Ein Vater starrt auf sein Smartphone, während sein Baby aus dem Fenster eines fahrenden Zuges springen will.
Wenn das Smartphone wichtiger als das Kind ist .... Bildrechte: IMAGO

Servicestunde | 26.09.2018 Kinder und Bildschirmmedien - Das empfehlen Kinderärzte

Der Weimarer Kinderarzt Dr. Dirk Rühling fordert: Eltern sollten ihre Bildschirmnutzung im Beisein der Kinder auf den Prüfstand stellen. Tipps für die kindgerechte Nutzung von Smartphone und Co. gibt es in der Servicestunde.

Ein Vater starrt auf sein Smartphone, während sein Baby aus dem Fenster eines fahrenden Zuges springen will.
Wenn das Smartphone wichtiger als das Kind ist .... Bildrechte: IMAGO

Der Weimarer Kinderarzt Dr. Dirk Rühling erlebt es täglich in der Praxis: Im Warteraum sitzt das fiebernde Kleinkind, daneben ist die Mutter mit ihrem Handy beschäftigt. Sich vom Kind abzuwenden erleben die Kinder selbst laut Rühling als emotionale Vernachlässigung.

Zudem werden Kinder oftmals mit dem flimmernden Tablet ruhig gestellt. Welche Folgen die immer zeitigere und ausgedehnte Bildschirmnutzung für die Kindesentwicklung hat, erlebt der Kinderarzt auch im Berufsalltag: Schlafstörungen und Unruhe bei den Kleinsten, verzögerte oder gar verminderte sprachliche Entwicklung, die motorischen Fähigkeiten gehen weiter zurück.

Dauerdaddeln führt oft zur Mediensucht

Von sozialen Medien wie WhatsApp und Instagram werden viele Kinder und Jugendliche abhängig. Daher haben Kinder- und Jugendärzte einen Flyer entwickelt, der bereits bei den ersten Vorsorgeuntersuchungen den Eltern mitgegeben werden soll. Er enthält Erklärungen und Tipps, wie Eltern ihre Kinder an einen achtsamen und gesunden Umgang mit digitalen Medien bzw. Bildschirm-Medien (Smartphone, Tablet, Spielekonsole) heranführen können und ihre Medienkompetenz schulen können.

Eltern wollen ihre Kinder vor Gefahren schützen und statten den Nachwuchs mit Smartphones aus, damit sie immer erreichbar sind. Gleichzeitig nehmen sie aber in Kauf, dass Kinder ungeschützt den Gefahren des Internets ausgesetzt sind. "Man würde auch nicht auf die Idee kommen, einen Zwölfjährigen allein in ein Flugzeug für eine Reise nach New York zu stecken", sagt Rühling.

Bildschirme beim Essen aus! Kein Bildschirm als Hintergrundkulisse!

Dr. Dirk Rühling
Ein Mädchen tippt auf einem Tablet
Zu viele Kinder verbringen ihre Freizeit vor dem Bildschirm. Bildrechte: Colourbox.de

Eltern sollten stattdessen den Konsum von Bildschirm-Medien zeitlich begrenzen und ihren Kindern zeigen, welche Freude es macht, mit allen Sinnen die reale Welt und das reale Miteinander mit Freunden zu erleben. Denn vor dem Smartphone oder dem Tablet sitzen die Kinder regungslos. Die Feinmotorik und andere Sinneserfahrungen wie tasten, schmecken oder riechen werden vernachlässigt. Ein positiver Effekt auf die Sprachentwicklung findet laut Rühling nur im direkten Miteinander statt.

Empfehlungen für Eltern

  • Eltern sind Vorbilder. Daher gilt: Gehen Sie achtsam mit Bildschirm-Medien um. Legen Sie das Handy beim Essen weg. Auch vor dem Einschlafen.

  • Setzen Sie Bildschirm-Medien nicht als Erziehungshelfer ein, also zur Beruhigung oder Belohnung.

  • Die Wirklichkeit hat Vorfahrt. Spielen und bewegen Sie sich mit Ihrem Kind an der frischen Luft.

  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seine Erfahrungen, wenn es Filme (z.B. auf dem Tablet) ansieht. Lassen Sie es nicht alleine.

  • Begrenzen Sie die Nutzungszeit des Bildschirm-Mediums. Halten Sie auch Altersbeschränkungen ein.

  • Sorgen Sie für eine sexuelle Aufklärung Ihres Kindes, bevor es sich diese aus dem Internet holt.

  • Erlauben Sie sich (und Ihrem Kind) auch unerreichbar zu sein. Das Leben geht trotzdem weiter.

Die Kinder langsam ranführen

Nutzung, Umgang und auch bewusste Ablehnung von Informationen müssen von Kindern erst gelernt werden. Medienexperten raten daher zu einem einfachen Handy für Kinder ab neun Jahren. Den richtigen Zeitpunkt für ein Smartphone setzen sie auf ab zwölf Jahre fest. Ein Smartphone mit all seinen Möglichkeiten überfordert die sozialen und geistigen Fähigkeiten eines Grundschülers.

Kein Bildschirm-Medium unter 3 Jahre!

Dr. Dirk Rühling

Generell gilt: Bevor Kinder ein eigenes Smartphone bekommen, sollten Eltern es gemeinsam mit ihnen üben. Was ist gut und sinnvoll, was dürfen Kinder nicht? Wie lange darf das Smartphone täglich genutzt werden? Werden Kinder zu früh und zu lange mit diesen Medien sich selbst überlassen, kann sich das auf die sprachliche und geistige Entwicklung auswirken.

Nehmen Sie sich Zeit für die gemeinsame Entdeckung und vermitteln Sie Ihren Kindern, dass ein Smartphone ähnlich wie ein PC in erster Linie ein Gebrauchsgegenstand ist.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 26. September 2018 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2018, 13:17 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Mehr zum Thema