Kulturnacht | 27.09.2020 | ab 22:05 Uhr 30 Jahre Deutsche Einheit: Ist der Blick auf Ostdeutschland durch den Westen geprägt?

Die Berichterstattung über Ostdeutschland bildet die Lebenswirklichkeit nicht ab, darüber sind sich Experten und Medienmacher mit ostdeutscher Biografie einig. Die Berichterstattung sei oftmals klischeehaft und negativ. Welche Ursachen gibt es dafür? Welche Rolle spielen die Ereignisse 1989/1990? Die Kulturnacht von MDR THÜRINGEN begibt sich auf Spurensuche.

Berichterstattung über Ostdeutschland
Die Berichterstattung über Ostdeutschland ist oft nur anlassbezogen, zu Wahlen, bei Ausschreitungen oder Jubiläen, lautet ein Vorwurf. Bildrechte: MEDIEN360G/Stefan Gehrhardt

Provokant und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen sagt die Chefredakteurin von ze.tt Marieke Reimann: "Wir sind doch nicht in Sibirien…", wenn es um die Haltung westdeutscher Journalisten in Bezug auf den Osten geht. Der Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange empfindet die aktuelle  Zeitungslektüre als bedrückend. Wenn Ostdeutschland als "Dunkelland und mit Nazis gleichgesetzt wird" sei das für ihn nicht akzeptabel.

Die Berichterstattung ist oft nur anlassbezogen, zu Wahlen, bei Ausschreitungen oder Jubiläen. Positive Geschichten - wie die von Chemnitz von der heruntergewirtschafteten Stadt am Ende der DDR zur Bewerberin für den Titel Kulturhauptstadt Europas - finden sich nicht in den großen westdeutschen Zeitungen wieder, konstatiert der Chefredakteur des Focus Robert Schneider. Der gebürtige Leipziger saß auch bei der Super Illu im Chefsessel und wollte da nicht über, sondern für die Menschen im Osten berichten.

Der große Coup der Westverlage

Bereits kurz nach der Maueröffnung gelangten die ersten Westzeitungen in die DDR. Bis dahin kamen höchstens mal einzelne Exemplare beispielsweise der "Bravo" im Westpaket in den Osten. Anfang 1990 überschwemmten die vier großen Verlage Springer, Bauer, Burda und Gruner&Jahr die DDR mit ihren Zeitungen. Es seien bedrückende Szenen gewesen, wie sich die Menschen um die Zeitungsfreiexemplare, die vom Lkw herunter verteilt wurden, rissen, sagt Dr. Judith Kretzschmar von Leipziger Institut für Heimat- und Transformationsforschung.

Die Verlage bereiteten schon im Winter 1989/1990 zielstrebig die Übernahme der SED-Bezirkszeitungen vor. Die seien die "Rosinen" im Kuchen der DDR- Zeitungen gewesen, so Kretzschmar. Denn obwohl der Nachholbedarf an bunten Presseerzeugnissen groß war, blieben viele Leser ihrer Regionalzeitung treu. Somit sei ein Monopol durch ein anderes abgelöst worden.

Neuer Blick nötig

Es reiche nicht, wenn die großen Zeitungen eine Korrespondentenstelle in Dresden oder Leipzig schaffen, sagt Marieke Reimann und fordert eine neue, differenzierte Sicht auf die Bundesländer im Osten der Republik. Auch die Erforschung und Offenlegung der Privatisierung der DDR-Zeitungen gehören dazu. Die Rolle der Treuhand und der Politik müsse an die Öffentlichkeit getragen werden. In die Sicht auf den Osten müsse die Lebensleistung der Ostdeutschen, die in kürzester Zeit eine große Menge Veränderungen und Umbrüche meistern mussten, mehr berücksichtigt werden, wünscht sich Dr. Judith Kretzschmar.

Mit dem Blick der Medien auf Ostdeutschland 30 Jahre nach der Wende befasst sich die Kulturnacht von MDR THÜRINGEN am Sonntag, dem 27. September, ab 22:05 Uhr.

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Kulturnacht | 20. September 2020 | 22:10 Uhr