Der Redakteur | 14.01. 2019 Sie oder Er? Wie werden Intersexuelle korrekt angesprochen

Michael Liening aus Drei Gleichen möchte wissen, wie Menschen, die sich weder als Mann oder Frau verstehen, korrekt angesprochen werden. Er, Sie, Es oder besser Sier? Die ultimative Antwort darauf gibt es (noch) nicht.

von Thomas Becker

Intersexuell bedeutet „zwischen den Geschlechtern“, erklärt Professor Heinz-Jürgen Voss, Sexualforscher an der Hochschule Merseburg. Wobei es viele verschiedene Formen gibt, die teilweise fließend ineinander übergehen, sodass wir mit unserem Hang zu einer Entscheidung ja/nein oder schwarz/weiß eben unzufrieden zurückbleiben. Wir kennen die Definition weiblich mit den zwei X-Chromosomen, wie kennen X und Y für den Mann und wir möchten doch bitte eine klare Entscheidung. Doch das "Unentschieden" ist eben nicht auf den Fußball beschränkt. Und die Abweichungen von der durch uns gesetzten Norm sind so vielfältig wie die Ursachen.

Intersexualität fasst sehr unterschiedliche klinische beziehungsweise biologische Phänomene zusammen. Dazu gehören Abweichungen der Geschlechts-Chromosomen oder genetisch beziehungsweise medikamentös bedingte hormonelle Entwicklungs-Störungen. All das kann zu Störungen bei der Entwicklung der Genitalien und anderer Organe führen. Und am Ende ist die unzutreffende Anrede im Schriftverkehr bestimmt nicht das größte Problem. Auch Hänseleien oder Beleidigungen wiegen da deutlich schwerer als ein sprachlicher Fehltritt aus Unwissenheit. Und Operationen im Kindesalter, die der Normangleichung dienen, erst recht.

Aus meiner Sicht ist es ein Skandal in diesem Land, dass tatsächlich nach wie vor pro Jahr etwa 500 Kinder geschlechtlich zugewiesen werden, also auch operativ. Nur weil sie nicht wie ein Mädchen oder ein Junge aussehen. Damit sind häufig große Traumatisierungen verbunden. Wir müssen solche geschlechtszuweisenden Maßnahmen verbieten, die alleine kosmetischen Zwecken dienen. Das wäre das Vordringliche, die Sprache kommt danach.

Heinz-Jürgen Voss, Sexualforscher Hochschule Merseburg

Zudem steigt die Verunsicherung, je mehr man sich in das Thema hineindenkt. Wie beim Thema Datenschutz, wo in vorauseilendem Gehorsam die skurrilsten Auslegungen entstehen, treibt auch das Thema "divers" diverse Blüten. Zum Beispiel bei Ausschreibungen, die ja in den letzten Jahren gerne in weiblicher Form daherkamen. Es wurde also zum Beispiel nach "Bewerberinnen" gesucht, auch wenn Männer ebenfalls willkommen waren.

Wir hatten da eine ganze Weile die Errungenschaft, dass die Geschlechter beide angesprochen wurden und da sehe ich persönlich gerade einen Rückschritt, weil die männliche Form genommen wird und dann in Klammern (w, m, d) geschrieben wird."

Manuela Hansel, Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros

Wird der "Geschlechterkampf" also nun zum Dreikampf? Um Gottes willen. Nicht, dass wir am Ende noch die menschliche Entstehungsgeschichte umschreiben müssen. Adam und Eva und ??? Fakt ist aber, das Ende der Fahnenstange ist bei diesem Thema noch längst nicht erreicht, zumal auch das Gesetz von den Betroffenen als unzureichend bewertet wird. Denn es verlangt von ihnen, die körperliche Uneindeutigkeit nachzuweisen.

Das ist weit weg von dem, was ursprünglich von den Aktivistinnen anvisiert war, die beim Bundesverfassungsgericht Klage eingereicht hatten. Alle Personen, die aus den verschiedensten Lebenshintergründen heraus diese dritte Option für sich in Anspruch nehmen wollen, sollten das auch können. Das hat man eben sehr stark beschnitten."

Alexander Naß, Trans-Interaktiv in Mitteldeutschland
Grafik zur Illustration der ungleichen Geschlechterverteilung im Fernsehen 3 min
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Manuela Hansel von der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen ordnet den Begriff "divers" ein.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 14.01.2019 15:45Uhr 03:20 min

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Noch gibt es keine Lösung für die richtige Anrede der Menschen, die nun unter "divers" fallen. Aktuell, sagt Alexander Naß, beschäftigen sich aber tatsächlich Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen damit, Worte zu finden, die besser sind als irgendwelche Sternchen zu setzen. Und ein geeignetes Personalpronomen gibt es auch noch nicht für Menschen, die eben nicht exakt männlich oder weiblich sind, sondern irgendwo dazwischen oder nicht einmal das.

Das "Es" wird übrigens als ungeeignet und unwürdig empfunden. Bleiben "er" und "sie" und "sier" vielleicht? Das jedenfalls ist ein Vorschlag von Professor Voss. Ob sich so etwas durchsetzt über Formulare hinaus, das ist eine ganz andere Frage. Zumal es – wie dargestellt – ganz sicher größere Probleme zu bewältigen gibt. Stichwort Operationen bei Kindern. Doch so wie mancher "Herr Doktor" Wert darauf legt, auch als solcher angesprochen zu werden, fordern auch Intersexuelle Respekt ein"

Das richtige Ansprechen und Anschreiben ist für die Betroffenen schon wichtig, weil man damit auch einen gewissen Respekt zeigt. Und sie fühlen sich dann auch akzeptierter.

Raffaela, Selbsthilfegruppe TransJena
Silhouette von Frau und Mann Rücken an Rücken mit Transgender-Symbol 4 min
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Wie spricht man Menschen an, die sich weder als Mann noch als Frau definieren. Wir sprachen darüber mit Raffaella von der Selbsthilfegruppe "TransJena"

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 14.01.2019 15:50Uhr 03:58 min

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. Januar 2019 | 16:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2019, 20:28 Uhr

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