Namenforscher Prof. Jürgen Udolph
Bildrechte: MDR/Romy Miska

Namenforschung Interview mit Professor Dr. Jürgen Udolph

Namenforscher Prof. Jürgen Udolph
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Woher kommt das offensichtlich große Interesse an der Herkunft und Bedeutung von Namen?

Das begann etwa vor zwölf Jahren in Berlin. Ein Sender hatte die Idee, eine Sendung über Familiennamen zu machen. Das hat sich dann zu einem Renner entwickelt. Inzwischen können wir in ganz Deutschland über Namen berichten. Die Menschen interessiert das. Sie hören, dass da jemand ist, der Namen erklären kann. Das bringt das gesteigerte Interesse mit sich.

Fangen wir mit den Thüringer Ortsnamen an - woher kommen Erfurt, Gera, Suhl?

Erfurt ist ein alter Flußname. Er bedeutet "brauner Fluß". Suhl ist ebenfalls ein Flußname. Suhle, Suhlen bedeutet schmutzig, morastig, das ist der Sinn dieses Namens. Gera ist ein Problem für uns. Es gibt mehrere Flüsse, die so heißen. Wir dürfen im Moment keine Auskunft geben, sind noch in der Forschung mit dem Namen beschäftigt.

In Thüringen gibt es viele Orte mit "-leben" am Ende - Bindersleben oder Ebeleben. Warum?

Es gibt etwa 200 Ortsnamen, die "leben" enthalten. Es ist ein altgermanisches Element, das mit dem Leben nichts zu tun hat. Es kommt von "leif", ein altes Wort für Besitz, Eigentum. Im ersten Teil steht immer ein Personenname - also "Besitz, Eigentum des Soundso".

Und Worte mit "-worbis" am Ende - Breitenworbis, Kirchworbis?

Die zweite Silbe ist niederdeutsch für Bach. Im ersten Teil findet sich ein Wort für "winden". Worbis heißt also "windungsreicher Bach". Allerdings sehr verschliffen.

Gibt es Familiennamen, die besonders oft oder ausschließlich in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vorkommen?

Lehmann und Richter sind sehr häufige Namen. Außerdem gibt es oft Namen mit "-tzsch".

Wie gehe ich vor, wenn ich die Bedeutung meines Namens auf eigene Faust entschlüsseln will?

Greifen Sie zu Fachliteratur. Es gibt viele gute Nachschlagewerke. Manche sind nicht mehr im Buchhandel. In den Bibliotheken werden Sie aber meistens fündig.

Welche Fachliteratur können Sie besonders empfehlen?

Es gibt wie gesagt eine Menge guter Bücher. Die kann ich hier nicht alle aufzählen. Wichtig sind zum Beispiel folgende Titel:

H. Bahlow, Niederdeutsches Namenbuch, Nachdruck Vaduz 1993

H. Bahlow, Deutsches Namenlexikon. Familien- und Vornamen nach Ursprung und Sinn erklärt, 3. Auflage, Frankfurt a. Main 1977

H. Bahlow, Schlesisches Namenbuch, Kitzingen 1953

J.K. Brechenmacher, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Familiennamen, Bd. 1-2, 1960-63

B. Brons, Friesische Namen und Mitteilungen darüber, Nachdruck Vaduz 1984 (oder Originalausgabe Emden 1897)

L. Feyerabend, Die Rigaer und Revaler Familiennamen im 14. und 15. Jh., Köln-Wien 1985

E. Förstemann, Altdeutsches Namenbuch, Bd. 1: Personennamen, 2.Aufl., Bonn 1900

M. Gottschald, Deutsche Namenkunde, 5. Aufl., Berlin-New York 1982

Kann mir eine tiefer gehende Kenntnis über meinen Familiennamen bei der Ahnenforschung helfen?

Der Ursprung eines Namens liegt oft in ausgeübten Berufen, in Wohnorten oder Vornamen. Dazu gibt es noch die sog. Übernamen, die vom Charakter bzw. auch Äußeren abgeleitet wurden.
Wichtig für die Deutung eines Namens ist auch immer, woher die Familie stammt.

Gibt es Computer-Programme, die bei der Entschlüsselung eines Namens helfen?

Nein. Und auch das Internet ist keine Hilfe, sondern eher eine Katastrophe, da die Seiten meist von Laien betrieben werden.

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2016, 12:57 Uhr