Nationalpark Hainich Bäume.
Im Hainich können Besucher die Shinrin-Yoku-Therapie anwenden. Sie hilft zu entspannen und das Immunsystem zu aktivieren. Bildrechte: imago/blickwinkel

Servicestunde | 16.04.2019 Waldbaden: Japanische Therapie in Thüringen

Shinrin-Yoku - "Waldbaden" wird in Japan und in den USA schon als Therapie verschrieben. Es hilft Menschen, die unter Stress leiden. Schon ein zwanzigminütiger Waldspaziergang verbessert die Blutwerte. Vorausgesetzt, man ist bewusst bei der Sache und wird nicht durch Handy oder Gespräche abgelenkt. In Deutschland ist das "Waldbaden" mittlerweile auch "im Kommen". Angeboten wird es beispielsweise im Hainich. Hainich-"Waldbade"-Meister Jürgen Dawo erklärt, wie es funktioniert.

Nationalpark Hainich Bäume.
Im Hainich können Besucher die Shinrin-Yoku-Therapie anwenden. Sie hilft zu entspannen und das Immunsystem zu aktivieren. Bildrechte: imago/blickwinkel

"Waldbaden" liegt voll im Trend. Allerdings konnte bisher keiner die richtige Dosis benennen, wie viel Wald für den gewünschten Effekt, sprich Entspannung und Entschleunigung, eingeplant werden sollte. Jetzt ist es raus: Mindestens 20 Minuten sollte der Natur-Ausflug dauern - und zwar täglich. Das jedenfalls rät Dr. Mary Carol Hunter von der Universität Michigan, die im Fachmagazin "Frontiers in Psychology" das Ergebnis ihrer Studie veröffentlicht hat.

Seit den 1980er-Jahren wird dieses Phänomen aus verschiedenen Perspektiven erforscht. Ärzte, Landschafts- und Umweltmediziner, Ökopsychosomatiker und Wildnispädagogen zum Beispiel untersuchen, warum uns der Wald so gut tut, und warum er vermutlich sogar vor Krebs schützen kann. Einer der Ersten war der schwedische Arzt Roger Ulrich, der 1980 belegen konnte, dass schon der Anblick eines Baumes aus dem Krankenhausfenster dafür sorgt, dass Patienten schneller gesund werden. Dieses Ergebnis wurde in der Wissenschaftszeitschrift "Science" veröffentlicht und von anderen Forschern geprüft.

Der Biophilia-Effekt

Der österreichische Biologe Clemens Arvay hat sich intensiv mit den Untersuchungen zur Heilkraft des Waldes beschäftigt und dazu das Buch "Der Biophilia-Effekt" veröffentlicht. Er erklärt, warum das "Waldbaden" überhaupt wirkt.

Im Wald kommunizieren Pflanzen untereinander. Sie schütten chemische Verbindungen aus, sogenannte Terpene, und geben sie an die Luft ab. So warnen sie andere Pflanzen vor Angreifern oder Schädlingen, die daraufhin ihr Immunsystem hochfahren, um sich zu schützen.

Clemens Arvay, Biologe und Autor
Clemens Arvay
Clemens Arvay, Biologe und Autor Bildrechte: MDR/ Lukas Beck

Das ist wissenschaftlich belegt. Inzwischen sind ca. 40.000 dieser "Pflanzenvokabeln" sogar entschlüsselt worden. Auch wir Menschen empfangen diese Signale, wenn wir durch den Wald gehen und auch unser Immunsystem reagiert darauf, indem es aktiv wird. Das haben Forscher der Nippon Medical School in Tokio herausgefunden.

Wald schenkt innere Ruhe

Waldatmosphäre mit Vogelgezwitscher und dem leisen Murmeln eines Wasserlaufs aktiviert auch den Parasympatikus, den sogenannten Ruhenerv. Er ist für Stoffwechsel, Erholung und den Aufbau körpereigener Reserven verantwortlich. Im Wald sorgt er also dafür, dass die Stresshormone zurückgefahren werden und der Blutdruck sinkt. Ein Geschenk für Burnout-Patienten und alle, die sich gestresst fühlen.

Waldbaden ist eine Therapie

All diese Effekte des "Waldbadens" sind wissenschaftlich belegt. Die einzelnen Studien führt Clemens Arvay in seinem Buch an. In Japan übrigens ist die Waldmedizin eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin, die an Universitäten und Hochschulen gelehrt und die weiter erforscht wird. Das "Waldbaden" ist sowohl in Japan als auch in den USA eine von den staatlichen Behörden anerkannte Therapie.

Die Medizin der Zukunft sollte den Menschen als das betrachten, was er eigentlich ist: ein Naturwesen, das untrennbar mit seiner Umwelt verbunden ist.

Clemens Arvay, Biologe und Autor

Auch an der Universität Rostock wird derzeit ein zertifizierter Ausbildungsgang zum Waldtherapeuten entwickelt. Spaziergänge durch den Wald, verbunden mit Atemübungen und Meditation, sind die wichtigsten Faktoren dieser Waldtherapie. Den ersten anerkannten Heilwald gibt es auf der Insel Usedom.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 16. April 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 05:00 Uhr