Hausschwein und Rind stehen vor dem Bio Pruefsiegel
Auf welches Siegel können sich Verbraucher verlassen? Bildrechte: IMAGO

Servicestunde | 05.03.2019 So kompliziert ist der Kauf von "glücklichem" Fleisch

Bei den meisten Deutschen kommt immer noch täglich Fleisch und Wurst auf den Tisch. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt im Jahr bei rund 60 Kilogramm. Doch der Stellenwert von Fleisch hat sich verändert: Vegetarische Küche boomt, immer mehr Menschen versuchen, ihren Fleischverbrauch zu reduzieren oder ganz zu verzichten - zum Wohl der Tiere. Inzwischen sind die meisten sogar bereit für Fleisch aus hochwertiger Tierhaltung mehr Geld auszugeben.

Hausschwein und Rind stehen vor dem Bio Pruefsiegel
Auf welches Siegel können sich Verbraucher verlassen? Bildrechte: IMAGO

Mal eben ein Steak in die Pfanne hauen oder sich unterwegs eine Bratwurst genehmigen; und am Sonntag gibt es mittags dann natürlich einen Braten: Fleisch essen gehört wie selbstverständlich zu unserem Leben.

Jeder Deutsche isst im Jahr rund 60 Kilogramm Fleisch und Fleischwaren. Die heimische Fleischindustrie setzt jährlich etwa 40 Milliarden Euro um.

Der Anteil von Bio-Lebensmitteln ist dabei verschwindend gering, die industrielle Lebensmittelproduktion bleibt der Standard. Die Kehrseite sind ethisch fragwürdige Massentierhaltung und Umweltverschmutzung. Wie also wollen wir unsere Nahrung herstellen und wie sollten wir uns ernähren?

Vom Lebewesen zur gequälten Massenware

Für die Tierproduktion und den Konsum von Tierprodukten werden derzeit allein in Deutschland etwa 745 Millionen Tiere im Jahr gehalten und getötet.

In der Massentierhaltung werden meist wesentliche Grundbedürfnisse der Tiere ignoriert: Sie werden auf engstem Raum und in reizarmer Umgebung gehalten: in Käfigen oder Ställen ohne Tageslicht, angebunden oder in kleinen Buchten. Das führt zu Stress und Frustration. Folgen können Aggressivität und Kannibalismus sein. Daraus resultierender Krankheitsanfälligkeit wird häufig mit routinemäßigen Antibiotikagaben entgegen gewirkt, was als ein Auslöser multiresistenter Keime gilt, die dem Menschen sehr gefährlich werden können. Darüber hinaus werden die Tiere den Haltungsformen angepasst: Ringelschwänze, Schnäbel und auch Zähne werden gekürzt oder abgetrennt. Trotz der nicht artgerechten Haltung trimmt der Mensch die Tiere auf Leistung, unter anderem mit manipulierendem Futter.

"Bio" bedeutet nicht zwingend artgerechte Haltung

Das alles ist seit Jahren bekannt, doch ein Umdenken hin zur artgerechteren Haltung und damit weg vom Massenkonsum kommt nur schleppend voran.

Bei manchem Geflügel-Fleisch können folgende vier Begriffe helfen, so die Verbraucherzentrale:

Extensive Bodenhaltung:

  • Platz pro Tier z.B. Hähnchen: 15 Tiere/Quadratmeter
  • Mast z.B. Hähnchen: 56 Tage; Puten: 70 Tage

Freilandhaltung:

  • Mehr Platz pro Tier z.B. Hähnchen: 13 Tiere/Quadratmeter
  • Mast z.B. Hähnchen: 56 Tage; Puten: 70 Tage
  • Freilandauslauf z.B. Hähnchen: 1 Quadratmeter Auslauf/Tier; Pute: 4 Quadratmeter Auslauf/Tier
  • Futter-Getreideanteil mind. 70%

Bäuerliche Freilandhaltung:

  • Platz pro Tier z.B. Hähnchen: 13 Tiere/Quadratmeter
  • Mast z.B. Hähnchen: 81 Tage; Puten: 140 Tage
  • Freilandauslauf z.B. Hähnchen: 2 Quadratmeter Auslauf/Tier; Pute: 6 Quadratmeter Auslauf/Tier
  • Futter-Getreideanteil mind. 70%
  • Es dürfen nur langsam wachsende Rassen eingesetzt werden.

Bäuerliche Freilandhaltung - unbegrenzter Auslauf:

  • Platz pro Tier z.B. Hähnchen: 13 Tiere/Quadratmeter
  • Mast z.B. Hähnchen: 81 Tage; Puten: 140 Tage
  • Freilandauslauf: Unbegrenzt
  • Futter-Getreideanteil mind. 70%
  • Es dürfen nur langsam wachsende Rassen eingesetzt werden.

Außerdem gibt es eine Definition für die Geflügelhaltung durch die EU-Öko-Verordnung. Wer also das "Bio"-Label tragen möchte muss eine Mastzeit von mindestens 81 Tagen (Hähnchen), eine Haltung von maximal 10 Tieren pro Quadratmeter (Hähnchen) und einen Auslauf von mindestens 4 Quadratmeter bei Hähnchen und 10 Quadratmeter bei Puten einhalten. Außerdem muss das Futter ökologisch erzeugt und frei von Gentechnik sein.

In Bezug auf Rind- und Schweinefleisch ist die Kennzeichnung allerdings schlechter. Die Verbraucherzentrale erklärt, dass bei vielen Supermärkten Informationen zu den Haltungskriterien fehlen oder sogar falsch dargestellt werden. Eine Foto auf der Verpackung, welches ein Schwein in Freilandidylle zeigt, heißt nicht, dass das Schwein jemals Gras gesehen hat.

Dann doch lieber ohne Fleisch?

Die Zahl der Vegetarier in Deutschland lag 2017 bei rund 5,7 Millionen. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) ernähren sich vier von hundert Erwachsenen vegetarisch. "Die Möglichkeiten, sich ausgewogen vegetarisch zu ernähren, haben sich in Deutschland in den letzten Jahren deutlich verbessert", so die Autoren. Vegetarische Produkte gehören mittlerweile zum Grundsortiment von Discountern und lassen die Umsätze steigen. Auch die Fleischwirtschaft profitiert vom Veggie-Boom. So bieten zahlreiche Firmen, die hauptsächlich Fleischwaren herstellen, auch Fleischersatzprodukte an.

Warentester: Veggi-Wurst

Veggie-Aufschnitte sind deutlich fettärmer als das Original. Doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick: Damit das Ganze nicht zu trocken wird, kommt Raps- oder Kokosöl zum Einsatz. Rapsöl ist gut, weil es bis zu zehn Prozent an Omega-3-Fettsäuren enthält. Kokos- und Palmfett sind nachteilig durch den hohen Gehalt an gesättigten Fettsäuren.

Die getesteten fleischlosen Salamis sind auch weniger salzhaltig als echte. Die Produkte kommen aber auch ohne Zusatzstoffe nicht aus. Fast alle enthalten Verdickungsmittel wie Johannisbrotkernmehl, um schnittfest zu werden. Meist kommen Farbstoffe dazu. Die Grundzutaten des Aufschnitts haben oft wenig Geschmack, er braucht Würze. Bei den Bioprodukten nutzen Hersteller dafür Gewürze und Gemüse, teils noch Hefeextrakt mit Glutamat aus Hefezellen. Meist kommen die Produkte ohne künstliche Aromen aus.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 05. März 2019 | 11:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 05:00 Uhr