Der Redakteur | 16.11.2018 Adel verzichtet?

Ist es gerecht, dass unsere Vorfahren mit ihren Abgaben die Schlösser finanziert haben und die Nachfahren der Adligen nun von unseren Steuergeldern entschädigt worden sind? Ein Fall für unseren "Redakteur" Thomas Becker.

von Thomas Becker

Endlich ist die Sache mal eindeutig! Der Adel hat unsere Vorfahren ausgebeutet und wurde am Ende auch noch dafür entschädigt, dass er uns seine mittlerweile verfallenen Prunkschlösser überlassen hat. Das ist hochgradig ungerecht! Stecken darin doch Schweiß und Abgaben unserer armen Vorfahren! Doch ist diese Beweisführung wirklich schlüssig? Das Thema ist auch viele Jahre nach dem Vergleich, den Thüringen mit Prinz Michael geschlossen hat, nicht durch. Rechtlich ganz sicher, aber emotional eben nicht. Die Weimarer Stadtführerin Renate Rackwitz hat immer wieder Besucher in ihren Gruppen, die nachfragen, wenn sie zum Beispiel auf dem Platz der Demokratie unterm Reiterdenkmal stehen, rechts Anna Amalia Bibliothek im Auge und in Blickrichtung des reitenden Augusts das Stadtschloss.

Da gehen die Meinungen natürlich sehr auseinander, dass 1994 Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach für eine Tochter Leonie 15,5 Millionen bekommen hat als Entschädigung. Denn er hatte Anspruch auf das ehemalige Residenzschloss, das Goethe- und Schiller-Archiv, die Anna Amalia Bibliothek, die Fürstengruft. Und da hat sich das Land gütlich mit ihm geeinigt. Das ist kritisch zu hinterfragen, denn es gab schon in den 1920er Jahren Fürstenabfindungen.

Renate Rackwitz, Stadtführerin in Weimar

Wobei bei diesen Vorgängen damals auch nicht alles nach Recht und Gesetz verlaufen ist, weil da auch viel Emotionalität im Spiel war, sagt Gerhard Lingelbach, Rechtsprofessor an der Uni Jena. Denn es war eine revolutionäre Zeit. Und an dieser Stelle beginnt die Gegenrechnung. "Nur" 15,5 Millionen haben "wir" also bezahlt für die vielen Schlösser und anderen Gebäude, die Gemälde und Skulpturen, den Nachlass von Goethe und Schiller, einschließlich ihrer Gebeine in der Gruft? Es gibt Menschen, die das für ein Schnäppchen halten, auch wenn alles nur mit vielen weiteren Millionen auf den heutigen Stand gebracht wurde und wird. Man darf unterstellen, dass Prinz Michael wusste, dass das seine Privatschatulle überfordert hätte. So gesehen ist der Vergleich, der nach der Wende geschlossen wurde, vielleicht doch ein Gewinn für beide Seiten gewesen.

Das Schloss Ehrenburg in Coburg. 12 min
Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Aber wo bleiben unsere armen Vorfahren und wo ist der Ausgleich für deren Leistungen als "Geknechtete"?  Professor Lingelbach hat seinen Studenten schon viel erzählt über die Rechtsgeschichte in diesem Zusammenhang. Zum Beispiel darüber, dass der mitunter schlechte Ruf, den die Adligen haben, auch aus der Zeit der französischen Revolution stammt. Begriffe wie "Leibeigene" machten die Runde und sind nur schwer wieder einzufangen. Bis heute.

Das Wort wurde ganz gezielt geschaffen, um den Adel zu diskreditieren. Das wurde oft verkoppelt mit einer Rechtsfigur, die es nie gegeben hat, nämlich das Recht der ersten Nacht. Das ist nirgends belegt, viele Forscher haben sich damit befasst. Das gibt es nicht.

Prof. Dr. Gerhard Lingelbach, Rechtswissenschaftliche Fakultät Uni Jena

Fake-News des 18. Jahrhunderts also, mit Bestand bis heute. Deshalb sollten in der Gesamtabrechnung mit dem Adel die Verdienste nicht außer Acht gelassen werden. Zum einen wurden die "Leibeigenen", die Prof. Lingelbach lieber als "Untertanen" bezeichnen möchte, für ihre Tätigkeit am Hofe entlohnt. Klar - so räumt er ein - aus heutiger Sicht war das zu gering. Auch die Lebensverhältnisse von einst mögen heutigen Vorstellungen nicht entsprechen, aber ob die ebenso großen wie zugig kalten Gemäuer der Adligen und deren steife Umgangsformen nur ein reiner Quell der Freude waren, sei auch mal dahin gestellt. Dass Prunk und Repräsentation eine große Rolle spielten, ist natürlich unbestritten, auf der anderen Seite verdanken wir dem einstigen Zauber heute wundervolle Gebäude, Malereien, Denkmäler und klassische Musik - sprich: Den größten Teil unserer kulturellen Identität, auf die wir ja irgendwie auch ziemlich stolz sind.

Eine Karte zeigt die Verteilung der Herzog- und Fürstentümer in Thüringen von 1826 bis 1918.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deshalb verweist Professor Lingelbach auch darauf, dass es die Adligen waren, die von den Steuereinnahmen den Staat organisiert haben und am Laufen hielten und dass ihre Visionen und Interessen dazu beitrugen, dass vieles überhaupt in Auftrag gegeben wurde.

Das ist etwas, was die "Herrschenden", egal ob in der Zeit des Adels oder auch im Kapitalismus, umsetzen. Die haben die Ideen und tragen die Risiken. Auf der anderen Seite gab es aber auch die Kriege. Das ist ein wunder Punkt, dass der Adel eben Kriege geführt hat, auch zu Lasten der Bevölkerung.

Prof. Dr. Gerhard Lingelbach, Rechtswissenschaftliche Fakultät Uni Jena

Das bedeutet: Rückwirkend echte Gerechtigkeit herzustellen, ist eine geradezu unlösbare Aufgabe, vor allen Dingen, wenn es über Generationen und Jahrhunderte hinweg geht. Wir haben den Franzosen Leid angetan im 20.Jahrhundert, ihr Napoleon hatte zuvor bei uns gewütet. Und nun? Letztlich endet das Ganze nämlich irgendwann bei Adam und Eva, meine Damen. Und da wird es ganz skurril! Wir Männer hätten nämlich nur allzu gern unsere zu Unrecht entnommene Rippe zurück!

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 16. November 2018 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2018, 09:35 Uhr

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3 Kommentare

20.11.2018 11:53 part 3

Bei der Gerechtigkeit geht es vor allem auch um die Besitz- und Eigentumsverhältnisse, die in der alten BRD weiter bestanden und nach 1990 langsam durch den Bundestag ungekehrt wurden durch die Treuhand, Entschädigungsgesetze und Rückkaufsrechte zu Minimalpreisen. Der 2plus4- Vertrag und Einigungsvertrag sah vor die Ergebnisse der Bodenreform von 1945 nicht anzutasten. Rückblickend muß man sich vor Augen halten, vom wem die Adelgeschlechter den Grund und Boden geraubt haben, wer ihren Reichtum erschaffen hat, mit welchem Recht sie sich in den ersten Stand der Gesellschaft erhoben haben und sich den zweiten Stand zur Unterdrückung der Gesellschaft gehalten haben. Kriege und koloniale Eroberungen rundeten das Bild ab, das heute wieder auf anderem Niveau Konjunktur hat. Privatisierung und Umverteilung heist das Motto der neuen BRD, die sich jeglichen Staatseigentums entledigen möchte, entgegen 40 Jahren Wertschöpfung für die Allgemeinheit.

19.11.2018 11:44 W. Merseburger 2

Wie ich aus obigem Artikel erfahre sind der Nachlass von Goethe und Schiller, ja sogar die Gebeine Eigentum der adligen Vorfahren von Prinz Michael gewesen. Und nun sind sie wahrscheinlich endgültig mit Geld des Freistaates erworben worden. Zusätzlich werden Geschichtsprofessoren und Rechtswissenschafter bemüht, um uns Geschichte neu und eben im Sinne des Adels zu erklären. Weiterhin lerne ich heute im fortgeschritten Lebensalter, dass Leibeigenschaft eine Erfindung der französischen Revolution ist, um den Adel zu diffamieren. Ich halte es aber mit Professoer Böhmer, der sich enorm dagegen gwehrt hat, als ihm bundesdeutsche Schlauberger die Geschichte seiner Zeit erklären wollten.