Servicestunde | 30.09.2020 Depression: Was ein Facharzt Familien und Freunden rät

Der 1. Oktober ist der "Europäische Depressionstag". Im Kreis Saalfeld-Rudolstadt gibt es als Hilfe bei Depressionen ein ganzes Netzwerk. Wir sprachen mit Martin Roebel von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Thüringen Klinik über dieses Netzwerk.

Eine junge Frau schaut traurig durch eine regennasse Fensterscheibe. 16 min
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Seit 2011 arbeiten im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt Klinik, sozialpsychiatrischer Dienst, Diakonie, Selbsthilfegruppen und Angehörige zusammen. Was bei diesem Austausch herauskommt, was das Stigma Depression bedeutet und wie sich Corona und Depression bedingen, das erklärte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Martin Roebel, in der Servicestunde bei MDR THÜRINGEN.

Das Ziel der Beteiligten sei die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Depression. Dafür planen die Beteiligten Aktionen und Veranstaltungen. Einmal im jahr gibt es einen großen Aktionstag gegen Depressionen mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden über Behandlungen und das Krankheitsbild. Hier finden Sie Kontakt zum Netzwerk.

Mit einer Depression ist man ein veränderter Mensch. In einer Depression denkt man anders, man tickt anders, man hat ein anderes Zeitgefühl. Das ist so eine Art innerer Zerfall, im schlimmsten Fall eine Lähmung. Man kann sich nur ganz langsam bewegen, alles fällt einem schwer. Man nimmt alles verzerrt wahr, wie durch eine schwarze Brille - auch positive Dinge. Gefühle sind meist völlig weg.

Martin Roebel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Bei Menschen, die das nicht wissen oder kennen, kann ein falscher Eindruck entstehen.

Oft denken Leute, die sie treffen, dass der Mensch mit Depressionen nicht so leistungsfähig ist, der kann sich nicht konzentrieren. Der ist vielleicht faul, soll sich mal zusammenreißen. Nur anstrengend - und es wird schon wieder. Das ist aber leider nicht so! Depression ist eine schwere Erkrankung, die auch länger dauern kann, also Wochen und Monate, und die man behandeln muss!

Martin Roebel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Oft liegt Depression auch in der Familie. Doch es ist so, dass das Ganze früher häufig verheimlicht wurde. Martin Roebel rät deshalb, mit der älteren Generation der Familie zu sprechen. Denn oft begleitet die Krankheit sie über Generationen hinweg und auch die Kinder und Enkelkinder bekommen Depressionen. Die Großeltern hatten es gegebenenfalls auch schon - aber sind ganz anders damit umgegangen. Da haben Kinder vielleicht nicht erfahren, dass die Mutter deshalb im Krankenhaus war.

Silhouette von einem Mann und einer Frau, auf einer Bank sitzend.
Häufig liegen Depressionen "in der Familie". Bildrechte: imago/Frank Sorge

Psychiatrie, das war absolut tabu, so Martin Roebel weiter. Deshalb hätten sich Betroffene vielleicht eine andere Erklärung ausgedacht. Dabei sei es eben ganz wichtig, dass es auch ein Stück weit normal ist, sich in der Klinik behandeln zu lassen.

Viele Menschen haben nur einmal im Leben eine depressive Phase und sind danach wieder gesund. Aber es gibt auch andere Krankheitsverläufe - bei denen Betroffene immer wieder erkranken, in die Klinik müssen, zur ambulanten Therapie oder eben zur Psychotherapie.

Gerade in Corona-Zeiten mit Lockdown, wenig Kontakt und viel Isolation nimmt die Zahl der Depressionen zu.

Das bedeutet einen Riesenstress für Leute, die die Veranlagung haben, Depressionen oder Angst-Erkrankungen zu bekommen. Und es gibt auch erste Studien, die gezeigt haben, dass tatsächlich auch die Zahl der Erkrankungen deutlich zunimmt. In diesem Ausnahmezustand steigt die Angst, die Angst vor Tod, davor, dass Angehörige sterben könnten, dass man selbst schwer erkrankt. Auch die wirtschaftliche Not ist ein ganz wichtiger Punkt. Man verliert vielleicht den Job. Die Strukturen wurden aufgelöst, also für chronisch psychisch Kranke ist das zum Beispiel ganz schlimm gewesen, dass die Tagesstätten und Werkstätten schließen mussten, sie keine Tagesstruktur mehr hatten.

Martin Roebel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Eine Frau sitzt nachts auf der Couch und schaut in ihren Laptop.
Die Corona-Zeit ist auch psychisch eine Herausforderung. Bildrechte: imago images / photothek

Anzeichen für eine Depression:

  • man schläft nicht mehr (durch)
  • man kann sich nur kurz konzentrieren
  • man fühlt sich erschöpft, energielos, antriebslos
  • man hat ein Gefühl der Traurigkeit, das länger als zwei Wochen andauert oder man hat das Gefühl, keine Gefühle mehr zu haben
  • der Tag ist geprägt von einem Nachdenken über dieselben Themen, Gefühle der Hoffnungslosigkeit, der Sinnlosigkeit
  • man zieht sich sozial zurück, bricht Kontakte ab

Wer diese Anzeichen auch bei Freunden, Familie und Bekannten erkennt, sollte "keine Hemmungen haben", diejenigen darauf anzusprechen und nachzufragen. Natürlich sei auch ganz wichtig zu sagen: "Es gibt Hilfe, es gibt professionelle Hilfe und es gibt gute Möglichkeiten, schnell Hilfe in Anspruch zu nehmen", so Facharzt Roebel.

Herbstdepression
Wichtig ist es, Hilfe aufzuzeigen. Bildrechte: colourbox

Bei schweren Depression haben die Betroffenen oft Suizidgedanken, dass man das auch anspricht. Es ist nicht so, dass man durch Nachfrage nach Selbstmord die Leute erst "auf die Idee" bringt - im Gegenteil. Das entwickelt sich von innen heraus in einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Die Betroffenen sehen keinen Ausweg mehr. Wenn das jemand anspricht, ganz offen, kann es ein Entlastung für den Betroffenen sein.

Info-Telefon Depression: 0800-3344533 Das bundesweite Info-Telefon Depression soll Betroffenen und Angehörigen den Weg zu Anlaufstellen im Versorgungssystem weisen. Dies stellt keinen Ersatz für eine Behandlung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten dar. In akuten Krisen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112.

Das Info-Telefon Depression ist kostenfrei.

Sprechzeiten:
Mo, Di, Do: 13:00 - 17:00 Uhr
Mi, Fr: 08:30 - 12:30 Uhr

Das Info-Telefon Depression bietet:

Krankheits- und behandlungsbezogene Informationen
Hinweise zu Anlaufstellen im bestehenden Versorgungssystem

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 30. September 2020 | 11:10 Uhr