Der Redakteur | 18.05.2020 Woran erkenne ich eine Verschwörungstheorie und woran eine seriöse Studie?

Viele Neuigkeiten gibt es zur Zeit über Corona zu lesen und zu hören. Aber was ist wahr und was nicht. Ein kleiner Leitfaden, wie sich Studien und Fakten besser einordnen lassen.

Graffitimauer in Berlin - Frau mit Textblase (englisch) "Bei jeder Wahl gab es eine Pandemie - gefolgt von Jahreszahlen 2004 SARS - 2008 Avian -2010 Schweinegrippe - 2012 Mers - 2014 Ebola - 2016 Zika - 2018 Ebola - 2020 Corona." Darunter steht ''Kontrolliert durch Angst''.
Ein Zusammenhang zwischen Wahljahren und Krankheiten? Den gibt es nur in Verschwörungstheorien, wie an dieser Mauer in Berlin. Bildrechte: imago images/Rolf Zöllner

Die Mutter aller Verschwörungstheorien ist der Weltuntergang. Mag sein, dass diese Theorie auch eine Großmutter hat, aber bisher hat die Praxis der Mutter regelmäßig widersprochen. Die Erde hat sich bisher ganz einfach nicht daran gehalten. Nun ist auch unser Corona-Virus bockig und entzieht sich unserem Willen und leider auch unserem Wissen. Wir können nur versuchen, uns ihm stückweise anzunähern. Und genau das passiert gerade. Das geht über Theorien der Verschwörer oder eben der Wissenschaftler. Aber woran kann ich als normaler Mensch den Unterschied erkennen? Woran merke ich, ob ich einem Video oder einem Text vertrauen kann? Indem ich mir vorab einige Fragen stelle:

  1. Wer hat es verfasst?
  2. Wo wurde es erstmals veröffentlicht?
  3. Was macht den Experten zum Experten auf genau diesem Gebiet?
  4. Hat er auch Expertisen auf dem entsprechenden Teilgebiet?
  5. Wie werden Behauptungen belegt?  
  6. Was sagen die Kollegen seines Fachs über ihn?
  7. Ist das Werk komplett? Wer hat es gegebenenfalls gekürzt oder bearbeitet?
  8. Wie vertrauenswürdig ist der Bearbeiter?
  9. Wie seriös ist das Ursprungspapier, also die Studie selbst?

Diese Fragen sind übrigens Teil des journalistischen Alltags und auch da ist der letzte Punkt der schwierigste. Denn die wenigsten Menschen haben die Zeit und auch den fachlichen Hintergrund, eine Studie bis ins Detail zu verstehen. Zumal des internationalen Austauschs wegen Studien auch noch auf Englisch verfasst sind. Gerne nimmt man deshalb nur das Abstract als Grundlage, also die Kurzzusammenfassung des Inhalts durch die Autoren selbst. Wenn diese auch noch recht umfangreiche Zusammenfassung dann noch weiter verkürzt und vereinfacht wird, dann wird es manchmal schon eng mit der Präzision.

Zeichnung Bill Gates und Impfanhänger die im zujubeln. 8 min
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Exakt Mi 06.05.2020 20:15Uhr 08:11 min

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Video

Wann ist eine Studie seriös?

Auch als Laie kann man nach einigen Eckpunkten schauen. Einfaches Beispiel: Wenn ich in einem Fußballstadion eine Studie mache mit der Fragestellung: "Interessieren Sie sich für Fußball?", dann kann das Ergebnis nicht lauten: 100 Prozent der Menschen sind Fußballfans. Denn die ausgewählte Gruppe steht weder für die Menschheit, noch für die deutsche Gesamtbevölkerung, nicht einmal für alle deutschen Fußballfans. Allenfalls gewinnt man Erkenntnisse über die Menschen, die an diesem Tag in dieses konkrete Fußballstadion gegangen sind. So ganz nebenbei kommt es auch darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. In der Summe wird eine Studie immer erst dann seriös, wenn deren Entstehung klar definiert ist.

Seriös ist sie dann, wenn sie sehr genau angibt, unter welchen Bedingungen sie zu dem Ergebnis gekommen ist, welche Ausgangshypothesen diese Studie geleitet haben, wie die Untersuchungen durchgeführt wurden, mit welchen Erhebungsmethoden etc. und wenn dann die Ergebnisse daraus genau begründet worden sind, dann kann man sagen: Das ist eine seriöse Studie.

Prof. Marina Münkler, TU Dresden, Mitglied im Deutschen Wissenschaftsrat

Frau Prof. Münkler ist aber nicht nur wegen ihrer Mitgliedschaft im Deutschen Wissenschaftsrat die richtige Expertin für ein solches Thema. Sie forscht auch im Bereich der Invektivität. Die einst römische Schmährede als Gegenentwurf zur Laudatio ist so aktuell wie nie und selbst unsere weltweit geschätzten Experten wie Prof. Christian Drosten, der zu den Erstentdeckern des SARS-Virus 2003 zählte, dürfen sich dieser Wertschätzung erfreuen. Überwiegend im Netz. Solche Schmähungen gab es aber schon vorher und sie wurden einst im alten Rom regelrecht antrainiert.

Also wie setze ich jemanden herab, wie diskreditiere ich ihn, wie diskriminiere ich ihn. Und das ist etwas, was wir insgesamt in der Gesellschaft beobachten können. In sprachlichen Äußerungen, in Gesten usw. (…) Und da spielen natürlich bestimmte  Kommunikationsformen eine Rolle, wie der Lügenvorwurf.

Prof. Marina Münkler, TU Dresden, Mitglied im Deutschen Wissenschaftsrat

Dieser Vorwurf gehört nicht zu den Dingen, die irgendjemand beweisen muss. Es reicht der Ausruf "Lügenpresse" und dessen permanente Wiederholung. Damit ist alles gesagt und auch alles bewiesen. Wenn sich jemand ein wenig mehr Mühe gibt, nimmt er ein paar Fehler oder Unstimmigkeiten, würzt das Ganze mit etwas Überheblichkeit und fertig ist der Karl-Eduard 2.0 und das Video auf YouTube. Die Wissenschaft gibt sich da deutlich mehr Mühe in der Beweisführung, ohne automatisch vor Irrtümern gefeit zu sein. Aber zwischen Irrtum und Lüge gibt es eben doch einen gewaltigen Unterschied.    

Gegendemo - Schild mit Aufschrift - Maske statt Alu-Hut. 28 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 18.05.2020 15:10Uhr 27:55 min

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Nachvollziehbar und wiederholbar

Wichtig bei wissenschaftlichen Studien ist auch die Reproduzierbarkeit, also: Würde ein anderer Wissenschaftler unter genau den gleichen Bedingungen zu dem gleichen Ergebnis kommen? Dieser Punkt ist allerdings besonders im medizinischen Bereich schwierig einzuhalten. Wenn ich beispielsweise die Anfälligkeit einer Gruppe von 100 Patienten mit Diabetes bezüglich eines Erregers untersuche, dann kann ich mir bei Studie Nummer zwei die größte Mühe geben, ich werde mit 100 anderen Diabetikern niemals die exakt gleichen Ergebnisse bekommen. Solche Unschärfen lassen sich aber aus den Studienergebnissen herausrechnen.

Damit wird auch deutlich, dass solche Studien am Ende immer nur zu Plausibilitäten kommen, sagt Marina Münkler. Absolute Wahrheiten liefern uns bestenfalls mathematische Beweise, ansonsten lebt die Wissenschaft vom fortschreitenden Erkenntnisgewinn. Das ist auch der Grund, warum unsere Virologen derzeit dazu lernen, dummerweise nur eben öffentlich. Das Problem ist auch, dass wir den Lernprozess ständig mit unseren laienhaften Fragen stören. Denn die wirklich kompletten Antworten würden wir nie verstehen. Genauso, wie wir nicht verstehen, dass die Antwort von gestern, verglichen mit dem Kenntnisstand von heute, auch mal um 180 Grad verdreht sein kann. Das sind Wissenschaftler gewöhnt, wir nicht, also wenden sich viele Menschen bequemeren, weil einfachen unverrückbaren Antworten zu.

Die Corona-Verschwörung? Fundierte Kritik vs. Falschmeldungen
Die Corona-Verschwörung? Fundierte Kritik vs. Falschmeldungen Bildrechte: MrWissen2go

Wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass ein Faktor, der den Glauben an Verschwörungstheorien befeuert, die Unfähigkeit ist, mit Unsicherheit und Ambivalenz umzugehen. Wer das gut kann, der glaubt nicht so sehr an Verschwörungstheorien wie jemand, der das nicht so gut kann.

Prof. Michael Butter, Verschwörungstheorie-Forscher, Uni Tübingen

Und unsicher ist die heutige Zeit definitiv. Wer weiß heute schon, welche Erkenntnisse uns morgen präsentiert werden. Also werden die Fortsetzungsromane gelesen, die nun um das Kapitel Corona ergänzt wurden. Das Strickmuster ist nämlich nicht neu und die Schuldigen (Bill Gates, Angela Merkel, dunkle Mächte, große Firmen etc.)  sind auch die gleichen. Nun kann man dem als Kapitalismus bezeichneten Wirtschaftssystem nicht unterstellen, stets im Sinne des Menschenwohls zu agieren, aber die daraus entwickelten "Verschwörungslogiken" sind deshalb nicht automatisch stimmig. Allerdings sind die Absender der Botschaften laut und schon deshalb für viele Adressaten überzeugend.

Und weil diese Menschen oft eine so große Sicherheit ausstrahlen, sagen Menschen, die Orientierung suchen, ja, die wissen worum es geht! Denn sie sagen: Wir sind die wahren Wissenschaftler! Wir haben keine Hintergedanken! Wir haben eure Interessen im Sinn und nicht die Interessen der Eliten, der Pharmaindustrie oder wem auch immer solche dunklen Komplotte unterstellt werden.

Prof. Michael Butter, Verschwörungstheorie-Forscher, Uni Tübingen

Was heißt "veröffentlichen"?

Nun ist es nicht so, dass wissenschaftliche Studien gewöhnlich zuerst in der Zeitung stehen. Dort nehmen wir sie allenfalls zuerst wahr. Um auf die weltweit anerkannten Publikationsplattformen der verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereiche zu kommen, muss man einige Hürden überwinden. Dabei geht es aber nicht etwa darum, abweichende Erkenntnisse auszusperren. Im Gegenteil, Wissenschaft lebt ja geradezu davon, alte Zöpfe abzuschneiden, dazuzulernen, neue Fragen zu stellen. Sonst würden wir immer noch ums Feuer springen. Das bedeutet aber nicht, dass jede Studie nun ungeprüft entgegen genommen wird.

Das Wort Studie ist ja kein geschützter Begriff. Sie können alles eine Studie nennen. Als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler guckt man, wo ist diese publiziert worden. Daraus würde man ableiten, ob es sich um eine seriöse Studie handelt oder nicht.

Prof. Marina Münkler, TU Dresden, Mitglied im Deutschen Wissenschaftsrat

Und bei dem "Wo" geht es um Fachzeitschriften oder Fachportale, die allesamt ein sogenanntes Peer-Review-Verfahren vorgeschaltet haben. Das heißt: Fachleute des gleichen Wissenschaftsbereichs schauen auf Punkte, die wir eingangs genannt haben. Diese Qualitätskontrolle soll sicherstellen, dass da nur Publikationen geadelt werden, die nach wissenschaftlichen Standards entstanden sind. Und dieser Prozess dauert. Mitunter werden Studien deshalb schon vorab veröffentlicht, besonders in so schnelllebigen Corona-Zeiten, wo alle händeringend nach dem einen Ausweg suchen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass so ein "Schnellschuss" auch mal nach hinten losgeht. Ist aber eine "Studie" erstmal in der Welt, ist sie nur schwer einzufangen.

Wem gebe ich ein Interview?

In unserem Medienzeitalter sollten sich angefragte Wissenschaftler sehr genau anschauen, in welches Mikrofon sie denn "beißen". Hier sieht Prof. Butter große Gefahren. Nicht jeder Wissenschaftler findet sich in den klassischen Medien wieder. Wer oft nur im Verborgenen arbeitet und eine durchaus fundierte Meinung hat, der könnte auch ein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis entwickeln. Das geht über Twitter &Co., das schon von der Zeichenanzahl her ungeeignet ist, für ungekürzte Studien.

Wenn dann eine Anfrage eines Online- oder anderen Mediums kommt, ist die Versuchung groß. Prof. Butter gesteht, vor einigen Jahren selbst auch beinahe einem Schweizer Nachrichtenportal in die Falle gelaufen zu sein. Einem Portal, das eben vor allen Dingen Verschwörungstheorien verbreitet. Wer dort auftritt als weltweit anerkannter Kritiker solcher Denkweisen, der legitimiert die Plattform natürlich. Motto: "Guckt mal, wir lassen sogar unsere schärfsten Kritiker zu Wort kommen, wir sind seriös und unabhängig."

Allerdings kann man unabhängig sein von Personen, Institutionen, "Mainstream", Politik, Wissenschaftlern und sonst noch wem, aber trotzdem ungestützten Blödsinn verbreiten. Auch die Masse an Gläubigen sagt noch nichts über den Wahrheitsgehalt einer "These" aus. Prof. Michael Buttler und seine Kollegen schätzen die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien in den USA auf 50 Prozent, bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Das erklärt auch die Wählbarkeit eines Präsidenten, der Desinfektionsmittel spritzen will. Aber anfällig heißt nicht, dass man sich völlig in diese Gedankenwelt zurückzieht. Aber so ein Alien … warum nicht? In Deutschland sind es deutlich weniger Menschen, die als anfällig gelten.

Aufziehen einer Spritze mit Impfstoff 18 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 18.05.2020 16:10Uhr 17:50 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/service/audio-corona-verschwoerungstheorien-michael-butter-100.html

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Wenn man in Deutschland verschiedene Umfragen gegeneinander aufrechnet, Umfragen, die nach konkreten Verschwörungstheorien fragen und Umfragen, die eine Tendenz zum Glauben an Verschwörungstheorien abfragen, dann kommt man auf eine Zahl von 25 bis 30 Prozent, die anfällig sind für Verschwörungstheorien.

Prof. Michael Butter, Verschwörungstheorie-Forscher, Uni Tübingen

Das bedeutet aber nicht, dass diese alle an die aktuellen Corona-Verschwörungstheorien glauben und - so Prof. Butter - die Zahlen der "Anfälligen" sind zudem auch relativ konstant, Tendenz leicht steigend in den vergangenen Monaten.

"Da wird schon etwas dran sein!"

Das ist ein häufig gewählter Satz. Und der wird oft bemüht, wenn mal wieder eine WhatsApp-Nachricht aufschlägt, die einen Link zu einem mitunter sehr umfangreichen Artikel enthält. Das Klicken darauf unterstreicht übrigens die These von Prof. Butter, dass die meisten, die jetzt mit solchen Theorien die Öffentlichkeit suchen, es früher auch schon taten. Die Quellen (nicht verwechseln mit dem Absender der Nachricht) sind alte, bekannte, trübe Gewässer. Und wir werden sie nicht austrocknen.   

Bei überzeugten Verschwörungstheoretikern wissen wir aus mehreren Studien, dass die noch mehr an ihre Verschwörungstheorien glauben, nachdem man sie mit schlüssigen Gegenbeweisen konfrontiert hat.

Prof. Michael Butter, Verschwörungstheorie-Forscher, Uni Tübingen

Nicht einmal der wiederholt ausgefallene Weltuntergang ist übrigens ein schlüssiger Beweis für diejenigen, die fest daran glauben. Denn der Tag, der kommt ganz bestimmt, wir haben uns halt nur im Datum geirrt.

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Quelle: MDR Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 18. Mai 2020 | 15:10 Uhr