Der Redakteur | 26.03.2019 Warum gibt es in Thüringen so viele unterschiedliche Kirchtürme?

Horst Heinrich aus Töttelstedt fotografiert gern Kirchtürme. Dabei ist ihm aufgefallen, dass es sehr viele verschiedene Arten gibt. In seiner Heimat Baden-Würtemberg wären diese "einheitlicher". Daher fragt er sich: "Warum ist das so und wie ist das entstanden?" Unser Redakteur für Hörerfragen - Thomas Becker - hat recherchiert.

von Thomas Becker

St. Petri Kirche in Büßleben
Die Kirchtürme in Thüringen haben alle ihre eigene Geschichte. Bildrechte: Andreas Reinhardt

Die Thüringer Vielfalt fällt offenbar auf. Das hat auch Nachteile, denn in vielen Gegenden Bayerns zum Beispiel sieht man auf den ersten Blick, dass der Zwiebelturm eben in Bayern steht. Das ist ein Markenzeichen wie die Lederhose. Die Vielfalt bei uns hat etwas damit zu tun, dass die Türme in unterschiedlichen Epochen errichtet wurden. Der romanischen Nikolaikirche in Eisenach von 1150 lagen demzufolge ganz andere Pläne zugrunde als der Pfarrkirche "Zu den Heiligen fünf Wunden" in Dermbach, die auf 1735 datiert ist, also im Spätbarock entstand. Dazwischen hat man mal eben den gotischen Dom zu Erfurt "dazwischengeschoben". Vereinfacht gesagt: Gleiche Epoche, ähnliches Aussehen. Kirchtürme sind eben auch eine Mode-Erscheinung.

Sie stammen aus einem sehr langen Zeitraum, wir haben viele auch sehr alte Türme, die noch erhalten sind. Und dann spielen auch regionale Faktoren eine Rolle, also welche Handwerker oder Baumeister waren gerade tätig.

Elke Bergt Leiterin des Baureferats Evangelische Kirche Mitteldeutschland

Das gilt auch für das Material. Importe aus fernen Ländern waren unüblich, man nahm, was in der Gegend vorhanden war. Eben zum Beispiel Schiefer für das Dach, Sandstein für die Mauern oder eben Fachwerk, wenn ausreichend geeignetes Holz vorhanden war. Hinzu kommt, dass wir mit dem Kirchturm meistens die Haube meinen, die logischerweise am weitesten zu sehen ist und mitunter auch immer mal erneuert und an den Zeitgeist angepasst wurde. Religiös begründen kann man die Existenz des Kirchturmes aber nicht so richtig. Denn die ersten Kirchen kamen auch ganz gut ohne Turm aus und der Herr hat es offenbar nicht eingefordert. Aber manche Herren halt. Mit der Zeit wurde der Kirchturm nämlich auch zum Symbol für einen gewissen Stolz und war ein Signal an die Umgebung, dass man sich etwas leisten konnte. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang: Es gab auch in sehr frühen Kulturen schon immer Türme, die zumeist die männliche Fruchtbarkeit symbolisierten.

Das ist aber nicht der Grund dafür, dass es in Thüringen - bei aller Vielfalt - häufig sehr lange und spitz zulaufende Turmhauben gibt. Das sind die sogenannten Nadeltürme.

Man sieht es schon von weitem, es gibt Orte auf die fahren Sie zu und Sie sehen schon ganz lange den Kirchturm, aber sonst noch nichts vom Ort. Sie markieren auch: Da ist jemand.

Elke Bergt Leiterin des Baureferats Evangelische Kirche Mitteldeutschland

So kam man mit wenig Materialeinsatz sehr hoch, was bei unseren hügeligen Landschaften und den kleinen Dörfern im Tal ein Vorteil war. Und die spitzen Türme bieten auch dem Wind wenig Angriffsfläche in sturmgeplagten Bergregionen und die Schneelast war bei der steilen Dachneigung sowieso kein Thema. Und wenn unter der Haube keine Glocke hing, so kann das verschiedene Ursachen haben. In Thüringen kommt das zwar nicht so häufig vor, eher in anderen Gegenden - wie in Böhmen zum Beispiel -, aber mitunter waren die Glocken einfach zu schwer geworden. Wenn nämlich die kleine hellere Glocke durch eine tiefere mächtige ersetzt wurde, dann war die Statik des Turmes auch der Schwingungen wegen unter Umständen überfordert. Mitunter war der Turm beim Bau auch gar nicht als Glockenturm ausgelegt, sondern als Wehr- oder Wachturm oder – auch das ist ein Grund für ein separates Glockenhaus – es gab anfangs noch gar keine Kirche und die Glocke wurde separat als Feuer- oder Alarmglocke angeschafft. Die Geschichten rund um unsere Kirchtürme sind so vielfältig wie deren Aussehen.

Der schiefe Kirchturm von Bad Frankenhausen 1 min
Bildrechte: MDR/Alexandra Zielinski

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 26. März 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2019, 16:00 Uhr

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2 Kommentare

26.03.2019 19:50 Max W. 2

"Man sieht es schon von weitem, es gibt Orte auf die fahren Sie zu und Sie sehen schon ganz lange den Kirchturm, aber sonst noch nichts vom Ort. Sie markieren auch: Da ist jemand."

Mit dem Beginn des Chaussee-Baues waren KT immer auch Vermessungsmarken, weshalb manche Altstrasse schnurgerade zwischen zwei Kirchtürmen verlauft.

An der Küste waren KT zudem seit dem Mittelalter immer auch "Seezeichen", mit deren Hilfe man mittels Kreuzpeilung den eigenen Standort hinreichend genau bestimmen konnte. Für die Sportküstensegelei sind sie es heute noch.

26.03.2019 16:56 Herbert 1

Auch in Thüringen gibt es Zwiebeltürme an Kirchen und/oder gedrehte Kirchtürme.

So hat die Nikolaikirche in Eisenach einen Achteckturm und die Georgenkirche Eisenach am
Rathaus hatte gar keinen Turm. Dieser wurde erst sehr viel später Ende des 19. Jahrhunderts angebaut.