der Preis, der an der Börse gezahlt werden würde.

Tatsächlich gibt es aber solche Modelle, zum Beispiel wenn Firmen mit Ökostrom produzieren wollen oder müssen, weil das die Kunden verlangen. Hier wären das Windrad nebenan und der Strom aus der Region natürlich ein gutes Argument. Wenigstens können die meisten Bauteile ganz gut recycelt werden oder sie finden Abnehmer weiter östlich, wo man damit Inselanlagen baut ohne Durchleitungsgebühren und Steuerlast, weshalb man einen respektablen Strompreis abbilden kann.

Stahl und Beton sind ohnehin das geringste Problem bei der Wiederverwertung, bei den Rotorblättern, die aus Verbundmaterial bestehen, ist die Angelegenheit schon etwas komplexer. Auch wenn man bei der Produktion noch nicht zwingend an das Recycling gedacht hat, so ist es unterm Strich mittlerweile technisch gelöst und somit ist die Entsorgungsproblematik nicht vergleichbar mit den Altlasten, die uns die Atomkraft hinterlässt. Ob nun aber die vielen Altanlagen in den kommenden Jahren tatsächlich in Größenordnungen abgerissen werden müssen oder ob sich andere Lösungen finden, das weiß im Moment allenfalls der Wind.

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 07. Oktober 2020 | 15:00 Uhr

6 Kommentare

Eulenspiegel vor 49 Wochen

Müssen Windräder nach 20 Jahren abgebaut werden?
Natürlich nicht.
Bei der Windenergie sind die Investitionskosten ungewöhnlich hoch und dafür die Betriebskosten fast gleich Null. Nach 20 Jahren sind die Investitionskosten längst abbezahlt und somit machen Die Windräder dann auch ohne EEG Gewinn.

Eulenspiegel vor 49 Wochen

Ja wir haben vor 20 Jahren angefangen mit dem EEG ganz gezielt eine bestimmte Form der Stromerzeugung die aus ökologischer Sicht sinnvoll ist die aber zu der Zeit absolut nicht Wettbewerbsfähig war eine eine Anschubfinanzierung zukommen zu lassen. Wir haben aber schon mit der Einführung des EEG einen gravierenden Fehler gemacht. Während Kohle und Kernenergie über Steuermitteln subventioniert wurden sollten die Mehrkosten für das EEG, das ja sowieso Zeitlich begrenzt war, auf den Strompreis aufgeschlagen werden. Das erweckte natürlich den Eindruck die Windenergie sei teurer.
Aber in den 20 Jahren hat sich viel verändert. Die damals gebauten Windanlagen sind Heute total veraltet und ineffizient. Die Heutigen Anlagen sind wesentlich effizienter. In den 20 Jahren wurde auch mehrfach die garantierten Strompreise für die Betreiber deutlich gesenkt. Das EEG hat weitgehend seinen Zweck erfüllt.

TomTom vor 49 Wochen

Sie haben den Artikel aber schon gelesen, oder?