Servicestunde | 15.10.2019 Alkoholsucht - was Angehörige tun können

Angehörige und Freunde von Alkoholikern befinden sich in einer schwierigen Lage. Sie leiden oft mehr als der Erkrankte selbst. Sie möchten helfen, stoßen auf Widerstände und schämen sich, anderen ihr Leid zu erzählen.

Ein Mann sitzt an der Bar.
Hinter jedem Abhängigen stehen mehrere Angehörige. Bildrechte: dpa

In Deutschland sind über 1,7 Millionen Menschen alkoholabhängig, weitere 1,6 Millionen missbrauchen Alkohol. Das bedeutet: sie trinken mehr als "normal", entweder einmalig oder öfter. Hinter jedem Abhängigen stehen mehrere Angehörige. Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland haben Angehörige mit einer Suchterkrankung und sind oft hilflos und überfordert damit.

Wenn ein Familienmitglied alkoholabhängig ist, stellt das familiäre Beziehungen auf eine harte Probe. Angehörige sind dabei höchsten Belastungen ausgesetzt und schwanken nicht selten zwischen helfen wollen, drohen, kleinreden, vertuschen und resignieren. Für Stiftung Warentest hat Medizinjournalistin Christine Hutterer einen Ratgeber für Angehörige geschrieben. "Problem: Alkohol - Wege aus der Hilflosigkeit".

Dieser Ratgeber richtet sich empathisch an diese große Zielgruppe mit all ihren Sorgen und Nöten. Praxisnah liefert er wichtige Informationen und wissenschaftliche Expertise zu allen Phasen der Krankheit bis hin zur Therapie. Hutterer erläutert typische Verhaltensmuster und zeigt Wege auf, wie Angehörige ihr Verhalten prüfen können, ihrem abhängigen Angehörigen wirklich helfen und letztlich ihre eigene Lebenssituation verbessern.

Wann wird Alkohol zum Problem?

Mann trinkt aus Weinflasche
Mit zunehmender Konsummenge steigt das Risiko körperlich oder seelisch zu erkranken. Bildrechte: IMAGO

Aus medizinischer Sicht gibt es keinen gefahrlosen oder "gesunden" Alkoholkonsum. Wenn Alkoholkonsum eine Funktion erfüllt – als Einschlafhilfe, zum Entspannen oder zum Vergessen – wird es problematisch. Falsch ist die Annahme, dass nur eine Alkoholabhängigkeit zu schweren gesundheitlichen Schäden führen kann. Andererseits trifft es nicht zu, dass jeder, der viel trinkt, automatisch alkoholabhängig ist.

Dennoch steigt das Risiko körperlich oder seelisch zu erkranken, mit zunehmender Konsummenge. Angehörige haben häufig ein ungutes Gefühl, machen sich Sorgen wegen des Trinkverhaltens oder rechtfertigen den Konsum einer anderen Person. Das sind Anzeichen für ein Alkoholproblem.

Wer ist betroffen?

Bei einer Abhängigkeitserkrankung gibt es immer auch Angehörige, die sich in der Hilfe für den Suchtkranken verstricken und aufreiben. Das kann der Lebenspartner sein, aber auch Eltern, Kinder, Geschwister oder Freunde. Alkoholprobleme sind in unserer Gesellschaft noch immer schambehaftet. Angehörige versuchen daher, das Problem vor dem Umfeld zu verstecken. Dadurch geraten sie in einen Teufelskreis der Mitbetroffenheit. Immer stärker wird das ganze Leben auf die alkoholkranke Person ausgerichtet.

Was können Angehörige und Freunde tun?

Für Angehörige ist es wichtig zu erkennen, welche Rolle sie in der Beziehung zu der trinkenden Person einnehmen und wie sehr sie selbst belastet sind. Häufig führt der intensive Wunsch zu helfen dazu, dass Angehörige die Verantwortung für Aufgaben des Betroffenen übernehmen. Dann kann der sein Trinkverhalten aufrechterhalten kann, ohne dass er negative Folgen spürt, oder Verantwortung für seine Fehler übernehmen muss.

Unbewusst wird der Konsum unterstützt. Es ist notwendig, sich vom Konsum abzugrenzen und unterstützendes Verhalten zu beenden. Angehörigen tut Unterstützung durch andere Menschen gut, die ähnliche Erfahrungen, Ziele oder Interessen haben und die sie in ihrem Vorhaben positiv bestärken.

Hilfsangebote

Wer sich entscheidet, die Situation zu ändern, muss diesen Weg nicht alleine gehen. Hilfe zu suchen, ist ein Zeichen von Stärke. Es gibt verschiedene Hilfsangebote in der Suchthilfe. Welche Form am besten zur jeweiligen Situation passt, hängt von der individuellen Situation ab. Für die meisten Angehörigen und Betroffenen ist die erste Anlaufstelle eine Alkohol- oder Drogenberatung. Auch Selbsthilfegruppen wie die "Anonymen Alkoholiker", die zu Beginn allein den Betroffenen zugänglich waren, haben erkannt, dass auch Angehörige dringend Hilfe brauchen.

Ein weiterer möglicher Ansprechpartner für Angehörige kann auch der Hausarzt sein. Auch für Angehörige kann eine ambulante Psychotherapie sinnvoll sein. Die Kosten dafür übernimmt bei Bedarf die Krankenkasse. Als hilfreich hat sich das CRAFT-Modell erwiesen - ein Therapiekonzept speziell für Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen.

Wenn Kinder im Haushalt sind

Kinder nehmen deutlich wahr, dass zu Hause etwas nicht in Ordnung ist. Wechselnde Stimmungen, eventuell aggressives Verhalten und Verlustängste bedeuten großen Stress. Eine Familie mit Alkoholvergangenheit kann das ganze weitere Leben beeinflussen: Etwa ein Drittel der Kinder gerät im Erwachsenenalter selbst in eine stoffliche Abhängigkeit (Alkohol, Drogen). Die Wahrscheinlichkeit dafür ist etwa drei- bis viermal höher als bei Kindern ohne Abhängigkeitserkrankung in der Familie.

Stiftung Warentest, Ratgeber für Angehörige und Freunde, Dr. Christine Hutterer: Problem: Alkohol - Wege aus der Hilflosigkeit! 175 Seiten, ISBN 978-3-7471-0111-7, Preis 19,90 Euro

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS) https://www.dhs.de

Anonyme Alkoholiker (AA) Interessengemeinschaft e.V. Regionale Kontaktstellen sind unter der bundesweiten einheitlichen Rufnummer
(Ortsvorwahl) + 19295 zu erreichen
https://www.anonyme-alkoholiker.de

Al-Anon Familiengruppen Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde von Alkoholikern
Telefon: 033878/907440
https://al-anon.de

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 15. Oktober 2019 | 11:05 Uhr