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Der Redakteur | 28.09.2017Krötenwanderung: Wie kommen die Tiere wieder zurück?

28. September 2017, 15:11 Uhr

Es hat Tradition: Einmal im Jahr, im Frühling, tragen eifrige Naturschützer liebeshungrige Kröten über Landstraßen. Doch was ist mit dem Rückweg? Wer rettet die Tiere dann davor, überrollt zu werden? Thomas Becker hat sich mit dem Problem beschäftigt.

von Thomas Becker

Die Krötenwanderung ist eine typische Frühjahrsbewegung: Wald - Straße - Teich. Hintergrund der Anstrengung: die Arterhaltung. Wir vernachlässigen an dieser Stelle das machohafte Benehmen der Männchen, die sich nämlich von den Weibchen zum Schlafzimmer tragen lassen. Und das auch noch über die Straße. Mitunter hat ein Weibchen sogar mehrere Männchen auf dem Rücken.

Witterungs- und hormongesteuerte Wanderung

Womit schon mal klar ist, dass es keine Erfindung der Grünen ist, Kröten über die Straße zu tragen. Auch der Zeitpunkt, zu dem alljährlich die Naturschützer unterstützend eingreifen, wird durch die Tiere bestimmt. Dieser Teil des Krötenlebens sei recht gut erforscht, sagt Felix Pokrant. Er ist Amphibien-Experte von der Naturforschenden Gesellschaft Altenburg.

Wenn die Nächte nicht mehr so kalt sind und es ein bisschen regnet, kommen die Kröten in Fortpflanzungsstimmung und laufen alle gemeinsam los. Das ist durch das Wetter auch hormonell gesteuert. Das Zurückwandern geschieht etappenweise und zieht sich über einen längeren Zeitraum hin als die Hinwanderung.

Amphibienexperte Felix Pokrant von der Naturforschenden Gesellschaft Altenburg

Das ist auch der Grund, warum im Frühjahr richtig viel Kröten-Verkehr ist, was uns zu baulichen Maßnahmen anregt, die wir für den Rückweg offenbar als unnötig ansehen. Wir versuchen deshalb, uns diesem Problem auch noch mathematisch zu nähern, staunen aber zuvor noch über die Fähigkeiten der Tiere. Diese finden nämlich zur Fortpflanzung immer wieder zu ihrer eigenen Geburtsstätte zurück, also zu dem Gewässer, in dem sie entstanden und aufgewachsen sind.

Wir wissen nicht genau, wie sie sich das merken können. Wenn jetzt ein Teich verfüllt wurde und nicht mehr da ist, finden sie trotzdem zu diesem Punkt zurück. Also es kann nicht sein, dass sie das Wasser irgendwie riechen oder orten können. Vielleicht ist es das Magnetfeld der Erde, auf jeden Fall haben sie ein unglaublich cleveres Navigationssystem in sich.

Amphibienexperte Felix Pokrant von der Naturforschenden Gesellschaft Altenburg

Dieser Orientierungssinn versagt aber offenbar auf dem Rückweg, denn der Landlebensraum, in dem sich viele Kröten die längste Zeit des Jahres aufhalten, der wird eher zufällig erreicht. Kröten, die sich am Teich allerdings für die Feldseite entscheiden, haben kaum Überlebenschancen. Wer wieder in Richtung Wald hüpft, ist besser dran. Wenn da nicht die blöde Straße wäre.

Krötenmännchen lassen sich gerne von ihrer Partnerin herumschleppen. Bildrechte: colourbox

Und es ist auch nicht so, dass sich das Überleben für die einzelnen Kröten nicht lohnen würde. Freilebende Tiere können durchaus zwölf Jahre alt werden, in Gefangenschaft sogar noch älter. Aber da sind vielleicht auch keine Straßen im Weg. Aber ist es wirklich ungefährlicher, die Straße sozusagen einzeln zu überqueren, ohne fremde Hilfe und mit dem Ziel "Wald"? Das setzen wir Krötenretter ja voraus, indem wir unseren Shuttle-Service für die Tiere auf das Frühjahr - und damit den Hinweg beschränken.

Shuttle-Service nur für eine Strecke?

Die Hörer-Frage zur Krötenwanderung wird an dieser Stelle von einer biologischen zu einer mathematischen. Eigentlich ging es nur darum, wie die Kröten eigentlich auf dem Rückweg sicher über die Straße kommen. Dafür gibt es keine Stoßzeiten, das heißt: Die eine Kröte lässt sich mehr Zeit als die andere, über die Straße müssen sie aber irgendwie alle gekommen sein, denn im nächsten Frühjahr geht es ja wieder von vorn los.

Daraus ergibt sich die mathematische Frage, ob der Shuttleservice ausgeweitet werden muss auf die Gegenrichtung. Klar, bei Krötentunneln funktioniert das automatisch, aber nicht bei der Eimervariante. Aber vielleicht ist ja auch eine alleinige Frühjahrsaktion mathematisch gesehen völlig sinnlos.

Sechs Minuten für die Überquerung einer Landstraße

Eine Kröte schafft 600 Meter am Tag. Kröten wandern aber vorwiegend, wenn es dunkel ist. Also wir nehmen an, die 600 Meter werden in acht Stunden Dunkelheit zurückgelegt. Macht 75 Meter pro Stunde, das heißt: Für eine 7,50 Meter breite Landstraße braucht die Kröte sechs Minuten. Wir gehen weiterhin davon aus, dass auf der Landstraße nachts das ganze Jahr über durchschnittlich 100 Autos pro Stunde fahren. 50 je Richtung. Reifenbreite und Streckenlänge vernachlässigen wir, diese sind auf Hin- und Rückweg gleich.

Jetzt kommt die Frage: Wie groß ist die Überlebenschance von 1.000 Kröten, die innerhalb von einer Woche diese Landstraße schutzlos überqueren - und wie groß ist sie auf dem Rückweg der gleichen 1.000 Kröten, der sich aber über einen Zeitraum von 20 Wochen hinzieht? Wir sind gespannt, ob sich jemand an dieses komplexe Problem herantraut.

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 28. September 2017 | 16:10 Uhr