Der Redakteur | 11.04. 2019 Jäger der verschwundenen Statue

Einst stand sie im Brühler Garten. Die Betonfigur einer knienden Frau diente Ingrid Hänisch als Spielgerät. Zusammen mit ihrer Freundin legte sie Gänseblümchen auf ihr ab. Eines Tages verschwand die Figur. Kann unser Redakteur sie finden?

von Thomas Becker

Beton Skultpur im Brühler Garten Erfurt
Die geheimnisvolle Figur einer Frau. In den 70er-Jahren stand sie im Brühler Garten in Erfurt. Wo ist sie heute? Bildrechte: Stadt Erfurt

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Es gibt sie noch, die kniende junge Frau mit der Schüssel und den Tauben und dem langen Zopf. Die Statue steht zusammen mit ebenso "ausrangierten" Artgenossen vor dem Gebäude der Künstlerwerkstätten der Stadt Erfurt in der Lowetscher Straße. Die schlechte Nachricht: Dem Mädchen fehlt der Kopf. Auch die Arme sind abgeschlagen und auf ihr lasten die Jahre in Form von Moos und man muss wirklich sehr genau hinschauen, wenn man da noch ein Kunstwerk erkennen will. Es ist aber tatsächlich die Darstellung von Aschenputtel des Künstlers Hans Schäke. Sie war Teil der Neugestaltung des Brühler Gartens in den 1930er-Jahren, als dort ein Kinderspielplatz eingerichtet wurde. Der Verein zur Förderung der ökologischen Bildung e.V. veröffentlicht u.a. Artikel über Denkmale und hat sich auch mit der Geschichte des Brühler Gartens befasst.

Demnach war es die Witwe Julie des ehemaligen Inhabers des Großbetriebes für Papier- und Metallverarbeitung Zander & Co., Dr. Wilhelm Siegfried, die die Wilhelm-Siegfried-Stiftung gründete, um den Namen ihres Mannes "mit der Sorge für die heranwachsende Jugend" zu verbinden. Gemeinsam mit Direktor Multhaupt vom Friedhofs- und Gartenamt setzte sie durch, für einen Betrag von 21.000 Reichsmark einen Teil des Brühler Gartens zum ersten öffentlichen Erfurter Kinderspielplatz umzugestalten. Kinder fanden hier vorher nur auf den Verbotsschildern Platz. Eingeweiht wurde der Spielplatz demnach am 29. Mai 1936.

Zur Ausstattung des Kinderparadieses gehörten Hans Walthers (1880-1961) Mutter-Kind-Gruppe (Bronze auf rotem Granitsockel) für einen Ruheplatz der Erwachsenen, auch sein Märchenbrunnen "Froschkönig", dazu von Bildhauer Hans Schäke das aus Eichenholz geschnitzte, bunt bemalte Portal mit tanzenden Kindern, Struwelpeter und Suppenkaspar zum Ansporn artigen Verhaltens und seine Terracotta "Aschenputtel".

www.thueringer-naturbrief.de

Erfurter aufgepasst: Kennen Sie diese Statuen?

Damit bekommt unsere gesuchte Figur nun auch das korrekte Material zugewiesen. Sie hatte offenbar Glück, denn die benachbarten Bronze-Kunstwerke wurden 1943 für Kriegszwecke eingeschmolzen und "Aschenputtel“ scheint das letzte Relikt zu sein aus dieser Zeit des Spielplatzes mit Karussell, Schaukel, Rutschbahn, Wippe und Pferdchen mit beweglichen Köpfen. Aschenputtel hat heute wie gesagt keinen Kopf mehr und ist auch sonst in einem bedauernswerten Zustand. Andere Kunstwerke in ihrem aktuellen häuslichen Umfeld an den Künstlerwerkstätten in Erfurt sehen deutlich besser aus, sind aber im Gegensatz zu Aschenputtel Findelkinder mit unklarer Herkunft. Irgendwann – zumeist in den 1970er- oder 1980er-Jahren – mussten sie ihre angestammten Plätze verlassen und fristen seit dem ein unbeachtetes Dasein. Deshalb fragen wir die alteingesessenen Erfurter, ob sie sich an die Standorte erinnern können.

Wir ziehen mit den Werkstätten in ein neues Objekt und würden natürlich gern wissen: Wo kommen diese Skulpturen her, kann man noch etwas damit anfangen? Gibt es Interesse in Parks oder an den ursprünglichen Standorten? Ansonsten müssten wir das eine oder andere auch entsorgen.

Marlies Imhof Sachgebietsleiterin Soziokultur und Kulturelle Bildung Kulturdirektion Erfurt

Und um unserer kleinen Heimatkundestunde noch einen weiteren Aspekt hinzuzufügen: Der Brühler Garten in Erfurt war einst Teil der Stadtbefestigung, nämlich ein sogenannter Zwinger. Das bedeutet: Angreifer, die es über die erste Mauer geschafft hatten, standen dann vor der nächsten und hatten im Zwinger zwischen den Mauern keine wirkliche Deckung. Eine unschöne Vorstellung also. Später wurde der Brühler Garten zum Friedhof, für etwas Pacht und einige Hühner kam die eine oder andere "Quadrat-Rute" an Land hinzu, das Erfurter Stadtarchiv hat dazu einige Landübertragungen abgeheftet. Heute ist der Brühler Garten so groß wie eineinhalb Fußballfelder, nur ein bisschen schöner bewachsen halt und eine der kleineren Parkanlagen der Landeshauptstadt.

Vergessene Denkmäler in Erfurt Kennen Sie diese Skulpturen?

Thomas Becker und Marlies Imhof von der Stadt Erfurt
Unser Redakteur Thomas Becker und Marlies Imhof von der Erfurter Kulturdirektion. Wo standen die alten Statuen früher? Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Thomas Becker und Marlies Imhof von der Stadt Erfurt
Unser Redakteur Thomas Becker und Marlies Imhof von der Erfurter Kulturdirektion. Wo standen die alten Statuen früher? Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Eine knieende Steinskulptur
Statue A: Eine kniende Steinfigur wartet hier schon seit Jahren auf ein neues Zuhause. Haben Sie sie erkannt? Wissen Sie wo sie früher stand? Schreiben Sie in die Artikel-Kommentare. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Eine liegende Steinskultur
Statue B: Eine Frauenfigur, umrahmt von zwei Säulen. Wo stand die Figur früher? Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Eine mysteriöse Steinfigur
Statue C: Ist es ein Vogel? Ist es ein unbekanntes Wesen? Wo stand diese mysteriöse Steinskulptur. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Zwei kopflose Steinfiguren
Statue D: Das ist Aschenputtel. Der Ausgangspunkt unserer Redakteursfrage. Sie stand einst im Brühler Garten in Erfurt. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Ein in Stein gehauener Mann
Statue E: Ein dramatisch wirkendes Männerbildnis ist hier in Stein gemeißelt. Woran erinnert diese Statue und vor allem, wo mahnte sie einst? Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Ein in Stein gehauener Mann
Statue F: Nicht weniger dramatisch wirkt dieser Herr. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
Die Überreste einer Steinskulptur
Statue G: Hier ist nicht mehr viel übrig. Aber wer weiß, vielleicht erkennt es ja jemand wieder. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck
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Eine knieende Steinskulptur
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 11. April 2019 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2019, 16:59 Uhr

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