Evakierung nach dem Fund einer amerikanischen 250-Kilogramm-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg in Saalfeld.
Diese amerikanische 250-Kilogramm-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg wurde in Saalfeld gefunden. Bildrechte: MDR/TV Martin Wichmann

Der Redakteur | 24.05.2018 Warum explodiert eine Bombe nur teilweise?

"Das Gefährlichste an meinem Job ist der Weg zum Einsatzort". Das hat mir vor ein paar Jahren einmal ein Kollege vom Kampfmittelräumdienst gesagt. Das war vielleicht etwas übertrieben formuliert, aber das Entschärfen von Fliegerbomben ist auch nur eine berufliche Tätigkeit, bei der man überlegt handeln muss.

von Thomas Becker

Evakierung nach dem Fund einer amerikanischen 250-Kilogramm-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg in Saalfeld.
Diese amerikanische 250-Kilogramm-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg wurde in Saalfeld gefunden. Bildrechte: MDR/TV Martin Wichmann

Das müssen Chirurg, Pilot oder Kranfahrer ebenfalls tun und die Aufzählung ist definitiv unvollständig. Thüringen hat den Aufgabenbereich privatisiert, deswegen werden bei uns die Bomben sozusagen von einer privaten Firma entschärft. Trotzdem muss kein Privatmann fürchten, dass er auf den Kosten sitzenbleibt, wenn er in seinem Garten auf etwas Undefinierbares stößt. Lieber einmal zu viel Alarm schlagen, sagt Dr. Wolfgang Seidel. Er ist Chemiker und Feuerwerker vom Kampfmittelräumdienst Tauber.

Polizei sperrt Straße ab
Auch wenn die Bombe kontrolliert gesprengt wird, muss das Fundgebiet abgesperrt werden. Bildrechte: Roland Halkasch

Denn die Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg, mit denen die meisten Unfälle passieren, sind nicht die großen Bomben, sondern kleinere Munitionsfunde, die in falsche, weil spielerische Hände geraten. Wolfgang Seidel rät dringend davon ab, irgendwelche Teile gewaltsam zu öffnen oder gar ins Feuer zu werfen. Herumfliegende Metallteile sind tödlich, was auch nachvollziehbar ist, denn dafür wurden sie ja gebaut. Was den Bombenfund in Dresden betrifft, dort gestaltete sich ja die Entschärfung schwierig. Auf 50 zu 50 schätzten die Fachleute die Chancen, dass es gut geht. Es ging nicht gut und weil das Risiko hoch war, war auch niemand mit der Zange an der Bombe, als diese explodierte.

Da wird am Zünder eine Klemme befestigt. Daran sind Patronen, die das Ding in eine Drehbewegung versetzen. Also wie kleine Raketen, die aus der Ferne gezündet werden. Dadurch soll der Zünder herausgedreht werden. Meistens klappt das auch.

Dr. Wolfgang Seidel, Chemiker und Feuerwerker vom Kampfmittelräumdienst Tauber

In Dresden nicht, wie wir wissen. Und dass die Bombe nur zum Teil explodierte hat den Fachmann auch nicht überrascht.

Das ist eine Deflagration (von lateinisch deflagrare = abbrennen), die läuft etwas langsamer ab als eine Detonation. Es reicht dafür, dass in der TNT-Füllung ein Riss drin ist. Dann geht die Reaktion nicht weiter. Die Bombe war schon alt und hatte wohl einen solchen Riss gehabt in der Sprengstofffüllung.

Dr. Wolfgang Seidel, Chemiker und Feuerwerker vom Kampfmittelräumdienst Tauber


Dieser kann durch einen Fehler beim Befüllen oder auch durch den Aufschlag entstanden sein. Einfache Konstruktionen von Bomben haben einen Aufschlagzünder, das heißt: Sie werden besonders dann zum Blindgänger, wenn sie nicht auf die Nase fallen, sprich auf den Zünder.

Besonders gefährlich aber sind Bomben, die einen chemischen Zünder haben. Hier ist im Inneren ein gespannter Bolzen, der durch eine Kunststoffscheibe daran gehindert wird "loszulegen" und sozusagen wie beim Streichholz für die Initialzündung  zu sorgen. Eine kleine Glasampulle mit Säure zerbricht gewöhnlich beim Aufprall und damit startet ein tödlicher Countdown. Je nach Dicke der Kunststoffscheibe dauert es zum Beispiel zwei Stunden oder auch 24 bis der Bolzen durchschlägt.

Und wenn die Ampulle einst beim Aufschlag unbeschädigt geblieben ist, dann startet der Countdown im schlimmsten Fall mit dem fatalen Griff einer Baggerschaufel. Wie lange er läuft, weiß allerdings niemand. Solche Bomben lassen sich auch nicht entschärfen, dann muss vor Ort gesprengt werden. Mit reichlich Schutzmaterialien drum herum.

Im Prinzip geht es da immer um die Wirkungsdämpfung. Also ich muss irgendein Material drum herum bauen, was den Druck und die Splitter aufnehmen kann. Das darf kein hartes Material sein. Das muss die Energie gut aufnehmen können.

Dr. Wolfgang Seidel, Chemiker und Feuerwerker vom Kampfmittelräumdienst Tauber
Mit Sand gefüllte Säcke stehen neben einem ausgehobenen Erdloch auf einer Wiese.
Mit Sand gefüllte Säcke um das Fundloch einer Flieger-Bombe nahe Nordhausen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Strohballen sind gut geeignet, sie brennen allerdings. Mit Wasser gefüllte Gummibehälter sind deshalb noch besser geeignet. Allerdings kann man die Wirkung nicht auf null bringen, die Fensterscheiben im Umkreis von 50 Metern sind mindestens hinüber. Aber nicht nur die Sprengwirkung bleibt bei den Bomben und vielen Munitionsarten erhalten, auch die Technik. Äußerlich sind sie meistens bis zur Unkenntlichkeit verrostet, aber innen noch wie neu, sagt Dr. Seidel. Das macht es so gefährlich und deshalb ist es so wichtig, dass man mit geübtem Auge erkennt, was da für ein Typ gefunden wurde.

Man muss das Ding erkennen und dann ist die halbe Gefahr schon weg.

Dr. Wolfgang Seidel, Chemiker und Feuerwerker vom Kampfmittelräumdienst Tauber

Und selbst ein entspannter Typ zu sein, gehört zu seinem Berufsbild. Als alter Hase muss er auch mit dafür sorgen, diese Entspannung auf den Nachwuchs zu übertragen und dessen Entdeckerdrang sozusagen einzubremsen.

Ich darf natürlich kein Heißsporn sein und sagen: 'Das wird schon gut gehen und jetzt drehe ich mal.' Das geht natürlich nicht.

Dr. Wolfgang Seidel, Chemiker und Feuerwerker vom Kampfmittelräumdienst Tauber

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 24. Mai 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2018, 16:29 Uhr

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