Ilm-Kreis Bechstedt-Wagd - Ortsteil der Gemeinde Kirchheim

Bechstedt-Wagd ist ein Ortsteil der Gemeinde Kirchheim und liegt südlich von Erfurt im Ilm-Kreis. Der Ortsname Bechstedt geht laut Prof. Udolph auf eine Pechstätte zurück, der Zusatz Wagd ist ein schwierigerer Fall.

Die Zuordnung der historischen Belege ist schwierig, weil es Überschneidungen mit Bechstedtstraß (Weimarer Land) und Bechstedt (Saalfeld-Rudolstadt) gibt, sodass nicht immer sicher ist, welcher Ort jeweils gemeint ist.

Historische Belege Bechstedt:

  • ca. 860: Bechstat (Dob 1,227) = Trad. Corb.
  • 874: (Fälschung um 1070) Becstat (Mainzer Urkundenbuch, Bd. I Nr. 156 S. 87)
  • 876: (Abschrift 9. Jh.) Bechesstat, Variante Bechestat (Mainzer Urkundenbuch, Bd. I Nr. 158 S. 91)
  • 885: Pechstat (DKarls des Dicken III., Or. SAMarburg; Dobenecker I Nr. 268  = CodDiplFuld 624; Zuordnung unsicher)
  • (nach 885): de behesteti (Dorsualvermerk von alter Hand bei Dobenecker I Nr. 268 S. 59)
  • zum Jahr 1191 (12. Jh.): de villa Bechstete (Monumenta Erphesfurtensia S. 196, Zuordnung unsicher)
  • 1194: in Bechsteden (Mainzer Urkundenbuch, Bd. II Nr. 588 S. 973)
  • 1217: de utroque Bechstete (UB Stadt Erfurt I Nr. 81 S. 42)          
  • 1260: Rudolf von Bechstete (Dobenecker III Nr. 2836 S. 446)
  • 1266: Bachstete(Dobenecker III Nr. 3460 S. 542)
  • 1289: Bechstete iuxta Wawetum (UB Stadt Erfurt I Nr. 377 S. 249)
  • 1362: Bechstete uf der Wanwed (ZR(B)V 1, Bl. 102b)
  • 1476: Bechstete ppe egenstete (OrBMV lage 21)
  • 1506: Bechstedt (RegSubs 74)
  • 1586: Bechstedt vber der wagte (RS 4, Nr. 64)
  • 1598: Bechstadt auf der Wageweydtt (OrESt VIII 238)
  • 1628: Bechstedt Wagdt (RS 107 B.1 S. 138)
  • 1796: Bechstedt Wagd (Bube 31)
  • 1833: Bechstädtwagd (König 2,3)
  • 1868: Bechstedtwagdt (Rudolph 228)

Im zweiten Teil des Ortsnamens Bechstedt ist natürlich -stedt zu sehen. Das dürfte hier aber nicht mit 'Stadt' o.ä. übersetzt werden, sondern mit 'Stätte'. Während man sich darüber im Allgemeinen einig ist, wird der erste Teil unterschiedlich verstanden. H. Walther und A. Werneburg schwanken, ob sie darin Bach- sehen sollen oder Pech.

Für letzteres entscheidet sich F. Weisser und man darf seiner Ansicht wohl folgen: "Das Bestimmungswort dürfte altsächsisch pik (aus latein. pix, picis), althochdeutsch pëh, bë(hh), mittelhochdeutsch pëch, bëch ‘Pech’ enthalten. Der Name dürfte ursprünglich eine ‘Pechstätte’ bezeichnet haben und nach ihrer Entstehung auf die Siedlung übertragen worden sein. Deren Lage am Westrand des großen Waldgebietes zwischen Erfurt und Bad Berka und die Tatsache, daß weiter östlich, am Nordrand des gleichen großen Forstes Bechstadtstraß entstanden ist, sprechen sehr für diese Deutung."

Zur Unterscheidung von Bechstedtstraß erhielt der Ort seit dem 13. Jh. den Zusatz Wagd. Das ist ein alter und beachtenswerter Name, zu dem F. Weisser ebenfalls ausführlich Stellung genommen hat.

Historische Belege Wagd (nach F. Weisser):

  • 1196: Wawithe, oder (?) Wanithe
  • 1256: apud silvulam Wawid
  • 1256: Wawiht(zwischen Waltersleben und Egstedt)
  • 1265: Wannwit
  • 1289: iuxta Wawetum
  • 1294: ante Wanwetum, ante Wanweit
  • 1318: Wawith
  • 1347: Waweit
  • 1349: by der wanwides, wanwiz
  • 1355: Waweyd, Wanweyde
  • 1362: uf der Wanwed
  • 1402: Wagweide
  • 1457: hynder der woget
  • 1479: hinder der Waweyt
  • 1497: im Wawet-Felde
  • 1586: vber der wagte
  • 1598: auf der Wageweydtt
  • 1628: Bechstedt Wagdt

Bei der Deutung kann man sich im Wesentlichen auf F. Weisser stützen: Wagd ist die alte Bezeichnung für den früher weit ausgedehnten Forst auf dem Muschelkalkplateau südlich von Erfurt. Es war möglicherweise die ursprüngliche Bezeichnung für den gesamten Steiger(wald). Die bisherigen Deutungen gehen fast alle von einer Zusammensetzung mit altsächsisch widu, wido, althochdeutsch witu, mittelhochdeutsch wite usw. 'Wald' aus (verwandt mit engl. wood). Für den ersten Teil nahm man eine Verbindung mit dem Namen Dominikus, dem Göttergeschlecht der Wanen und mit german. *wāg 'bewegtes Wasser' (auch vorhanden in Eschwege) an.

Weisser geht einen anderen Weg: Er sieht im ersten Teil german. *waeni-, *wānō 'Erwartung', heute noch vorhanden in dt. gewinnen, gewöhnen, wohnen, Wonne, Wunsch, aber auch verborgen in altsächsisch wānam, -um „glänzend“, wānami „Glanz“, got. winja 'Weide, Futter', althochdeutsch winne 'Weideplatz', mittelhochdeutsch wünne 'Weideland' und schließt auf eine Grundbedeutung 'glänzender Wald'.

Dieser Vorschlag überzeugt aber in keiner Weise, eine Bedeutung 'glänzend' o.ä. kann allenfalls bei Gewässern eine Rolle gespielt haben, kaum aber bei einem Wald.

Ich möchte daher einen anderen Weg vorschlagen. Es gibt nicht wenige Ortsnamen wie Wahmbeck (Kr. Northeim), Wambach bei Rittierode, Wennungen bei Laucha (Sachsen-Anhalt, alt Weninge), Wehningen (Kr. Lüneburg), den Wanzenberg zwischen Elde und Rögnitz, 1232 Wanowe mogili, und mehr als ein Dutzend weitere Namen, die E. Förstemann zusammengestellt hat: Wanabach, Wembach, Wannebecq, Wahmbeck u.a.

Neuere Forschungen sehen in diesen - und die geographische Lage passt fast immer dazu - zusammen mit got. winja ‘Weide’ eine alte Wurzel *}en-‘biegen, krümmen’ gestellt. Genau das könnte auch für Wagd aus Wen-wid- anzunehmen sein, also etwa ein 'Wald an einer Biegung, an einer Krümmung' o.ä. Ob als Motiv für diese Namengebung die auffällige Biegung der Gera bei Möbisburg eine Rolle gespielt hat, ist möglich, aber nicht sicher. Falls kein anderer, überzeugenderer Vorschlag gemacht wird, kann man die Verbindung mit den Wan- und Wen-Ortsnamen wohl beibehalten.

Literaturangaben: H. Walther, Namenkundliche Beiträge zur Siedlungsgeschichte des Saale- und Mittelelbegebietes bis zum Ende des 9. Jahrhunderts, Berlin 1971, S. 274f.

F. Weisser, Die Ortsnamen des Land- und Stadtkreises Erfurt, Diss. Leipzig 1974, S. 52ff.

A. Werneburg, Die Namen der Ortschaften und Wüstungen Thüringens, Nachdruck Köln-Wien 1983, S. 47.

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 15:40 Uhr