Der Redakteur | 14.01.2020 Wieso werden Ärzte im Praktischen Jahr meist nicht bezahlt?

Kerstin Richter aus Eisenach findet, dass viel über Ärztemangel und Attraktivität des Ärzteberufes gesprochen werde. Wie sei es dann zu erklären und mit dem Mindestlohn vereinbar, dass angehende Ärzte nach dem Examen während Famulatur (4 Monate Praktikum) und praktischem Jahr monatelang kostenlos in Krankenhäusern eingesetzt werden dürfen? Ohne Anspruch auf Vergütung?

Es klingt mitunter schon ein wenig danach, als hätten wir keine Nachwuchssorgen bei den Ärzten. Im Praktischen Jahr ist den angehenden Ärzten die großartige Funktion eines Lückenbüßers zugedacht, "der überall dort zur Stelle ist, wo im Krankenhaus Personal gebraucht wird." Das ist kein Einzelschicksal und auch keine Privatmeinung von irgendwem, sondern ein Zitat aus einer Presseerklärung des Marburger Bundes, dem Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. 2018 wurden 1.300 Studierende befragt.

Dauereinsatz als Blutabnehmer und Hakenhalter?

Ein Arzt nimmt bei einem Patienten Blut ab. 6 min
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Über uneinheitliche Bezahlung von jungen Ärzten im praktischen Jahr haben wir uns mit Philipp Schiller unterhalten. Er ist Sprecherrat der Medizinstudierenden im Marburger Bund.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 14.01.2020 15:05Uhr 06:02 min

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"So geben in der Befragung 79 Prozent der Teilnehmer an, dass sie sonstige bzw. nichtmedizinische Aufgaben übernehmen, die auch nichtärztliches Personal erledigen könnte (z.B. Botengänge). Diese Situation spiegelt sich auch in den Freitextantworten. Dort wünschten sich die Teilnehmer der Befragung, öfter ärztlich tätig werden zu dürfen und nicht als "Hakenhalter" oder "Blutabnehmer" im Dauereinsatz zu sein."
(Quelle: Befragung des Marburger Bundes zu den Aufgaben im Praktischen Jahr 2018)

Das bestätigen auch die Studenten, die als Vertreter von Studentenvertretungen als einzige zum Interview bereit waren. Diese sehr gut ausgebildeten Arbeitskräfte sind zu einigem in der Lage. Sie sind doch im Jahr nach dem Praktikum selbst Arzt, machen also durchaus – unter Aufsicht natürlich – mehr als nur Handreichungen im OP, untersuchen die Patienten, führen Patientengespräche usw. Trotzdem bekommen sie eben etwas zu häufig das Blutentnahmeset in die Hand gedrückt. Das scheint im Krankenhaus ein wenig das praktikantentypische Kaffeekochen zu ersetzen.

Worüber sich viele PJler beschweren: Sie werden als Blutsauger missbraucht. Natürlich gibt es das Argument, dass man es lernen muss. Aber nichts desto trotz geht es ja im PJ nicht nur darum, Blut abnehmen zu lernen.

Philipp Schiller, Vors. Sprecherrat der Medizinstudenten des Marburger Bundes
Während eines Herz-Kreislaufstillstand wird der Patient von Hand beatmet 4 min
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Und das alles bei Arbeitszeiten, die es in sich haben. Nach der Approbationsordnung (§ 3 Abs. 4), so schreibt der Marburger Bund, sollen die Studierenden "in der Regel ganztägig an allen Wochenarbeitstagen im Krankenhaus anwesend sein" – das schließt eigentlich regelmäßige Anwesenheitszeiten von mehr als 40 Stunden pro Woche und vor allen Dingen zusätzliche Dienste aus. So der Marburger Bund. Allerdings habe jeder fünfte der Befragten (21 %) angegeben, auch Dienste außerhalb der täglichen Anwesenheitszeit leisten zu müssen. Also auch in der Nacht oder an Wochenenden.

Mehr als 70 Prozent verbringen 40 Stunden in der Klinik, 10 Prozent sogar 50 Stunden, was uns schon unter dem Ausbildungsaspekt fraglich erscheint. Wenn man noch hinzurechnet, dass einige von denen auch noch arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ist das nicht sinnvoll.

Philipp Schiller, Vors. Sprecherrat der Medizinstudenten des Marburger Bundes

Ein Krankenpfleger geht über einen Flur im Krankenhaus.
Nacht- und Wochenenddienste sind schon inklusive Bildrechte: dpa

Und auch nicht gesund. Wenn wenigstens das Geld stimmen würde. Aber angemessene Aufwandsentschädigungen seien die Ausnahme, nicht die Regel, so der Marburger Bund. Die Forderung: Eine obligatorische Aufwandsentschädigung im Praktischen Jahr. Schließlich dürfe die medizinische Ausbildung nicht von der eigenen oder der finanziellen Leistungsfähigkeit der Eltern abhängig sein. Eine solche obligatorische Aufwandsentschädigung fordert die Landesärztekammer Thüringen zwar nicht, wohl aber eine einheitliche Regelung.

Aus Sicht der Landesärztekammer Thüringen ist es im Sinne der Attraktivität des Arztberufes sicher sinnvoll, auch die Ausbildungsbedingungen zu diskutieren. Dazu gehört auch die Frage einer Aufwandsentschädigung im Praktischen Jahr, die aus unserer Sicht dann einheitlich verbindlich geregelt werden sollte.

Schriftliches Statement der Landesärztekammer Thüringen

Soweit die Appelle, die nun auch nicht so neu sind. Genaugenommen gibt es den ungehörten Ruf schon über Jahre, adressiert an die Politik. Denn aktuell macht jeder, was er will, wenn auch im Rahmen der deutschen Approbationsordnung, die aktuell überarbeitet wird. Diese ist die Vorgabe des Gesetzgebers.

Paragraf 3 Abs. 4 Satz 8 der Ärztlichen Approbationsordnung sagt dazu Die Gewährung von Geld- oder Sachleistungen, die den Bedarf für Auszubildende nach § 13 Abs. 1 Nummer 2 und Abs. 2 Nummer 2 des Bundesausbildungsförderungsgesetzes übersteigen, ist nicht zulässig.

Das bedeutet: Der höchste BAföG-Satz von derzeit 861 Euro pro Monat ist die Obergrenze. Eine Untergrenze, quasi einen „Mindestlohn“ gibt es nicht. Und das Mindestlohngesetz hebt an dieser Stelle elegant die Schultern. Demnach sind zwar auch Praktikanten Arbeitnehmer und demzufolge nach Mindestlohngesetz zu bezahlen …

… es sei denn, dass sie ein Praktikum verpflichtend auf Grund einer schulrechtlichen Bestimmung, einer Ausbildungsordnung, einer hochschulrechtlichen Bestimmung oder im Rahmen einer Ausbildung an einer gesetzlich geregelten Berufsakademie leisten.

§ 22 (Mindestlohngesetz - MiLoG)

Das mag bei einem Schülerpraktikum von wenigen Tagen nicht ins Gewicht fallen, aber ein Jahr lang oder mehr von Nichts zu leben, trotz eines Vollzeitjobs von 40 Wochenstunden plus X, das ist schon eine Herausforderung.

Unsere letzte Erhebung ist zwei Jahre alt. Demnach zahlen von 770 Kliniken nur zwei Kliniken den BAFÖG-Höchstsatz.

Johannes Stalter, Ausschuss Medizinstudierende Hartmannbund

Die allermeisten aber zahlen weniger bis nichts. Die Folge: Wer keine reichen Eltern hat, die das Studium wohlwollend sponsern, sondern Eltern, deren Finanzkraft eher im mittleren Einkommensbereich liegt, der bekommt auch nichts.

Bei ungefähr 40 Prozent der Medizinstudierenden ist es so, dass sie auf ihr Erspartes zurückgreifen müssen, weil es anders nicht möglich wäre, das zu finanzieren.

Martin Jonathan Gavrysh Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.
Leere Sitzreihen in einem Hörsaal 8 min
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Wie ein Medizinstudium abläuft, darüber haben wir uns mit Martin-Jonathan Gavrysh von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden unterhalten.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 14.01.2020 14:45Uhr 08:17 min

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Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht jedoch trotz aller Apelle keinen unmittelbaren Handlungsbedarf und verweist auf die gültigen gesetzlichen Regelungen, einschließlich des bereits zitierten Mindestlohngesetzes.

Peer Köpf, stellvertretender DKG-Geschäftsführer des Dezernats für Personalwesen und Krankenhausorganisation sagt dazu: "Sowohl bei der Famulatur als auch beim Praktischen Jahr handelt es sich um verpflichtende Bestandteile des Studiums (sozusagen Pflichtpraktika), die für den Studienabschluss notwendig sind. Für Pflichtpraktika kann es keine Vergütungspflicht (auch nicht nach Mindestlohngesetz) geben, dies gilt im Übrigen auch für andere Studiengänge. Vor dem Hintergrund des Wettbewerbs um zukünftige Ärzte gewährt aber mittlerweile die überwiegende Mehrheit der Lehrkrankenhäuser den PJlern eine Aufwandsentschädigung, die allerdings gesetzlich auf die Höhe des maximalen Bafög-Satzes (derzeit 861 Euro pro Monat) begrenzt ist. Darüber hinaus gewähren die meisten Lehrkrankenhäuser weitere Vergünstigungen wie z.B. kostenlose oder vergünstigte Verpflegung oder Unterbringung."

Eine warme Mahlzeit reicht

Die Krankenhäuser sind auch in einer relativ komfortablen Situation, entgegnen die Studentenvertreter. Die Studenten müssen ein Praktisches Jahr machen und haben tatsächlich meistens auch den Ehrgeiz, in eine Klinik zu kommen, die richtig gute Bedingungen bietet, unter denen man wirklich etwas lernt.  Und da muss man nicht auch noch mit Geld locken. Eine warme Mahlzeit reicht.

Übrigens: Der Umgang mit dem früheren Arzt im Praktikum (AiP), abgeschafft 2004, wurde gern als "Ausbeutung" bezeichnet. Viel Arbeit, vergleichbar mit der der "richtigen" Ärzte aber wenig Geld. Nun steht das Praktische Jahr in der Kritik. Seit Jahren wird am sogenannten "Masterplan 2020" gearbeitet nebst folgender neuer Approbationsordnung. In diesem Kontext sind auch die Forderungen zu sehen. Ob sich aber viel ändern wird, ist fraglich. Bezüglich einer besseren Aufwandsentschädigung haben die Studentenvertreter keine große Hoffnung. Vielleicht wird das Praktische Jahr künftig nicht mehr in drei Abschnitte geteilt, sondern in vier und die zulässigen 30 (oder mehr?) Ausfalltage könnten etwas flexibler verteilt werden dürfen. Bei den 30 erlaubten "Ausfalltagen" pro Jahr ist es nämlich so, dass diese neben Urlaub und Lerntagen auch mögliche Krankheitstage umfassen. Nun planen die Studenten die Tage im Wesentlichen ein, um die aus ihrer Sicht viel zu kurz bemessene 14tägige Vorbereitungszeit auf das mündliche Examen im Anschluss an das Praktische Jahr zu verlängern. Fast alle (!) vom Marburger Bund befragten Studenten halten diese 14 Tage für viel zu kurz bemessen. Die Zeit aber wichtig, um das erworbene medizinische Praxiswissen zu verarbeiten, Dinge nachzuschlagen, zu sortieren und zu festigen. Man kann diese Lernzeit also nur verlängern, indem man auf Verschleiß fährt und nicht in den Urlaub – alles für das große Ziel, Arzt zu werden. Und schlimmer noch: Im Zweifelsfall kommt man krank ins Krankenhaus. Aber eben nicht als Patient.

Da kriegt man dann schon einen kleinen Vorgeschmack auf einen späteren Burnout, den ja auch einige Kollegen mit sich herumschleppen.

Philipp Schiller, Vors. Sprecherrat der Medizinstudenten des Marburger Bundes

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. Januar 2020 | 16:10 Uhr

5 Kommentare

MarcausHGW vor 36 Wochen

Es ist in meinen Augen eine Frage der Gerechtigkeit und auch der Existenz.
Wie kann ich, als PJler mit 200€/ Monat Aufwandsentschädigung meine Miete, Strom, Telefon/Internet, Versicherung, Rundfunkbeitrag, Krankenversicherung und evtl. noch Essen und Trinken bezahlen?
Für Studenten die keine gutverdienenden Eltern haben und kein Bafög bekommen.
Den Anfang des Studiums zu finanzieren ist schon Höchstleistung.
Und jetzt soll man 48 Wochen mindestens 40/Wo arbeiten für 200€/Monat?! Wenn man Glück hat bekommt man einen Platz an einer kleinen Klinik, welche die Unterkunft stellt und vielleicht noch 400-600€ bezahlt. Wenn man allerdings Pech hat, kann man auch nichts bekommen.
Dann muss man also zusätzlich an jedem Wochenende schuften um über die Runden zu kommen, oder auf Pump leben, Kredit aufnehmen.
Ist das gerecht?
Wer würde unter solchen Bedingungen arbeiten?
Oft wird eine Neiddebatte über Ärztegehälter geführt, welchen Weg sie hinter sich haben und was sie leisten kommt oft zu kurz.

Lucas vor 36 Wochen

Was wird denn da gesagt?:

" Mehr als 70 Prozent verbringen 40 Stunden in der Klinik, 10 Prozent sogar 50 Stunden, was uns schon unter dem Ausbildungsaspekt fraglich erscheint. Wenn man noch hinzurechnet, dass einige von denen auch noch arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ist das nicht sinnvoll.
Philipp Schiller, Vors. Sprecherrat der Medizinstudenten des Marburger Bundes "

wer muß denn da noch zum Lebensunterhalt dazuverdienen - der Arzt sicher nicht - wohl nur der Student. Das soll auf gar keinen Fall heißen, daß zuviel verdient wird. Vielleicht dieses Bsp.: Ein Arbeiter hat 1.500€, der Arzt bestimmt das 3-fache. Aber der Arzt soll das auch haben, denn er leistet dafür Enormes - den Erhalt der Gesundheit...

ottovonG vor 37 Wochen

Wer Medizin studiert ist vom Steuerzahler mit mehreren Hunderttausend Euro während der Ausbildung bezuschusst worden. Das Studium ist in Deutschland kostenlos. Wer ein freiwilliges soziales Jahr macht bekommt weniger vergütet, als jeder PJler. Der Ärztemangel besteht nicht, und das ist ein offenes Geheimnis, weil zu wenig Studienplätze bestünden, die sind seit Jahrzehnten gleich bzw. durch private Hochschulen steigend. Viele Studenten wollen nach Abschluss nicht in der Klinik arbeiten, gehen gleich ins Ausland, heiraten reich, bekommen n+x Kinder und machen Teilzeit. In den 90ern mussten Ärzte sich teils während der Facharztausbildung Zweitjobs suchen, so niedrig waren die Löhne. Der Arztberuf ist kein 9 to 5- Job, Überstunden, Wochenend- und Nachtarbeit normal. Es kann nicht jeder wie Frau VdL, Hr. Rössler oder Marschmeyer das Studium nur als Sprungbrett nutzen wollen. wer später nicht einige Jahre in der Klinik arbeitet sollte fiannziell zur Kasse gebeten werden!