Servicestunde | 16.06.2020 Herzschutz aus der Kapsel? Griff zur Vitaminpille birgt Risiken

Ob Betacarotin, Vitamin D oder Fischöle: Die Produktpalette an Nahrungsergänzungsmitteln ist groß. Gerade für Herzpatienten sollen sie förderlich sein, immer wieder ist von positiven Wirkungen auf Herz und Kreislauf zu lesen. Doch ist die Einnahme wirklich so sinnvoll wie die Werbung behauptet? Wer braucht Nahrungsergänzung und was passiert bei Überdosierung? Sina Waage spricht mit Prof. Dr. med. Hans Hauner vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung in der Servicestunde.

Natürliche und künstliche Vitamine
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Professor Dr. med. Hans Hauner vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung warnt: "Eine unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln kann schädlich sein." So sollten Nahrungsergänzungsmittel nicht einfach so ins Blaue eingenommen werden.

Nur bei einem nachgewiesenen Mangel unter ärztlicher Kontrolle sind sie sinnvoll und unbedenklich.

Professor Dr. med. Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München

Ernährung hat großen Einfluss auf Herz und Kreislauf

Neben Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Übergewicht und auch Genetik kommt unserer Ernährung eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu. Nach neueren Studien aus Europa und Nordamerika wird schlechte Ernährung demnach für bis zu 50 Prozent aller Ereignisse (wie etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle) und Tode durch kardiovaskuläre Erkrankungen verantwortlich gemacht.

Wie Ernährungsmediziner vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum in München berichten, fällt es im Alltag vielen Menschen schwer, sich gesund zu ernähren. Zudem machten sie einen bedenklichen Trend aus: "Wen dann das schlechte Gewissen plagt, weil Gemüse, Obst oder pflanzliche Öle immer wieder zu kurz kommen, greift zum Ausgleich gerne zu Nahrungsergänzungsmitteln." Doch auch jetzt - während der Corona-Pandemie - ist es wichtig, sich gesund zu ernähren und ausreichend zu bewegen, um sein Herz - auch im Fall einer Ansteckung mit dem Coronavirus - in Form zu halten.

Tabeletten in einem Apfel. 8 min
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Omega-3-Fettsäuren aus der Kapsel haben keinen Mehrwert

Gebratene Lachswürfel mit Senf-Sauce
Fettreicher Fisch - wie z.B. Lachs - sollte regelmäßig auf dem Speiseplan stehen. Bildrechte: MDR/Jens Trocha

Vor allem Omega-3-Fettsäuren wird ein besonderer Herzschutz zugeschrieben. Diese Fettsäuren kommen in fettreichem Fisch, aber auch in vielen Pflanzenölen vor. Entsprechend sind viele Fischölkapseln auf dem Markt. Doch wie Prof. Hauner sagt, spricht die derzeitige Studienlage nicht für einen Nutzen der Einnahme von Omega-3-Fettsäuren in Form von Fischölkapseln. Stattdessen gelte immer noch der Rat: Wer sich gesund ernährt, nimmt ausreichend Omega-3-Fettsäuren zu sich.

Gefahr durch Überdosierung mit Nahrungsergänzungsmitteln

Bei anderen Nährstoffen zeigte sich bei langjähriger Einnahme sogar ein negativer Effekt. Die sogenannte HOPE-Studie aus dem Jahr 2005 belegt, dass eine langjährige Einnahme von Vitamin-E-Kapseln das Risiko eine Herzschwäche zu entwickeln erhöht. Ernährungsexperte Hauner warnt darüber hinaus: "Durch die Kombination von Supplementen und das Anreichern von immer mehr Lebensmitteln mit Vitaminen und Mineralstoffen steigt die Gefahr, dass eine Überdosierung erfolgt und die tolerierbaren Grenzwerte überschritten werden."

Zudem wiegen sich Menschen durch die Einnahme in falscher Sicherheit und vernachlässigen nicht selten eine gesunde Ernährung.

Professor Dr. med. Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München

Ausgewogene Ernährung schützt besser als Vitaminpillen

Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen bietet den Experten zufolge vor allem eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukten, ausreichend Eiweiß sowie pflanzlichen Ölen und Nüssen. Ebenso wirksam ist demnach eine mediterrane Ernährung, die neben allerlei Gemüse, Obst und Pflanzenölen auch reichlich Fisch enthält. Für Herzpatienten kann auch eine vegetarische, ausgewogene Ernährung empfohlen werden. Insbesondere bei veganer Ernährung - wenn auf jegliche tierische Lebensmittel verzichtet wird - sollte man auf seine Vitamin B12-Aufnahme auch. Aber auch hierbei gilt: Nahrungsergänzungsmittel sind nur bei einem nachgewiesenen Mangel unter ärztlicher Kontrolle sinnvoll und unbedenklich.

Verschiedene Kapseln, in Packungen und einzeln
Nahrungsergänzungsmittel sollten nur unter ärztlicher Kontrolle genommen werden. Bildrechte: colourbox

Ausführliche Informationen für Herz-Kreislauf-Patienten zum Thema Nahrungsergänzungsmittel bietet die Ausgabe 2/2020 von Herz heute.

Quelle: MDR THÜRINGEN/Deutsche Herzstiftung e.V.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag mit Haase und Waage | 16. Juni 2020 | 11:00 Uhr