Der Redakteur | 08.04.2019 Kann man Sporen und Keime in der Mikrowelle abtöten?

Wolfgang Richter aus Bad Langensalza wollte wissen: Können Pilzsporen in der Mikrowelle abgetötet werden? Was wird denn überhaupt abgetötet, an Bakterien zum Beispiel? Und reicht dafür die Strahlung aus?

von Thomas Becker

Mikrowelle
Eigentlich dient sie zum Erwärmen von Speisen. Doch kann man in der Mikrowelle auch gezielt Keime abtöten? Bildrechte: Colourbox.de

Viele Schimmelpilze und ihre Sporen überleben den Hitzeschock in der Mikrowelle nicht. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Es sind nicht alle. Und die noch schlechtere: Die Sporen sind gar nicht das Hauptproblem. Aber bleiben wir noch kurz bei den Sporen, die - wenn überhaupt - aber nicht durch die "Strahlung" abgetötet werden. 

Die Pilzsporen müssen sich in Wasser befinden, andernfalls werden sie gar nicht heiß.

Jürgen Tier-Kundke, Sprecher Bundesamt für Risikobewertung

Bei 70 Grad könnte es funktionieren

Und das wäre unbedingt notwendig. Dem trockenen Pilzbesatz, irgendwo an den Wänden, kann nur mit einem herkömmlichen Putzeinsatz zu Leibe gerückt werden. Und nur so ist auch den viel gefährlicheren Hinterlassenschaften der Pilze beizukommen. Übrig bleiben nämlich die noch gar nicht so lange bekannten Mykotoxine, also Gifte, die schon in geringen Konzentrationen bei Mensch und Tier Vergiftungen auslösen. Selbst Bakterien kommen mit ihnen nicht so gut klar, der Pinselschimmel (lat. Penicillium) hilft uns nicht umsonst bei der Produktion von Antibiotika -Stichwort Penicillin. Kurz gesagt sind Mykotoxine nicht nur krebserregend, sie schädigen auch das Zentralnervensystem, das Erbgut und den Embryo, dazu Organe wie Leber und Niere und sie lösen Hautreizungen und allergische Reaktionen aus. Braucht es also noch mehr Argumente dafür, verschimmelte Lebensmittel einfach zu entsorgen und Schimmel im Kühlschrank oder in der Mikrowelle gründlich zu entfernen? Letztere wird sehr gern als Reinigungs-Allzweckwaffe verwendet. Neu hinzu kam heute die Erkenntnis, dass Holzwürmer in schick gedrechselten irdenen Gefäßen "verdampfen". Auch das "Reinigen" von Abwaschlappen und -schwämmen in der Mikrowelle ist weit verbreitet, verbunden mit der dringenden Empfehlung, diese vorher ordentlich nass zu machen. (Zwischenfrage: Früher wurden Windeln ausgekocht, wie sind diesbezüglich Ihre Erfahrungen in der Mikrowelle? Ist da die Kacke am Dampfen?)

Sie brauchen auf jeden Fall den nassen Schwamm. Das heißt: Legen Sie ihn in eine Schüssel mit Wasser und dann kocht er.

Jürgen Tier-Kundke, Sprecher Bundesamt für Risikobewertung

Über 70 Grad und über zwei Minuten, das sind die Eckdaten für eine sinnvolle Keimreduzierung. Da sind wir aber auch schon sehr dicht am Auskochen, mit dem Unterschied, dass wir damit auf der sichereren Seite sind. Denn die Mikrowelle funktioniert eben nur in den feuchten Bereichen der zu erhitzenden Inhalte. Deswegen sind ja auch viele Lebensmittel immer nur sehr ungleichmäßig erhitzt und in den trockenen Inseln bleibt es roh und kalt und auch gefährlich. Weil rohes Geflügelfleisch eben komplett durchgegart werden soll.   

Gefährliche Bakterien in Küchenschwämmen

Bleiben wir aber noch etwas bei unserem halbgaren Küchenschwamm. Forscher der Hochschule Furtwangen (HFU), der Justus Liebig-Universität Gießen und des Helmholtz Zentrums München waren sich nicht zu fein und haben 14 Küchenschwämme aus Haushalten des Großraumes Villingen-Schwenningen untersucht. Dass Bakterien darin wilde Partys feiern, das überraschte niemanden, sind die Schwämme doch durch ihre Struktur und große (innere) Oberfläche wie ein Hochhaus mit ganz vielen Wohnungen. Gezählt wurden mehr 362 verschiedenen Arten. Darunter Umwelt- und Wasserbakterien, aber auch um Bakterien, die typischerweise auf der menschlichen Haut vorkommen. Allerdings war die Hälfte der zehn häufigsten Arten, die in den Schwämmen gefunden wurden, potentiell krankmachend. Besonders alte oder kranke bzw. immungeschwächte Menschen sind gefährdet und sollten die Schwämme lieber entsorgen, als diese zu reinigen. Und zwar - so die Empfehlung der Wissenschaftler - besonders in Krankenhäusern und Altenheimen nach einer Woche, sonst nach zwei Wochen. Interessant ist nämlich, dass das Reinigen nicht zwangsläufig dazu führt, dass die Schwämme oder Lappen keimfreier werden. "Hygienepapst" Professor Markus Egert, der mit seinem Buch "Ein Keim kommt selten allein" die Problematik auch schon populärwissenschaftlich aufgearbeitet hat, war an dieser Studie entscheidend beteiligt.

Was für viele Leute erschreckend war, dass wir in Schwämmen, von denen ihre Benutzer sagen: Ja , wir reinigen unseren Schwamm regelmäßig, da haben wir einen höheren Anteil an schlechtgerucherzeugenden bzw. krankmachenden Bakterien gefunden.

Prof. Markus Egert, Hochschule Furtwangen

Keine Panik

Offensichtlich lassen sich nicht alle Bakterien von der Reinigung beeindrucken und die Reinigungsmaßnahme führt zu Selektion von reinigungsresistenten Mikroorganismen. Blöderweise - so scheint es - wird den krankmachenden dadurch sozusagen erst der Weg freigeräumt, weil nun weniger Keime da waren, die sich um das Futter streiten mussten. Genauer wurden die Gründe aber noch nicht untersucht. Zwar verminderte sich zum Beispiel in den Schwämmen durch das Reinigen in der Mikrowelle oder durch das Auswaschen die Keimzahl, aber unter allem, was dann schnell nachwuchs, waren die potentiell krankmachenden Bakterien eben ganz vorn dabei. Die Wissenschaftler vermuteten auch eine höhere Stresstoleranz dieser Bakterienarten. Da ist es beruhigend zu wissen, dass die neu gekauften und getesteten Schwämme keimfrei waren. Nun könnten wir natürlich Glück haben und die Schwämme behalten ihre Keime für sich, aber das untersuchen die Wissenschaftler gerade. Dabei geht es auch darum, wie viele der krankmachenden Bakterien noch aktiv sind und sich auch auf die ja eigentlich gereinigten Flächen nebst dem Putzenden selbst verteilen. Bis diese Untersuchungen abgeschlossen sind, schauen Sie sich die vielen Argumente in der sehr umfangreichen Studie an, die die Bakterien sogar sichtbar gemacht hat!

Nun sollten wir aber auch wissen, dass eine gewisse Zahl an Bakterien gute Trainingskameraden für unser Immunsystem sind. Auch machen nicht alle Bakterien krank. Im Gegensatz zu den Schimmelpilzgiften übrigens, die, wie der Name schon sagt, giftig sind. Wer also die ganz große Keule schwingt und ständig mit Desinfektionsmitteln seinen Haushalt drangsaliert, der sollte schleunigst umdenken.

Im Normalhaushalt sind Desinfektionsmittel nicht nötig. Das kann in Absprache mit dem Arzt erfolgen, wenn ein Kranker im Haushalt ist, der sich nicht anstecken darf oder von dem eine Gefahr ausgeht. Dann muss es das richtige Mittel sein, das auch hoch genug dosiert sein muss, um zu wirken.

Jürgen Tier-Kundke, Sprecher Bundesamt für Risikobewertung

Das Problem ist nicht der Schwamm, sondern der Kühlschrank

Und außerdem trifft Ihre Putzwut ohnehin die falschen Flächen. Während Sie die Toilette wahrscheinlich mindestens einmal wöchentlich gründlich reinigen, ist der Kühlschrank nur alle paar Wochen oder gar Monate an der Reihe. Eine fatale Einladung an alle Bakterien, die es dann direkt bis auf Ihren Tisch schaffen. Am beeindruckendsten ist immer der Vergleich Klobrille/Kühlschrank. Während auf der Brille nur 10 bis 100 Keime pro Quadratzentimeter fast verhungern, leben im Kühlschrank Millionen Artgenossen wie im Schlaraffenland. Hier ein Klecks und dort ein Krümelchen, dazu offene Töpfe und Schälchen – das ist eine Einladung, die besonders die Keime gerne annehmen, die auch bei knapp über null Grad noch Liebe machen. Deshalb zum Abschluss die ganz extreme Frage an den Hygienepapst: Wenn Sie einen Apfel abgewaschen haben, wo würden Sie den hinlegen, bis Sie ihn essen? In den Kühlschrank oder auf die Klobrille?

Naja sagen wir es mal so: Wenn Sie den Apfel in den Kühlschrank legen, werden nachher vielleicht mehr Keime drauf sein, als wenn Sie ihn mal kurz auf der Toilettenbrille geparkt hätten.

Prof. Markus Egert, Hochschule Furtwangen

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 08. April 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 15:00 Uhr

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1 Kommentar

09.04.2019 08:16 Dietrich 1

Entkeimen und Desinfizieren erfolgt mit UVC-Strahlern besser, schneller und kostengünstiger als mit der Mikrowelle.