Servicestunde | 16.11.2020 Wie wir alt werden und jung bleiben

Jeder wünscht sich, auch im hohen Alter noch fit und gesund zu sein: nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Mit der Alterspsychologin Eva Marie Kessler reden wir in der Servicestunde über das Jungbleiben im Alter.

Ein kleines Mädchen sitzt auf dem Schoß einer älteren Dame und fasst ihr an die Nase.
Alt werden und trotzdem jung bleiben, das ist die große Kunst. Bildrechte: imago images/Westend61

"Die Zeit läuft weiter, sie bleibt nicht stehen", sang Karel Gott einst in der Hymne "Für immer jung". Doch wie gelingt es, für immer jung zu bleiben, wenn das Alter doch unaufhörlich voranschreitet?

Für viele beginnt das Altsein mit dem Rentenbeginn. Doch der Abschied vom Berufsleben muss kein Grund zur Trauer sein, weiß auch die Alterspsychologin Eva Marie Kessler. Es sei völlig normal, dass die Menschen den Renteneintritt sehr unterschiedlich erleben würden. Bei vielen herrsche erstmal Traurigkeit über den Verlust des Arbeitsplatzes, andere freuen sich auf die neue Freiheit, sagt Kessler.

Menschen fühlen sich jünger als sie sind

Das unterschiedliche Erleben des eigenen Renteneintritts hängt auch mit der inneren Einstellung zum Alter zusammen. Normalerweise fühlen sich Menschen jünger, als sie eigentlich sind. Ab 30 beginnt diese innere Schere zwischen dem tatsächlichen und empfundenen Alter. Und sie wird tendenziell größer: Nicht selten fühlen sich 70-Jährige wie mit 50. Das sei grundsätzlich etwas Gutes, sagt Kessler, denn diese innere Einstellung treibe uns an und führe dazu, dass wir uns auch im Alter noch zutrauen, neue Dinge zu erleben und zu meistern. Lernen im Alter, das belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien, hält den Menschen geistig aktiv und damit auch gesund.

Ein älteres Ehepaar kampelt spaßhaft miteinander. 9 min
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Eva Marie Kessler ist Professorin für Alterspsychologie an der Medical School Berlin und beschäftigt sich mit der Frage, wie wir das Altwerden seelisch verarbeiten. Sie verrät Tipps fürs Jungbleiben im Alter.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 16.11.2020 11:58Uhr 09:17 min

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Gleichzeitig warnt Eva Marie Kessler aber auch davor, das eigene Alter zu verkennen. Wer sein Alter akzeptieren könne, ohne dadurch den Ansporn für neue Dinge zu verlieren, lebe zufriedener und glücklicher. Dadurch reduziert sich der empfundene Stress, der das Leben verkürzen kann.

Pläne schmieden, Loslassen lernen

Das Leben nach dem Berufsleben sollte außerdem vorbereitet werden. Schon frühzeitig im Leben können Ziele fürs Alter definiert und Pläne geschmiedet werden. Es gilt, das hohe Alter als Chance zu begreifen, um langgehegte Lebensträume zu erfüllen und die Dinge nachzuholen, für die bislang zu wenig Zeit blieb: Das können Reisen sein oder große Projekte, wie den Roman zu schreiben, der einem schon so lange im Kopf rumgeistert. Aber auch die Renovierung der Wohnung, die Umgestaltung des Gartens oder sich endlich einen Hund zuzulegen - all diese Dinge können geplant werden und den Start ins Rentenalter positiv gestalten. Wer hingegen planlos in Rente geht, läuft nicht selten Gefahr, in ein Rentenloch zu fallen.

Opa liest Enkelkindern eine Geschichte vor.
Sich für die Dinge Zeit nehmen, die wirklich wichtig sind, reduziert Stress und lässt uns glücklich alt werden. Bildrechte: imago images / Westend61

Außerdem sollten Sie lernen loszulassen. Denn mit zunehmendem Alter sinkt auch die eigene Erschöpfungsgrenze. Während wir uns im Berufsleben immer wieder Stress aussetzen und dazu neigen, von uns selbst zu viel zu verlangen, sollten Sie gerade im Alter klar definieren, was wichtig und was unwichtig ist. Wer beispielsweise jahrelang den eigenen Garten gehegt und gepflegt und gleichzeitig noch wertvolle Vereinsarbeit in der Freiwilligen Feuerwehr geleistet hat, sollte sich im Alter fragen: Muss wirklich beides sein? Wer im Alter Stress reduziert, wird nicht nur glücklicher, sondern auch älter.

Welches Bild vom Alter gewinnen wir im Leben?

Ein letzter wichtiger Punkt, um im Alter jung zu bleiben, ist, das eigene Bild vom Alter nicht trüb werden zu lassen. Negative Medienberichte sowie familiäre oder berufliche Erfahrungen können dazu führen, dass wir fürs Alter schwarz sehen.

Altersbilder werden selbsterfüllende Prophezeiungen! Es sind nicht nur die Produkte unserer Erfahrungen, sondern sie prägen auch die Erfahrungen, die wir tatsächlich machen. Wer glaub, dass es mit dem Alter nur berabgeht, ist tendenziell passiver und geht schlechter mit Erkrankungen und Gebrechen um.

Eva Marie Kessler, Alterspsychologin

Viel sinnvoller ist es, sich mit positiven Beispielen vom Alter auseinanderzusetzen und sich dadurch auch klar zu machen, dass im Alter noch immer Entwicklungen möglich sind. Das, sagt Kessler, helfe uns dabei, zufrieden und gesund zu altern.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 16. November 2020 | 11:05 Uhr